Zeitzeugen erinnern sich an die Bremer Bombennacht

Die Bilder vom Nachthimmel kommen immer wieder hoch

Als 14-Jährige sah Gisela Kloss den Bombenangriff auf Bremen von Osterholz-Scharmbeck aus und fürchtete um das Leben ihrer Familie. Noch heute kommen die Bilder der Nacht immer wieder hervor.
18.08.2019, 16:17
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Die Bilder vom Nachthimmel kommen immer wieder hoch
Von Helge Hommers
Die Bilder vom Nachthimmel kommen immer wieder hoch

Schon kurz nach dem Angriff ist der Doventorsteinweg wieder begehbar. Das Ausmaß der Zerstörung ist aber weiterhin ersichtlich.

Staatsarchiv Bremen / Hans Köster

Gisela Kloss hat viele Luftangriffe auf Bremen erlebt. Sowohl die ersten, die harmlosen, als auch die späteren, die ganze Häuserblöcke wegrissen. Anfangs harrte sie während der Bombardements mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester im Keller ihres Hauses am Brill aus, der Vater war zum Sicherheits- und Hilfsdienst eingezogen worden. Nach den Angriffen suchten sie Bombensplitter, um sie zu sammeln und zu tauschen. Dann aber mussten sie in einem Bunker in Walle Schutz suchen, weil der Keller nicht mehr sicher war. "Die Kinder dort haben geweint, alle hatten Angst und waren müde", erzählt Kloss.

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Ihre Mutter schlief in Kleidung, an der Tür stand ein Koffer mit den wichtigsten Papieren, damit es schnell ging, wenn die Sirenen losheulten. Teilweise musste sie mit ihren Kindern mehrfach pro Nacht raus. Hin und wieder trug sie ihre jüngste Tochter auf den Arm, wenn sie mit dem Notwendigsten zum Bunker rannten – selbst mit einem gebrochenen Arm. "Sie war beim Schlittschuhlaufen gestürzt", sagt Kloss. "Was die Mütter damals geleistet haben, war unglaublich." Die Zeit im Bunker verbrachten sie mit Handarbeiten oder versuchten, auf den harten Bänken zu schlafen – während die Wände um sie herum wackelten. "An Spielen war gar nicht zu denken", sagt Kloss.

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In der Bombennacht vom 18. August auf den 19. August 1944 befand sich die 14-Jährige jedoch in Osterholz-Scharmbeck, wo sie bei einem Bauern wohnte. Auf seinem Hof absolvierte sie ihr Pflichtjahr, das die Nationalsozialisten für alle Mädchen und Frauen nach Ende ihrer Schulzeit eingeführt hatten. Sie beobachtete aus so weiter wie sicherer Ferne, wie vorausfliegende britische Flugzeuge Leuchtzeichen, sogenannte Tannenbäume, abwarfen, um das Zielgebiet zu markieren. Dann vernahm sie die Einschläge und roch das Feuer, das der Wind zu ihr herübertrug. "Wie bei einem Feuerwerk", erzählt Kloss. Noch heute beschleicht die 89-Jährige ein ungutes Gefühl, wenn etwa an Silvester Raketen aufsteigen. Denn dann kommen die Bilder des erhellten Bremer Nachthimmels hoch. "Unfassbar schrecklich" sei der Anblick gewesen – vor allem, weil sie Angst um ihre Eltern und ihre Schwester hatte, die sich in Bremen aufhielten.

Am Tag nach der Bombennacht, einem Sonnabend, hatte sie frei. Also lief sie zum Bahnhof, um von dort nach Bremen zu fahren, wo sie ihre Familie suchen wollte. Als aber der Zug aus Bremen einfuhr, stiegen ihre Mutter und ihre Schwester aus. Kloss lief ihnen entgegen, überglücklich, dass die beiden noch am Leben waren. Ihre Mutter aber erwiderte nur: "Wir haben nichts mehr, es ist alles weg."

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