Politiker analysieren den Wahlausgang

Die Ängste der Bremer AfD-Wähler

Welche Gruppen haben in Bremen für die AfD gestimmt, und was könnten die Gründe dafür sein? Ortsamtsleiter und Beiratssprecher aus den Stadtteilen mit vielen AfD-Wählern geben eine Einschätzung.
26.09.2017, 20:04
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Die Ängste der Bremer AfD-Wähler
Von Sara Sundermann

In Bremen-Stadt kam die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Bundestagswahl im Schnitt auf 9,6 Prozent. Doch die Wähler der Partei verteilen sich keineswegs gleichmäßig auf alle Stadtteile: In bürgerlichen Gebieten wie dem Viertel, Schwachhausen und der Neustadt erhielt die AfD weniger als fünf Prozent der Stimmen. Viel Zuspruch bekam die AfD in Blumenthal (16 Prozent), Osterholz (14,3 Prozent) und der Vahr (13,7 Prozent). Mehr als zwölf Prozent erzielte die Partei auch in Gröpelingen und Huchting. Die meisten Wähler hat die AfD also in Gebieten, in denen viele Einwohner Sozialleistungen beziehen, wenige Kinder zum Gymnasium gehen und es viele Einwanderer gibt, beschreibt Evelyn Temme vom Landeswahlamt.

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Welche Gruppen haben in Bremen die AfD gewählt, und was könnten die Gründe dafür sein? Das haben wir Ortsamtsleiter und Beiratssprecher aus den Stadtteilen gefragt.

„Ich glaube, das hat mit einer gewissen Enttäuschung zu tun und mit viel Protest“, sagt Ute Reimers-Bruns, Beiratssprecherin in Blumenthal. „Die Menschen fühlen sich abgehängt: Manche haben zwei Jobs, andere gar keinen Job, andere sind allein erziehend.“ AfD-Unterstützer in Blumenthal, die sie gesprochen habe, seien Menschen gewesen, die sich beruflich und finanziell in schwieriger Lage befänden.

Nowack: "Fünf bis sieben Prozent sind bei uns offen ausländerfeindlich"

Anders beurteilt das Blumenthals Ortsamtsleiter Peter Nowack (SPD): „Besonders hoch sind die Werte der AfD in Rekum und Bockhorn-Lüssum. Rekum ist ein bürgerlicher Stadtteil, dort haben wir schon lange einen hohen Anteil an gefestigten Rechts-Wählern, die zuvor NPD oder Bürger in Wut gewählt haben, fünf bis sieben Prozent sind bei uns offen ausländerfeindlich.“ Zudem bekomme Bremen mit der Wahl noch die Quittung dafür, dass man den Leuten in der Rekumer Straße eine Einrichtung für straffällige junge Flüchtlinge vor die Nase gesetzt habe, die sie nicht haben wollten, so Nowack. Er ist überzeugt: Bremer Themen waren für die Menschen in Blumenthal ausschlaggebend bei der Wahl. „Selbstverständlich muss man in Bremen politische Konsequenzen aus diesem Wahlergebnis ziehen“, sagt er. „Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir es mit der aufholenden Entwicklung der Randstadtteile ernst meinen. Innere Sicherheit, Lehrermangel und Wohnungsbauprojekte müssen angepackt werden, damit wir nicht bei der Bürgerschaftswahl ein ähnliches Debakel erleben.“

Deutliche Kritik an der Bremer Regierung übt Ulrich Schlüter (CDU), Ortsamtsleiter in Osterholz. „Staatsräte und Senatoren rufen in Osterholz eigentlich nur an, wenn hier ein neues Flüchtlingsheim gebaut werden soll“, sagt er. „Ich würde mir mehr Engagement des Senats für die Stadtteile wünschen.“ In der Zukunftskommission, die den Senat bei der Verteilung zusätzlicher Gelder in Bremen beraten soll, seien weder Ortsamtsleiter noch Beiratssprecher vertreten, kritisiert Schlüter. „Dabei ist Osterholz der kinderreichste Stadtteil, das ist doch auch Bremer Zukunft.“

Einwanderer als AfD-Wähler?

Er vermutet, dass zwei Gruppen in Osterholz besonders stark AfD gewählt haben: Einerseits Langzeitarbeitslose, die mit Flüchtlingen aus Syrien um dieselben Stellen zum Beispiel als LKW-Fahrer konkurrieren würden. „Es sind eben nicht alle, die jetzt aus Syrien kommen, Facharbeiter – und sie werden eher in die Berufe stoßen, die auch von weniger hoch ausgebildeten Bremern angestrebt werden.“

Als zweite Wählergruppe der AfD in Osterholz vermutet Schlüter Bremer, die selbst in den 80er- und 90er Jahren aus osteuropäischen Ländern eingewandert seien. Viele Leute hätten den Eindruck, sie mussten damals als Einwanderer alle Papiere vorlegen und hatten es nicht leicht, und nun werde für die Flüchtlinge aus Syrien viel mehr getan als für sie. „Das hat auch etwas mit Gerechtigkeitsempfinden zu tun.“ Für Schlüter sind die Wahlergebnisse ein Signal, dass Bremen mehr tun muss. Vor allem würden mehr Stellen für Langzeitarbeitslose gebraucht, fordert er: Sowohl staatlich geförderte Jobs als auch normale Stellen. „Wir haben hier nach wie vor 1000 Arbeitslose“, sagt er. „Und trotzdem müssen wir jedes Jahr um die Stellen beim Mütterzentrum Tenever und beim Café Abseits kämpfen.“

Siegel: Zu wenig Unterstützung für die Vahr

„Wenn Geld da ist für Flüchtlinge, warum dann nicht zum Beispiel für höhere Renten?“ – das hätten ihn viele Menschen gefragt, sagt Bernd Siegel (SPD), Sprecher des Beirats in der Vahr. Schon bevor der starke Zuzug von Geflüchteten einsetzte, habe es zu wenig Unterstützung für Stadtteile wie die Vahr gegeben, kritisiert er. „Und die Flüchtlinge kommen jetzt noch oben drauf. Das ist eine riesige Integrationsleistung, die in Bremen von wenigen Stadtteilen ohne die nötige Unterstützung erbracht wird.“

„Die Flüchtlingspolitik war für die Menschen bei dieser Wahl das große Thema“, ist auch Huchtings Beiratsprecher Falko Bries (SPD) überzeugt. „Aber warum haben wir Angst vor Flüchtlingen?“, fragt er. Klar ist für ihn: „Wir müssen als Beiräte und Politiker mehr auf die Menschen zugehen, wir müssen uns Gedanken machen, was wir falsch gemacht haben.“

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