Interview mit Bremens Obergärtnerin

„Es ist gut, einen Fluchtpunkt zu haben“

Katharina Rosenbaum, Bremens neue Obergärtnerin, spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über die Bedeutung der Parzelle in Zeiten von Corona.
19.05.2020, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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„Es ist gut, einen Fluchtpunkt zu haben“
Von Jürgen Hinrichs
„Es ist gut, einen Fluchtpunkt zu haben“

Katharina Rosenbaum, neue Geschäftsführerin des Landesverbandes der Gartenfreunde Bremen.

Frank Thomas Koch

Frau Rosenbaum, Gärtnern in Zeiten von Corona – das hilft wahrscheinlich, oder? Die Parzelle als Fluchtpunkt.

Katharina Rosenbaum: Auf jeden Fall. Corona ist keine demokratische Krise. Die wirtschaftlichen Folgen treffen insbesondere die Ärmeren, und deshalb ist es gut, wenn diese Menschen so einen Fluchtpunkt haben. Sie müssen wissen, dass in Deutschland mehr als 90 Prozent der Mitglieder von Kleingartenvereinen in Etagenwohnungen leben. Ungefähr die Hälfte leidet unter räumlich beengten Verhältnissen. Der Kleingarten schafft die Möglichkeit, sich zu erholen, frische Luft zu schnappen und sich zu bewegen. Als die Spielplätze wegen Corona gesperrt waren, hatten die Kinder zumindest in den Gärten ihre Freiheit.

Ab in die Hängematte und den Tag einen guten Mann oder eine gute Frau sein lassen.

Das ist aber nur die eine Seite. Kleingärten haben seit jeher auch die Funktion, sich mit Obst und Gemüse zu versorgen. 30 Prozent der Fläche, so die Vorgabe, muss für den Anbau genutzt werden.

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Womit wir bei den Regeln wären. Das Klischee ist, dass die Vorschriften bei den Kleingärtnern bis unter die Grasnarbe gehen. Viel zu viele davon.

Das Klischee, Sie sagen es. Es gibt gute Gründe für bestimmte Vorschriften. Die Hecken zum Beispiel dürfen deshalb nicht zu hoch werden, weil die Kleingartengebiete von öffentlichen Wegen durchschnitten sind. Wer dort spazieren geht oder seinen Hund ausführt, soll sich nicht durch heckenumgrenzte Tunnel bewegen, sondern freie Sicht haben. Das Bundeskleingartengesetz fußt übrigens auf Bestimmungen, die 1919 in der Weimarer Republik nicht aus Regulierungswut, sondern zum Schutz der Kleingärtner erlassen wurden, damit sie nicht ohne Weiteres enteignet werden können. Die Parzellen liegen ja oft mitten in der Stadt, das weckt Begehrlichkeiten.

Ihr Verband hat im vergangenen Jahr eine neue Kleingartenverordnung verabschiedet . . .

. . . und die finde ich richtig gut, weil mit dem ökologischen Gärtnern ein starker und wichtiger Schwerpunkt gesetzt wurde. Der Einsatz von Unkrautgiften wie Glyphosat ist bei uns jetzt verboten. Deutschlandweit gilt das erst ab dem Jahr 2024. Kleingärten haben generell eine wichtige Funktion für die Umwelt. Sie sind die grünen Schneisen in der Stadt. Wichtig vor allem, um die Folgen des Klimawandels abzumildern, denn der ist trotz Corona ja immer noch da.

Gibt es bei Ihnen wegen der Pandemie zurzeit besondere Regeln?

Nein, es gilt das, was der Senat in seiner Rechtsverordnung niederlegt hat – Kontaktverbot, Abstands- und Hygieneregeln.

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Wie ist das mit dem Übernachten auf der Parzelle?

Warum nicht? Solange dort niemand einzieht und seinen festen Wohnsitz nimmt, ist das kein Problem. Die Leute können im Sommer wahrscheinlich nur sehr begrenzt in den Urlaub fahren. Der Kleingarten ist dann zwar kein vollgültiger Ersatz, er kann in den Ferien aber immerhin so etwas wie eine Datscha sein, wo man sich auch mal länger aufhält.

Glücklich, wer so eine Datscha hat. Es gibt in Bremen Kleingartenvereine, die führen wegen der immensen Nachfrage keine Wartelisten mehr, weil es Jahre dauern würde, sie abzuarbeiten.

Das ist so, ja. Ich kenne einen Verein, der mehr als 800 Menschen notiert hat, die gerne eine Parzelle hätten. Das hat aber nicht nur mit Corona zu tun. Die Nachfrage ist im Frühjahr naturgemäß immer besonders hoch. Uns freut das natürlich, und es ist keinesfalls so, dass nichts mehr zu bekommen wäre. Mein Verband hat auf seiner Homepage eine interaktive Karte, an der man ablesen kann, wo noch etwas frei ist. Wer sich nicht auf einen bestimmten Verein und ein bestimmtes Gebiet versteift, kann durchaus einen Kleingarten ergattern.

Unter Ihrem Dach versammeln sich 100 Vereine mit 17 000 Mitgliedern. Stimmt der Eindruck, dass seit einigen Jahren viele Jüngere nachrücken?

Ich sage Ihnen ein Beispiel: Im Gebiet Wardamm/Woltmershausen entsteht gerade ein neuer Verein. Das sind Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren. Die wollen Häuser aus Lehm bauen und nehmen Bauwagen als Lauben. Viele junge Leute haben ein ausgeprägtes Natur- und Umweltbewusstsein, was sich auch beim Urban Gardening zeigt. Wer so etwas macht, will wissen, wo sein Obst und Gemüse herkommen. Wir haben übrigens auch viele Migranten unter unseren Mitgliedern. Kürzlich rief mich ein arabischer Frauenverein an, der an einem Projektgarten interessiert ist. Das hat mich total gefreut, und ich konnte auch helfen.

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Info

Zur Person

Katharina Rosenbaum (50) ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführerin des Landesverbandes der Gartenfreunde Bremen. Sie hat Journalistik mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaften studiert und war danach unter anderem bei der Awo, der SPD und bei der Messe Bremen beschäftigt.

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