Wo es an Bremer Schulen hakt

Die Baustellen der Inklusion

Assistenzkräfte, die ausfallen und nicht ersetzt werden, Sonderpädagogen, die als Vertretungslehrer einspringen müssen: Es gibt viele Bereiche, in denen Schulen sich Veränderungen wünschen.
04.06.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Baustellen der Inklusion
Von Sara Sundermann
Die Baustellen der Inklusion

Bei der Umsetzung der Inklusion gibt es in Bremen Probleme.

Jonas Güttler, dpa

Assistenzkräfte, die ausfallen und nicht ersetzt werden, Sonderpädagogen, die als Vertretungslehrer einspringen müssen: Es gibt viele Bereiche, in denen Schulen sich Veränderungen wünschen.

Die Äußerungen von Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) haben die Diskussion über Probleme bei der Umsetzung der Inklusion neu entflammt. Auch bei einer großen Personalversammlung von Schulbeschäftigten Ende Mai wurde darüber heftig diskutiert. Sieling kündigte am Donnerstag im Gespräch mit dem WESER-KURIER an, sich für mehr Personal für die Inklusion einzusetzen.

Eltern, Gewerkschaft, Schulbeschäftigte, Schüler und Schulleitungen betonen seit Langem, dass mehr Mitarbeiter gebraucht werden, wenn höchst unterschiedliche Kinder zusammen lernen sollen. Dabei stehen besonders die Schulen in benachteiligten Stadtteilen im Fokus, wo sich viele Probleme ballen. Ginge es nach Elternvertretern und Schulkollegien, müsste gleich an mehreren Stellen angepackt werden. Die größten Baustellen der Inklusion:

Fehlende Stellen an Rebuz-Zentren

Als die Inklusion in Bremen eingeführt wurde, wurden im Wesentlichen zwei Systeme eingeführt, die Schulen dabei unterstützen sollten: Die Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren (Rebuz) und die Zentren für Unterstützende Pädagogik (Zup). Die Rebuz-Zentren sollen unter anderem Schulen beraten sowie bei Gewalt- und Krisenfällen eingreifen.

In den Rebuz werden auch Schulmeider unterrichtet. Es gibt vier Rebuz für die ganze Stadt, im Norden, Süden, Westen und Osten. Die Rebuz können mit ihrem derzeitigen Personal aber den Aufgaben, die sie eigentlich erfüllen sollen, kaum nachkommen. So sollten die Rebuz zum Beispiel ursprünglich auch Angebote für verhaltensauffällige Schüler an den Schulen machen, sagt Arno Armgort vom Personalrat Schulen.

Dies finde aber aufgrund fehlenden Personals kaum statt. Elf Schulleiter aus dem Bremer Westen stellten im Februar fest: Statt 68 Stellen, die an Rebuzen in Bremen entstehen sollten, gebe es nur 51 Stellen. Im Rebuz Nord fanden zuletzt der Behörde zufolge keine schulersetzenden Maßnahmen für Kinder statt. Ab Sommer soll dies in Nord wieder stattfinden – mit Plätzen für sechs Schüler.

Unbesetzte Zup-Leitungen

Ein Zentrum für unterstützende Pädagogik (Zup), das Schulen vor Ort hilft – das klingt nach einem Zentrum, in dem ein ganzes Team arbeitet, geführt von der Zup-Leitung. Real allerdings besteht ein Zup aus einer Person, der Zup-Leitung. Diese eine Person kümmert sich um eine große Schule oder ist für mehrere kleinere Schulen gleichzeitig zuständig.

Zup-Leiter sollten Sonderpädagogen sein, die als zweite Kraft in der Klasse Lehrkräfte im Unterricht unterstützen, die Schulleitungen beraten, evaluieren und Konzepte für inklusiven Unterricht erarbeiten. Doch Schulen können froh sein, wenn sie ihre Zup-Stelle besetzen können.

Sonderpädagogen sind rar gesät. Und gerade an Schulen in Problemgebieten ist es schwer, überhaupt jemanden zu finden, der die Stelle übernimmt. Im Bremer Westen gab es den dortigen Schulleitungen zufolge im Februar nur drei besetzte Zup-Leitungsstellen für elf Grundschulen. Thorsten Maaß vom Schulleitungsverband fordert, Zup-Stellen durch Zuschläge attraktiver machen.

Assistenzen: Bei Ausfall kein Ersatz

Es gibt Assistenzkräfte, die sich individuell um einen Schüler mit Beeinträchtigung kümmern, es gibt aber auch Assistenzen, die für eine ganze Inklusionsklasse zuständig sind. Immer wieder haben sich Eltern an Politik und Medien gewandt, weil Inklusionskinder nicht zur Schule gehen konnten, wenn Assistenzen ausfielen. Auch verschiedene Bremer Lehrer berichten davon, dass Assistenzen, die durch Krankheit oder Jobwechsel ausfallen, oft nicht ersetzt werden.

Ein Problem: Die Arbeit der Assistenzkräfte ist fordernd, zugleich aber im Vergleich zu Lehrkräften geringer bezahlt. Viele Assistenzkräfte machen diese Arbeit nur für eine befristete Zeit und suchen sich dann eine andere Stelle. Dadurch gibt es viele Wechsel. Den Arbeitgebern, die Assistenzen für Schüler und Schulen stellen, gelingt es oft nicht, die Stellen rasch wiederzubesetzen. Ein großer Arbeitgeber für Assistenzkräfte in Bremen ist der Martinsclub.

Doppelbesetzungen werden aufgelöst

„Als Sonderpädagoge muss man sich gut abgrenzen, sonst wird man immer wieder für Vertretungen herangezogen“, das erzählten zuletzt erneut mehrere Bremer Sonderpädagogen bei einer Personalversammlung für Schulbeschäftigte. Das Problem: Normalerweise sollen gerade in Inklusionsklassen zumindest in einem Teil der Stunden zwei Fachkräfte die Klasse unterrichten und betreuen, also zum Beispiel eine Klassenlehrerin und ein Sonderpädagoge.

Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und andere Inklusionskräfte werden aber im Zweifel immer wieder in den Schulen als Vertretungslehrer eingesetzt, wenn normale Lehrkräfte ausfallen. Denn Unterricht soll nicht ausfallen: Es gilt Schulpflicht, Schulen wollen für die Eltern verlässliche Betreuung für ihre Kinder anbieten, und Schulen müssen den Unterrichtsausfall auch gegenüber der Behörde dokumentieren. Die Folge: Es fällt weniger Unterricht aus als bei einem anderen Vorgehen, aber es gibt seltener zwei Fachkräfte in einer Klasse, die auf die sehr unterschiedlichen Kinder individuell eingehen können.

Gansberg-Schule : 50 Plätze für die Stadt

Es gibt ein Förderzentrum in Bremen, das eine ungewisse Zukunft hat, denn laut Schulgesetz hat diese Schule nur noch bis 2018 Bestand. Die Fritz-Gansberg-Schule fördert Kinder mit krassen Vorgeschichten und krassem Verhalten. Verhaltensauffällige Kinder, die an normalen Schulen den Rahmen sprengen, kommen zur Gansberg-Schule.

Dort werden sie in Kleingruppen und von Sonderpädagogen gefördert und unterrichtet. Es gibt Plätze für 50 Kinder an der Gansberg-Schule. Doch an Bremens Schulen gibt es sehr viel mehr verhaltensauffällige Kinder: Die Gansberg-Schule helfe 50 von zigtausend Schülern, betont die Bildungsgewerkschaft GEW. Viele Lehrer wünschen sich mehr Plätze in Kleingruppen für verhaltensauffällige Schüler – ob an den Schulen direkt oder in einer gesonderten Einrichtung wie eben der Fritz-Gansberg-Schule.

Wenig Räume für Kleingruppen

Für Inklusion braucht man Platz. Das stellen Lehrer und Schulleitungen immer wieder klar. Es geht beim Sanierungsbedarf nicht nur darum, dass die Fassade nicht abbröckelt oder das Dach dicht ist, betont Thorsten Maaß: Schulleitungen wünschen sich mehr Räume, damit Lehrkräfte Klassen teilen und mit Kleingruppen in unterschiedlichen Räumen arbeiten können.

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