Neuer Film im Cinema am Ostertor "Die Ausbildung" hinterlässt beklemmendes Gefühl

Bremen. In seinem Regiedebüt "Die Ausbildung" erzählt Dirk Lütter die Geschichte des Azubis Jan. Oberflächlich betrachtet sieht die Handlung alltäglich aus. Trotzdem hinterlässt der Film, der im Cinema Ostertor gezeigt wird, ein beklemmendes Gefühl.
27.04.2012, 18:04
Lesedauer: 2 Min
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Von Jana Früh

Bremen. „Das ist dein Vertrag. […]Du musst nur unterschreiben.“ - Man sollte meinen, dass sich ein Arbeitnehmer freut, wenn er solche Worte von seinem Vorgesetzten zu hören bekommt. Aber was ist, wenn man das Gefühl hat, dass irgendetwas im Betrieb nicht so läuft, wie es sein sollte? Und dass man seine Seele verkaufen müsste, um seinem Chef zu gefallen?

In seinem Regiedebüt „Die Ausbildung“ erzählt Regisseur Dirk Lütter die Geschichte des 20-jährigen Jan, der im letzten Jahr seiner Ausbildung steht. Er geht zur Arbeit, verliebt sich, unterhält sich freundlich mit seinen Mitmenschen und bekommt am Ende sogar einen Job angeboten. Oberflächlich betrachtet sieht das doch alles ganz positiv aus. Und ziemlich alltäglich. Trotzdem hinterlässt der Film ein beklemmendes Gefühl. Die Schnitte sind langsam, die Kamera statisch und die Filmmusik, die einen sonst so oft in Filmen begleitet, fehlt komplett, sodass genug Zeit zum Nachdenken bleibt. Zeit, um auf die vielen kleinen Dinge aufmerksam zu werden, die in Jans Leben ganz und gar nicht so laufen, wie sie sollten.

Genau das hat Dirk Lütter beabsichtigt. Anstatt dem Zuschauer mit einer Vielzahl von Tricks, wie emotionalen Nahaufnahmen, schnellen Schnitten und passender Musik, vorzugeben, was er fühlen soll, will er jeden selber entscheiden lassen. Kommerzielle Filme manipulieren seiner Meinung nach viel zu sehr. „Ich fange da auf Knopfdruck an zu weinen und ärgere mich sogar darüber“, sagt er.

Ärgern tut man sich während seines Filmes auch. Allerdings nicht über den Regisseur, sondern über die Gesellschaft. Der Chef, der eigentlich immer sehr freundlich mit Jan geredet hat, benutzt ihn in Wirklichkeit nur dazu, um Informationen über seine Mitarbeiter aus ihm herauszulocken. Und in der Firma gehen zwar alle sehr höflich miteinander um, doch die Atmosphäre ist kühl und distanziert. Außerhalb der Arbeit hat Jan niemanden, mit dem er wirklich reden kann. Seine Kollegin Jenny, zu der er eine zarte Liebesbeziehung aufbaut, bekommt ein besseres Jobangebot und zieht um. Alles scheint sich um die Arbeit zu drehen und man kann den Druck, unter dem Jan steht, förmlich selbst spüren.

Identifikation mit Jan

Jan steht hierbei nur sinnbildlich für viele Berufstände, denen es genauso geht. In dem Film verarbeitet der Regisseur Geschichten, die er von Freunden gehört oder selbst erlebt hat. Und auch im Gespräch mit den Zuschauern wird klar, dass sich die meisten mit Jan identifizieren können. Und jedem ist ein anderer Aspekt im Film aufgefallen. So umgibt Jan zum Beispiel die meiste Zeit die Farbe Blau. Er trägt ein blaues Hemd oder eine blaue Jacke. Nur an dem Tag, an dem er Jenny kennenlernt, ist sein Hemd lila. Außerdem ist das Licht sehr flach und die Kamera bewegt sich so gut wie nie.

Keines dieser Elemente ist zufällig: die Farbe Blau steht für eine kühle, kaputte Welt. Vermischt mit rot, der Farbe der Liebe, wird blau zu lila. Das flache Licht lässt die Menschen mit ihrer Umgebung verschmelzen und sogar die Kamera richtet sich nach der statischen Umgebung und nicht nach den Schauspielern. Die Gefühle und Hoffnungen des Protagonisten gegen so symbolisch in seiner Umgebung und in seiner Arbeit unter.

Im Gespräch kommt auch die Frage auf, warum es in dem Film keinen Hoffnungsschimmer gibt. Die Antwort ist einfach: Weil Dirk Lütter keinen positiven Aspekt der Gesellschaft abbilden wollte. Er will auf ein Thema aufmerksam machen, dass seiner Meinung nach in Filmen viel zu selten thematisiert wird, über das jedoch viel mehr diskutiert werden sollte.

Zum Nachdenken und Diskutieren anregen

Der Film, der voraussichtlich 2013 im Fernsehen laufen wird, soll zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Denn er zeigt zwar eine alltägliche Situation, aber die ist definitiv nicht positiv.

 

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