Heinrich Heine hat seinen Platz gefunden Dichter-Denkmal in Bremer Wallanlagen enthüllt

Bremen. Da sitzt er nun und schaut, ein eher junger Mann mit nachdenklicher Miene. 'Wer ist das?', fragt jemand im Vorbeigehen, und so soll es ja sein, sagen die Spender: Sie wollen mit dem Denkmal Neugier wecken auf Heinrich Heine. Am Freitag wurde die Skuptur feierlich enthüllt.
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Dichter-Denkmal in Bremer Wallanlagen enthüllt
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Da sitzt er nun und schaut, ein eher junger Mann mit nachdenklicher Miene. 'Wer ist das?', fragt jemand im Vorbeigehen, und so soll es ja sein, sagen die Spender: Sie wollen Neugier wecken auf Heinrich Heine und haben ein Denkmal mit der Dichterfigur gestiftet, das gestern in den Wallanlagen feierlich enthüllt wurde. Vorausgegangen war ein fast possenhafter Streit um den Standort.

Die Bronzeskulptur - der Dichter auf einem Schemel, die Arme weit von sich gestreckt - steht am Altenwall, unweit des Theaters. Ein Platz, der von Anfang an so vorgesehen war, zwischendurch aber keine Rolle mehr spielte.

Heinrich Heine sollte plötzlich vors Hohe Haus, vor die Bürgerschaft, er hätte überlebensgroß direkt am Marktplatz gesessen. Die Sache war im kleinen Kreis bereits beschlossen, doch dann regte sich Widerstand. Ein dreieinhalb Meter hohes Denkmal an so exponierter Stelle - und dann für einen Mann, der zwar im Ratskeller mal ordentlich einen getrunken hat und schöne Verse darüber schrieb, mehr Bindung an Bremen aber nicht hat. Unmöglich, urteilten die Kritiker.

Einer, der damals unterlegen war, machte gestern keinen Hehl aus seiner Niederlage. 'Was soll jemand sagen, der verloren hat', hob Bürgerschaftspräsident Christian Weber in seiner Rede an. Er würde die Heine-Skulptur weiterhin lieber vor dem Skulpturengarten an der Bürgerschaft sehen, sagte Weber und erinnerte noch einmal an den alten Streit: 'Wir sind von einem Kreis angefeindet worden, den wir vorher gar nicht kannten.' Es war der Landesbeirat für 'Kunst im öffentlichen Raum und Künstlerförderung', der sich eingemischt hatte und sehr darum bat, für das Denkmal einen anderen Platz zu suchen als vor der Bürgerschaft. Er bekam freilich schnell Unterstützung, unter anderem vom Bürgermeister.

Böhrnsen: Der Platz ist angemessen

Jens Böhrnsen war es dann auch, der gestern die Wahl des Standortes verteidigte: 'Der Platz ist angemessen, gut und herausragend, es gibt keinen besseren.' Heinrich Heine stehe nun in der Mitte der Stadt, für jeden sichtbar und ein Anstoß 'zum Nachdenken, Bestaunen und neugierig machen'. Böhrnsen dankte den Spendern, allen voran Klaus Hübotter und Uwe Hollweg mit seiner Frau Karin, sie haben für das rein privat finanzierte Projekt mit Sockel und Denkmal im Ganzen rund 90000 Euro ausgegeben.

Die Heine-Figur stammt von dem Bildhauer Waldemar Grzimek. Er hat sie 1953 modelliert. Es gibt mehrere Ausfertigungen davon, eine steht in Berlin vor dem Gorki-Theater in der Nähe der Humboldt-Universität. Zu DDR-Zeiten war sie in einem Park versteckt worden, den Staatssozialisten gefiel die Machart nicht - zu weich die Gesichtszüge, zu wenig heldenhaft die Attitüde.

Für Bernd Altenstein, einer von rund 200 Besuchern, die bei der Enthüllung dabei sein wollten, macht gerade dieser Aspekt der Skulptur die besondere Qualität aus: 'Sie ist sparsam und zurückgenommen.' Der Mann kennt sich aus, er arbeitet als Bildhauer und ist Professor an der Hochschule für Künste. 'Grzimek zeigt den Menschen und Dichter, völlig unheroisch.' Allein dass Heine sitzt und nicht steif auf einem Sockel steht, hebe das Denkmal von anderen ab.

"Kein modisches Denkmal"

'Es ist kein modisches Denkmal', hielt Arie Hartog vom Gerhard-Marcks-Haus in seiner Ansprache fest. Grzimek habe eine große vereinfachte Form gewählt und sie mit präziser Psychologie vereint. 'Die Figur vermittelt keine ideologische Festlegung, sie ist komplex', sagte Hartog. 'Heine spricht und hört zu, er zielt damit direkt auf seinen Betrachter.'

Das Gerhard-Marcks-Haus - Grzimek war ein Schüler von Marcks - hatte die Figur lange Jahre als Gipsform in einem Depot verwahrt und musste zuletzt Sorge haben, dass sie auseinanderfällt und für einen Bronzeguss nicht mehr zu gebrauchen ist. Das Angebot der Stifter kam gerade zur rechten Zeit und löst spät übrigens ein Versprechen der Stadt ein. Waldemar Grzimek hatte 1984 den Bremer Bildhauerpreis zugesprochen bekommen. Damit verbunden war die Zusage, eines seiner Werke in der Stadt aufzustellen. Das ist nun eingelöst.

Klaus Hübotter ging ans Rednerpult, da war Heine gerade enthüllt worden. 'Erst mal bewundern', sagte der Stifter, schwieg für einen Moment und freute sich dann: 'Ich darf uns allen gratulieren, dass Heinrich Heine nach 200 Jahren wieder in Bremen angekommen ist.' Für Hübotter ist Heine nach Goethe der größte deutsche Dichter. Als Kronzeugen für diese Einschätzung führte er ausgerechnet Fürst Metternich an, einen begnadeten Reaktionär, politisch der absolute Gegenpol zu Heine, den man heute als Linken bezeichnen würde. Als Metternich 1815 auf dem Wiener Kongress etwas vom Dichter vorgelesen bekam, soll er ein klares und schnelles Urteil abgegeben haben: 'Vorzüglich, vorzüglich - sofort verbieten!'

'Eine positivere Kritik ist wohl kaum denkbar', sagte Hübotter. Heine sagte nichts, er saß einfach nur da.

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