Waller Beirat steht hinter der Siedlung an der Holsteiner Straße

Die Bewohner wollen bleiben

Osterfeuerberg. Wer hat in Bremen eigentlich das Sagen – die Stadt oder die Vonovia? Diese Frage drängt sich durchaus auf angesichts der Entwicklungen rund um die Schlichtbau-Siedlung an der Holsteiner Straße. Im November 2015 hatte sich der Waller Beirat für den Erhalt und eine Sanierung der Wohnanlage ausgesprochen.
13.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anne Gerling
Die Bewohner wollen bleiben

Adem Hacikerimoglu ist vor mehr als 30 Jahren an der Holsteiner Straße geboren und lebt mit seiner Familie dort.

Roland Scheitz

Osterfeuerberg. Wer hat in Bremen eigentlich das Sagen – die Stadt oder die Vonovia? Diese Frage drängt sich durchaus auf angesichts der Entwicklungen rund um die Schlichtbau-Siedlung an der Holsteiner Straße. Im November 2015 hatte sich der Waller Beirat für den Erhalt und eine Sanierung der Wohnanlage ausgesprochen. Denn: Es muss auch einfach ausgestattete bezahlbare Wohnungen für Menschen geben, die, aus welchen Gründen auch immer, ansonsten am Wohnungsmarkt nichts finden. Eine Ansicht, die auch im Sozialressort geteilt wird.

Vor gut einem Jahr also verlangten die Waller Ortspolitiker vom Senat, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Abriss zu verhindern. Außerdem forderten sie den Gebäudeeigentümer auf, den jetzigen Standard unter Bestandsschutz zu stellen und die Wohnanlage unverzüglich dem Wohnungsmarkt zur Verfügung zu stellen. Die Idee dahinter: Die Gewoba könnte die Immobilien erwerben und gemeinsam mit der Inneren Mission entsprechend dem Beiratsbeschluss sanieren und weiterentwickeln.

Eigentümerin der Siedlung war ursprünglich die Bremische Gesellschaft für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau, kurz: Bremische, die in der Deutschen Annington SE aufgegangen ist, welche wiederum seit einiger Zeit Vonovia heißt und der auch zwei weitere Schlichtbau-Anlagen Am Sacksdamm in Sebaldsbrück und an der Straße Reihersiedlung in Gröpelingen gehören.

Jahrelang hat das Unternehmen dabei weder Wohnungen modernisiert noch bei Auszug neu vermietet. Und nun weigert sich die Vonovia, die Siedlung an der Holsteiner Straße zu verkaufen und hält stattdessen beharrlich an ihrer Absicht fest, die 41 Schlichtbauten abzureißen und durch Mehrfamilienhäuser zu ersetzen. In der Neubauplanung ist dabei keine Sozialwohnungsquote enthalten, die Gesetzeslage gibt das her. Laut Bericht der Baudeputation ist „angestrebt, frei finanzierte aber bezahlbare Wohnungen mit einer voraussichtlichen Miete von circa acht Euro pro Quadratmeter zu errichten“. Das, so Cornelia Barth (Die Linke), Sozialausschusssprecherin des Waller Beirats, bedeute „nichts anderes als die endgültige Vertreibung der bisherigen Mieter.“

Am 19. Januar hatte die städtische Baudeputation das Thema auf der Tagesordnung; zur Diskussion standen ein Antrag der Linken zum Erhalt der Schlichtbauten per Senatsbeschluss einer sogenannten Erhaltungssatzung sowie ein CDU-Antrag, in dem der Abriss zugunsten menschenwürdigerer Wohnungen gefordert wird. Da jedoch die Voraussetzungen vor Ort nicht für eine Milieuschutzsatzung ausreichen, empfahl damals die Deputation der Bürgerschaft, den entsprechenden Passus im Linken-Antrag abzulehnen.

„Die Mieten laufen davon und die Zahl der Obdachlosen nimmt zu“, kritisierte dazu nun auf einer Sitzung des Waller Beirats Joachim „Barlo“ Barloschky vom Bremer Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“. Er hat mit vielen Bewohnern vor Ort gesprochen: „Sie wollen dort bleiben und sie wollen, dass dort ordentlich saniert wird.“ Bislang sei mit ihnen nicht sehr fair umgegangen worden, kritisiert Barloschky. So habe es zwar etliche Gespräche zwischen Politik und Vonovia gegeben, die Bewohner selbst jedoch seien von dem Unternehmen nur vereinzelt angesprochen worden – dabei hätten einige selbst kräftig investiert, um die Wohnungen zum Beispiel mit Warmwasser oder Laminat auszustatten.

Sei ihr Auszug tatsächlich nicht zu verhindern, dann müssten die Bewohner und Bewohnerinnen dafür angemessen entschädigt werden. Auch müsse dringend dafür gesorgt werden, dass ihre Miete weiterhin bezahlbar bleibe und sie in ihrem Kiez bleiben könnten, in dem sie über viele Jahre und Jahrzehnte verwurzelt seien.

Einer der Anwohner ist Adem Hacikerimoglu, der vor mehr als 30 Jahren an der Holsteiner Straße geboren wurde und dort bis heute mit seiner Großfamilie lebt. Der Pädagoge schildert: „Ich zahle dort 500 Euro und ein paar Zerquetschte. Mir wurde eine neue Wohnung für 1000 Euro angeboten. Das kann ich mir nicht leisten. Wir möchten da bleiben, egal was kommt. Und dafür werden wir, wenn es sein muss, auch auf dem Rechtsweg kämpfen.“

Die Waller Ortspolitiker stehen dabei geschlossen hinter ihm und seinen Mitstreitern: „Sie können sich sicher sein, dass wir uns hinter die Bewohner stellen und zu dem stehen, was wir schon einmal beschlossen haben“, kündigt Gerald Wagner (SPD) an. Die Ortspolitiker wollen sich jetzt intensiv im Bau- und im Sozialausschuss beraten, um dann mit einem faktionsübergreifenden Beschluss an die Stadtbürgerschaft heranzutreten, die voraussichtlich am 7. März über die Anträge zur Zukunft der Schlichtbauten abstimmt.

Zwar habe die Realität den Beiratsbeschluss von 2015 mittlerweile überholt, sagt Cornelia Barth, die schon einen Beschlussantrag für den Beirat formuliert hat, dennoch dürfe nichts unversucht bleiben, um den Abriss doch noch zu stoppen: „Die Stadt ist gegenüber den Plänen der Vonovia nicht machtlos. Da die Vonovia bezüglich ihrer Bebauungspläne für das Gebiet Am Sacksdamm/Alte Landwehr auf die Kooperation der Stadt angewiesen ist, erwarten wir, dass die Interessen der bisherigen Bewohner der Holsteiner Straße in diesem Paket mit verhandelt werden.“

„Das bedeutet nichts anderes, als die endgültige Vertreibung.“ Cornelia Barth von den Linken
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