Feinstaub-Studie empört Umweltbehörde Dicke Luft in Bremen

Bremen, die grüne Stadt – das war einmal. Für Forscher ist die Stadt orange. Auf einer Europakarte haben sie alle Städte mit Signalfarben gekennzeichnet, in denen 2030 die Luft am dicksten sein wird.
05.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Dicke Luft in Bremen
Von Christian Weth

Bremen, die grüne Stadt an der Weser – das war einmal. Für Forscher aus Österreich ist die Hansestadt orange. Auf einer Europakarte haben sie alle Städte mit Signalfarben gekennzeichnet, in denen 2030 die Luft am dicksten sein wird – Städte, die es nicht schaffen, Grenzwerte für Feinstaub einzuhalten. Die Umweltbehörde ist empört über diese Prognose. Mediziner und Umweltschützer sehen sich hingegen bestätigt: So unbedenklich, wie immer getan werde, sei die Bremer Luft nicht.

Gregor Kiesewetter ist Physiker, sein Spezialgebiet sind atmosphärische Prozesse. Mit 20 österreichischen Wissenschaftlern hat er untersucht, wie sich die Feinstaubkonzentration in europäischen Städten bis 2030 entwickeln wird. Und welche dann Probleme haben, die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einzuhalten. So lautete der Auftrag der EU-Kommission. „Auf Grundlage der Daten will sie unter Umständen über neue Obergrenzen beraten“, sagt Kiesewetter.

Herausgekommen ist eine Karte, die für einigen Wirbel in den Städten sorgt, die der Physiker und sein Team vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse mit Signalfarben versehen haben. Bremen ist orange, genauso wie München und Berlin. Stuttgart ist sogar rot. Es sind die vier einzigen Städte bundesweit, in denen nach der Prognose in 15 Jahren ein Feinstaubwert von 25 bis 35 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft erreicht wird. Der Grenzwert der WHO liegt bei 20 Mikrogramm.

Seit Tagen forscht Kiesewetter nach eigenen Bekunden nicht mehr, er beantwortet nur noch Fragen von Behörden. Sie wollten wissen, wie es möglich sei, dass ihre Stadt so bewertet werde und nicht anders. Der Physiker erklärt, dass er immer wieder dasselbe sage: dass Daten von 1800 Messstationen in Europa herangezogen und Werte aus dem Jahr 2009 hochgerechnet worden seien. Dass bei der Studie eine Zunahme des Verkehrs und der Wirtschaftskraft eine Rolle gespielt habe. Und dass es sich um eine Prognose handele: „So kann es kommen, muss es aber nicht.“

Auch die Bremer Umweltbehörde hat Fragen gestellt. Sie ist vom Ergebnis genauso überrascht wie andere Landesämter – und reagiert empört. Für Ressortchef Joachim Lohse (Grüne) ist etwa die Methodik der Studie vollkommen schleierhaft: „Es wird nicht mal berücksichtigt, dass Bremen eine Umweltzone hat.“ Das stimme, sagt Kiesewetter, das habe die EU-Kommission so gewollt. Schließlich sei der Nutzen solcher Zonen fraglich. Den bezweifelt auch der Bremer Lungenfacharzt Dieter Ukena im Interview des WESER-KURIER. Der Mediziner kritisiert, dass Umweltzonen im Grunde nur den Politikern als Nachweis dienten, nicht tatenlos zu sein. Wirklich helfen würden sie dagegen nicht. Die Behörde sieht das erwartungsgemäß anders.

Überrascht ist sie nicht zuletzt deshalb von den Ergebnissen der Österreicher, weil in deren Prognose von Grenzwerten der WHO die Rede ist, die lediglich Empfehlungen sind. Und nicht von den Werten der EU, die bindenden Charakter haben. Der Grenzwert der EU liegt bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Lohse: „Seit Jahren wissen wir, dass Bremen den Grenzwert der WHO nicht einhält.“ Würde die Stadt das versuchen, müsste der Individualverkehr auf sämtlichen Straßen nahezu komplett eingestellt werden.

Nach Ansicht von Lohse unternimmt Bremen beziehungsweise seine Behörde viel, um die Belastung durch Feinstaub so gering wie möglich zu halten. Er verweist auf das Carsharing-Programm, bei dem sich mehrere Fahrer ein Auto teilen, und auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Derzeit werde untersucht, inwieweit die Feinstaubwerte reduziert werden könnten, wenn alle städtischen Busse, die über den Dobben fahren, teilweise oder komplett mit Elektromotor ausgestattet wären.

Am Dobben, das weiß Lohse, ist Bremens Luft am dicksten: Wenn Grenzwerte überschritten werden, dann dort. Seit Jahren ist das so. Neu für Umweltschützer ist es jedoch, dass die Höchstmarke wieder öfter durchbrochen wird als noch vor einiger Zeit. Georg Wietschorke hat mitgezählt: „Pro Jahr darf der Grenzwert 35 Mal überschritten werden – 2014 geschah das am Dobben 32 Mal.“ Der Mitstreiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz fordert mehr, als Lohse will: Wietschorke verlangt ein Fahrverbot für Laster am Dobben und eine weitere Umweltplakette: eine blaue für Dieselfahrzeuge, die fortan den EU-Standard Euro 6 einhalten sollen.

Dass Handlungsbedarf besteht, erlebt Jürgen Fuchs jeden Spätsommer aufs Neue. Dann registriert der Allgemeinmediziner in seiner Praxis in der Östlichen Vorstadt viele Patienten mit Husten, obwohl weder Pollen- noch Erkältungszeit ist. „Manchmal 20 am Tag.“ Fuchs ist überzeugt davon, dass ein Zusammenhang zur Feinstaubbelastung besteht. Vor Jahren, als er wieder viele Menschen mit ähnlichen Symptomen hatte, ließ er sich von der Behörde den aktuellen Messwert geben: „Er war so auffallend hoch wie die Zahl der Patienten.“ Darüber habe er das Ressort informiert, seither aber nichts mehr von dort gehört.

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