Hoetger als Produktdesigner

Die Böttcherstraße als Namensgeber für ein Silberbesteck

Als Neugestalter der Böttcherstraße ist Bernhard Hoetger zu Ruhm gelangt. Doch auch als Besteckdesigner hat er seine Spuren hinterlassen. Darüber informiert ein neues Buch von Horst Heeren.
12.07.2017, 17:10
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Von Frank Hethey

Wer den Namen Bernhard Hoetger hört, denkt gemeinhin an seinen Beitrag zur Neugestaltung der Böttcherstraße. Oder die Spuren, die der expressionistische Baumeister und Bildhauer in Worpswede hinterlassen hat. Aber nicht daran, was er als Produktdesigner geleistet hat. Dabei sei sein knapp 90 Jahre alter Besteckentwurf im Stil des Art déco „sehr extravagant für seine Zeit“, sagt Horst Heeren, der langjährige Werkstattleiter der Bremer Silberwarenmanufaktur Koch & Bergfeld. Doch Hoetgers Entwurf habe „nie die angemessene Aufmerksamkeit und Anerkennung“ gefunden. Mit einem knapp 100-seitigen Text- und Bildband will Heeren jetzt an die vergessene Seite des Künstlers erinnern.

Besonderer Coup zum 100-jährigen Bestehen

Den Auftrag für das neue Bestecksortiment erhielt Hoetger 1928. Pünktlich zum 100-jährigen Bestehen wollte die Firma Koch & Bergfeld offenbar einen ganz besonderen Coup landen – mit dem gerade damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens stehenden Hoetger als Aushängeschild. Völlig fremd war Hoetger diese Arbeit nicht, schon einmal hatte er um 1914 ein Besteck entworfen. „Allerdings nur für den privaten Gebrauch“, sagt Heeren. Diesmal jedoch sollte das Besteck auch außerhalb der eigenen vier Wände glänzen. Als Industrieentwurf für die serielle Fertigung unter dem bezeichnenden Namen „Gedeck Böttcherstraße“.

Nähere Einzelheiten zum Entstehungsprozess sind nicht überliefert. Durchaus möglich, dass Hoetger nur als Ideengeber fungierte und seine Aufgabe mit wenigen Skizzen erledigte. „Die Ausarbeitung könnte das Zeichenbüro der Firma übernommen haben“, sagt der 76-Jährige. Gleichwohl ändere das nichts an der Qualität des 83-teiligen Besteckentwurfs. Hoetger sei „ein charaktervoller Entwurf von dauerhafter Modernität“ gelungen. Das Besondere: Der Entwurf habe den Anforderungen maschineller Serienfertigung entsprochen und gleichzeitig den Eindruck eines handgefertigten Einzelstücks vermittelt.

„Das Besteck war kein Renner“

Doch das ambitionierte Vorhaben stand unter keinem guten Stern. Nicht nur, weil das Hoetger-Besteck mehr als 50 Prozent teurer war als die herkömmlichen Silberbestecke. Sondern auch, weil die Weltwirtschaftskrise der Firma zu schaffen machte. Die Belegschaft schrumpfte von ehemals über 800 auf nur noch 90 Mitarbeiter. Wie viele der Hoetger-Bestecke überhaupt produziert wurden, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Nur so viel lasse sich sagen: „Das Besteck war kein Renner.“

Die ohnehin nur wenigen Prägewerkzeuge des sogenannten Hoetger-Musters wurden wegen mangelnder Nachfrage um 1960 verschrottet. Vom Besteck haben sich nur spärliche Restbestände in der Hand privater Sammler oder Museen erhalten. Das Focke-Museum verfügt über gerade einmal vier Teile. Doch Heeren will die Hoffnung auf weitere Fundstücke nicht aufgeben, womöglich lasse sich noch zusätzliches Besteck oder Werbematerial aufspüren. Sein reich bebildertes, im Eigenverlag produziertes Werkverzeichnis des Hoetger-Bestecks soll in kleiner Auflage ab September zum Selbstkostenpreis von 37,50 Euro zu haben sein.

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