Kommentar über die neue Technologie

Die Corona-App ist nur ein Baustein

Es gibt große Hoffnungen in die Corona-App, es gibt aber auch zahlreiche Bedenken. So bleiben noch viele technische und datenschutzrechtliche Bedenken.
18.04.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Corona-App ist nur ein Baustein
Von Norbert Holst
Die Corona-App ist nur ein Baustein

Die Corona-App soll dabei helfen Infektionsketten zu durchbrechen. Doch zu welchem Preis?

ROBINUTRECHT/action press

Sie klingt so schön einfach, die Handhabung der Corona-App. Man muss sich nur anmelden. Und wenn man dann zum Beispiel mit der Straßenbahn fährt, registriert diese Technologie mit Hilfe der Bluetooth-Funktion des Handys, mit welchen Personen man näheren und längeren Kontakt hatte – also weniger als das „Corona-Maß“ von zwei Metern. Hat man Kontakt zu einem Infizierten, der noch keine Symptome zeigt, gibt es im Falle einer späteren Feststellung der Infektion eine Warnung. Das ganze System soll ohne Tracking (Verfolgung) durch Funkzellen funktionieren, das Bewegungsprofile ermöglichen würde. Vielmehr kommt auf Basis von Bluetooth ein anonymisiertes Tracing-Verfahren (Spur) zum Einsatz, bei dem keine Standorte erfasst werden.

Bund und Länder setzen auf diese „Europa-App“ des internationalen Forschungsprojekts PEPP-PT. „Zur Unterstützung der schnellen und möglichst vollständigen Nachverfolgung von Kontakten ist der Einsatz von digitalem ,contact tracing‘ eine zentral wichtige Maßnahme“, heißt es etwa im Papier des Corona-Gipfels vom Mittwoch. Doch nach mehreren Verzögerungen könnten noch Wochen vergehen, bis PEPP-PT einsatzbereit ist.

Alle Parteien wollen die App

Auch unter den Parteien im Bundestag herrscht überwiegend Einmütigkeit. Die Vertreter der Großen Koalition wollen die Warn-App sowieso. Aber auch führende Politiker der Opposition unterstützen die „digitale Waffe“ gegen das Virus. Grünen-Chefin Annalena Baerbock will sie, Linken-Chef Bernd Riexinger zeigt sich offen für diese Lösung und FDP-Frontmann Christian Lindner sagt: „Gesundheitsschutz und Datenschutz sind kein Widerspruch.“ Die Hoffnung der Spitzenpolitiker: Die App soll Infektionsketten durchbrechen und dabei helfen, auf Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen weitgehend verzichten zu können.

Doch der Teufel steckt wie so oft im Detail – keineswegs nur in technischer Hinsicht. Die Bundesregierung plant die Nutzung von PEPP-PT auf freiwilliger Basis, um mögliche datenschutzrechtliche Bedenken der Bürger vorab zu entkräften. Doch es gibt es eine hohe Hürde: Rund 60 Prozent der Smartphone-Besitzer in Deutschland müssten mitmachen, damit die Aktion überhaupt Sinn macht. Die Größenordnung ist ambitioniert. In Österreich, wo das Rote Kreuz am 25. März die „Stopp Corona-App“ gestartet hat, beteiligen sich bislang erst 300.000 Menschen an dem Projekt, das sind lediglich drei Prozent der Österreicher.

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Auch deshalb gibt es in CDU und CSU immer wieder Stimmen, die das Freiwilligen-Prinzip trickreich infrage stellen. „So könnten Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit denen wieder gewährt werden, die die App installiert haben“, drohte etwa der CSU-Digitalpolitiker Hansjörg Durz potenziellen Verweigerern. Der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, hat eine Widerspruchslösung ins Spiel gebracht. Die App würde automatisch bei jedem Deutschen auf das Handy installiert werden, solange der Nutzer nicht ausdrücklich widerspricht. Das ist nichts anderes als ein Angriff auf die informationelle Selbstbestimmung.

Bewegungsprofile durch gespeicherte Ortsangaben

Zudem stellen sich bei der Corona-App viele Fragen zu Technik und Datenschutz. In einer Analyse meldet die Datenschutz-Organisation Digitalcourage zahlreiche Bedenken an: So stellt die Gruppe die Frage, wer die zentrale Serverstruktur mit den hochsensiblen Daten betreiben soll. Und wie wird sichergestellt, dass am Ende nicht doch eine De-Anonymisierung der Daten möglich sein? Laut Digitalcourage könnten beim Tracing mit dem Android-Betriebssystem möglicherweise auch Ortsangaben gespeichert werden, daraus ließen sich regelrechte Bewegungsprofile der Menschen erstellen. Eine weitere Sorge: Damit die App funktioniert, muss Bluetooth dauerhaft aktiviert sein. Doch ausgerechnet diese Technik gilt als chronisch unsicher. Auch in Österreich gibt es Kritik an Bluetooth. Der Verein ARGE Daten hält die „Stopp Corona-App“ für „nicht praxistauglich“. Sie lasse es an Genauigkeit bei der Distanzmessung fehlen – doch gerade die ist wichtig.

Kommt die App, ist folgendes Szenario möglich: Zu wenige Menschen beteiligen sich, eine Diskussion um Freiwilligkeit oder Pflicht flammt auf, und am Ende muss der Bürger doch mitmachen. So oder werden mit dieser Technologie unrealistische Hoffnungen geweckt. Auch diese App kann nur ein Baustein im Kampf gegen das Virus sein. Sie ist keine Wunderwaffe.

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