Senioren als Au-pair im Ausland

Die Aushilfsoma

Immer mehr ältere Menschen entschließen sich dazu, als Au-pair ins Ausland zu gehen. "Wenn nicht jetzt, wann sonst?", dachte sich auch die Bremerin Christine Cassalette.
24.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Aushilfsoma
Von Nico Schnurr
Die Aushilfsoma

Die Bremerin Christine Cassalette hat nach ihrer Pensionierung ein halbes Jahr als Au-pair bei einer italienischen Familie verbracht.

Christina Kuhaupt

Immer mehr ältere Menschen entschließen sich dazu, als Au-pair ins Ausland zu gehen. "Wenn nicht jetzt, wann sonst?", dachte sich auch die Bremerin Christine Cassalette.

Ihr Ruhestand soll kein Zur-Ruhe-Setzen werden. Das war Christine Cassalette immer klar. Nach ihrer Pensionierung „einfach in den Sessel zu fallen und pausenlos Soaps im Fernsehen zu schauen“, das war für sie keine Option. Als es soweit ist, die Lehrerin ihre letzte Schulklasse bis zum Abschluss begleitet hat, machen ihr die Pläne dennoch ein wenig Angst.

Sie hat sich Großes vorgenommen. Sieben Jahre lang ist die Idee in ihr gewachsen. Zwei Wochen bevor ihr Flieger nach Rom gehen soll, fragt sie sich: „Christine, bist du eigentlich bescheuert? Auf was lässt du dich da ein?“

Für ein halbes Jahr lässt die 62-jährige Bremerin ihren Mann, die Kinder und Enkelkinder zurück. Sie zieht es nach Italien. Genazzano, gut eine Autostunde östlich von Rom gelegen, ist das Ziel. Cassalette will keinen Urlaub machen. Im kleinen Bergdorf warten eine Familie, zwei kleine Kinder und ein Pferdehof auf sie. Cassalette wird ihre Großmutter auf Zeit. Sie ist Aushilfsoma für sechs Monate.

"Wenn nicht jetzt, wann sonst?"

„Ich konnte nie raus“, sagt Cassalette. Auf das Abitur folgte sofort das Studium, mit 21 Jahren war sie Lehrerin. Nach der Schule für ein Jahr ins Ausland zu gehen, das war in ihrer Jugend noch kein Thema. „Und da habe ich mir gedacht: Das musst du jetzt einfach nachholen. Wenn nicht jetzt, wann sonst?“ Cassalette will sich noch einmal herausfordern.

Sie hat noch keine Lust auf die Sicherheit, die ihr das Rentnerdasein verspricht. Die Bremerin möchte noch einmal wissen, „wie mutig ich bin und was ich mir noch zutrauen kann“. Sie meldet sich auf der Plattform „Au-pair 50 Plus“ an, einer Art weltweiten Kontaktbörse, die Gastfamilien und Au-pairs im Alter zusammenbringt. Schnell ist sie im Austausch mit der Familie aus Genazzano.

Nach einigen Mails und einem kurzen Videotelefonat via Skype ist für Cassalette klar: „Das klingt nach Abenteuer, das reizt mich, da will ich hin.“ So wie Christine Cassalette geht es immer mehr Senioren – auch in Bremen. Weit über 400 Leih-Omas und Opas haben auf „Au-pair 50 Plus“ seit der Gründung vor vier Jahren Gastfamilien gefunden.

Familien aus der ganzen Welt auf der Plattform

„Der Trend wird größer. Die Idee, auch im Alter noch ins Ausland zu gehen, ist immer weiter verbreitet“, sagt Wolf-Dieter Günther. Zusammen mit seiner Frau Dana Günther hat er die Seite ins Leben gerufen. Das Ehepaar aus Schwanewede verdient kein Geld mit der Plattform. Die Mitgliedsbeiträge helfen, die Kosten für die Pflege der Homepage zu decken, mehr nicht. Den Günthers geht es ohnehin um anderes.

Als die Tochter der Günthers nach dem Abitur das Reisen beginnt, Afrika, Nord- und Südamerika sieht, beneidet ihre Großmutter sie. Auch sie hätte gerne mehr von der Welt gesehen, betont sie immer wieder. Da ist sie schon 80 Jahre alt und ihr Körper nicht mehr in der Lage, die Reisestrapazen auf sich zu nehmen.

Also beschließen die Günthers, wenigstens anderen Senioren die Au-pair-Erfahrung zu ermöglichen. Inzwischen gehen Familien aus der ganzen Welt auf Günthers Plattform auf die Suche nach Großeltern auf Zeit. 95 Prozent aller Senioren, die über „Au-pair 50 Plus“ ins Ausland gehen, sind Frauen.

Dauerreisende

Die Gastfamilien versprechen sich von ihnen „mehr Lebenserfahrung zu haben, zuverlässiger und geübter im Umgang mit Kindern zu sein als junge Au-pairs, die gerade ihr Abitur haben“, sagt Günther. Regelmäßig bekommt er Post aus den USA, Neuseeland oder Argentinien. Die begeisterten Au-pair-Omas wollen ihm von ihren Erfahrungen berichten.

„Wir haben ältere Damen bei uns auf der Seite, die Au-pair-Reisen inzwischen wie einen Leistungssport betreiben und jedes halbe Jahr woanders auf der Welt sind“, sagt Günther. Er erzählt von Omas, die in Dubai auf „sehr reiche Familien“ treffen, ein eigenes Haus und Auto bekommen, nur um die Kinder einmal pro Tag zur Schule zu fahren.

Von Omas, die Monate auf Ferienressorts in Uruguay verbringen, weil die Gastfamilie dort ein Hotel führt. Oder von Omas, die schon zum vierten Mal zur gleichen Familie nach Singapur fliegen. „Das ist eine Generation, die etwas nachzuholen hat und die jetzt auch die Möglichkeiten des Internets für sich entdeckt und dazu nutzt“, sagt Günther.

Zweimal pro Woche nach Rom

Auch Christine Cassalette genießt ihre Zeit in Italien. An vier Tagen in der Woche kümmert sie sich um die Hausarbeit der Familie, versorgt die Kinder, bringt sie in den Kindergarten und holt sie ab, singt, tobt, lacht mit ihnen. Eben das, was Au-pair-Reisende so machen. An den freien Tagen fährt sie nach Rom, meist zweimal pro Woche. Sie singt im Nachbarschaftschor, übernachtet in kleinen Küstenorten, schließt Freundschaften und verbessert ihr Italienisch.

„Mich noch einmal an eine fremde Familie und einen fremden Alltag anpassen zu müssen, da habe ich viel von gelernt“, sagt sie. Vor allem aber hat sie in sechs Monaten Italien etwas über sich gelernt. Sie hat herausgefunden, „wie viel ich mir eigentlich noch zutrauen kann“.

Sie hat gelernt, dass sie das schafft, sich ganz allein sich im fremden Rom zurechtzufinden, eine fremde Sprache zu sprechen, auf fremde Menschen zuzugehen. Dass ihr Alter kein Nachteil und kein Grund dafür sein muss, keine Abenteuer mehr einzugehen. Geblieben ist bei Christine Cassalette nach diesem halben Jahr vor allem der Eindruck: „Du kannst alles schaffen.“ Und zwar genau jetzt. Wann sonst?

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