Die Geschichte eines Sensationsfundes

Die „Bremer Kogge“

Der 8. Oktober 1962 war ein bedeutendes Datum für die Stadt Bremen. Denn genau an diesem Tag wurde ein Stück Geschichte geborgen, das damals wie heute begeistert: die Bremer Kogge.
16.12.2016, 11:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Schwarz

Der 8. Oktober 1962 war ein bedeutendes Datum für die Stadt Bremen. Denn genau an diesem Tag wurde ein Stück Geschichte geborgen, das damals wie heute begeistert: die Bremer Kogge. Durch Zufall während Bauarbeiten an einem Wendebecken gegenüber dem Europahafen entdeckt, verwandelte sie sich innerhalb von 38 Jahren zu einem Besuchermagneten des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven.

Die Geschichte der Kogge ist so aufregend wie ihr damaliger Fund in der Weser. Das findet zumindest Professor Ruth Schilling, Juniorprofessorin für Kommunikation museumsbezogener Wissenschaftsgeschichte an der Universität Bremen. Seit mittlerweile zwei Jahren ist sie mitverantwortlich für die wissenschaftliche Projektleitung und verbindet bei ihrer Tätigkeit im Museum Forschung, Lehre und Ausbildung.

„Spannend war es damals vor allem, als man versucht hat, die Kogge zu bergen. Dass man es schließlich geschafft hat, dieses große Objekt aus dem Wasser zu holen, ist sehr beeindruckend“, sagt sie. Als Anfang der 1960er Jahre klar war, was genau im Wesersand verborgen war, wurde das Wrack schnell als Kogge – als mittelalterliches Handelsschiff – identifiziert und geborgen. Für die Forschung war die Entdeckung der Kogge eine Sensation, denn Schiffstypen dieser Art waren bislang nur auf Münzsiegeln und in wissenschaftlichen Berichten zu finden.

19 Jahre in der Badewanne

Für den Untergang des noch nicht fertiggestellten Schiffes waren Sturm und Hochwasser verantwortlich, die die Kogge trafen, weserabwärts trieben und schließlich sinken ließen. Der Zustand des Schiffes war trotz seiner 600 Jahre unter Wasser bemerkenswert gut und die Bergung musste aus diesem Grund ganz besonders vorsichtig durchgeführt werden. Stück für Stück wurde das Wrack drei Jahre lang mithilfe von Helmtauchern, einem Schwimmkran und einer Taucherglocke aus dem Wasser gehoben, bis schließlich alle Teile der Kogge an die Oberfläche gelangten.

Anschließend erfolgte der Wiederaufbau des ehemaligen Handelsschiffes. Mehr als 2000 Einzelteile und 45 Tonnen Holz wurden ab dem Jahr 1972 zusammengesetzt. Um eine Austrocknung des Holzes zu vermeiden, die einen Schrumpfungsprozess in Gang gesetzt hätte, wurde das Wrack während des siebenjährigen Wiederaufbaus mithilfe von Rasensprengern feucht gehalten.

Auch die Konservierung der Kogge war ein aufwändiger Prozess, der eigens für den historischen Fund entwickelt wurde: Ein wasserlösliches Kunstwachs mit dem Namen Polyethylenglykol – kurz PEG – stabilisierte das Holz und verhinderte somit ein Schrumpfen nach dem Trocknen. Um die gesamte Kogge mit dem Wachs zu überziehen, musste eine riesige Badewanne um das Wrack herum errichtet werden. Darin verweilte die Kogge 19 Jahre lang. Erst im Jahr 2000 konnte sie - endlich vollständig konserviert - aus dem Bad heraus und wird seitdem im Deutschen Schifffahrtsmuseum ausgestellt.

Besonders das Engagement des kleinen Teams während des Wiederaufbaus begeistert die Historikern noch heute: „Ich bin tief beeindruckt von dem hohen persönlichen Engegement und der wissenschaftlicher Leistung.“

Schiffe vom Typ der „Bremer Kogge“ waren im Mittelalter, genauer zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert, enorm wichtig für Bremen, denn sie dienten der Hanse als Handelsschiffe. Die „Klinkerbauweise“ der Kogge orientierte sich an der im südlichen Skandinavien entstandenen Bauart für mittelalterliche Schiffe, bei der die Schiffsplanken überlappend zusammengesetzt wurden. Diese Bauart war zu dieser Zeit typisch für die Produktion von Schiffen in Nordeuropa. Die Hauptfunktion, große Warenmengen zu transportieren, wurde durch eine füllige Rumpfform ermöglicht und so hatte die „Bremer Kogge“ eine Tragfähigkeit von 80 Tonnen.

Das Leben an Bord war voll und ganz nach funktionalen Gesichtspunkten ausgerichtet. Der Transport der großen Warenmengen stand im Mittelpunkt und so gab es für die Besatzungsmitglieder keinerlei Komfort oder Rückzugsmöglichkeiten. Auch die Ernährung war eher eintönig und nicht besonders üppig. Neben der harten Arbeit an Bord gab es nur wenig Abwechslung.

Die einfachen Seeleute wurden an Bord streng von den höheren Rängen getrennt und es wurde stets auf die Rangordnung geachtet. Trotz der sehr anstrengenden und gefährlichen Arbeit während der teils wochenlangen Fahrten, bot die Kogge den Hanseschiffern auch gewisse Aufstiegschancen. Besonders während des 14. Jahrhunderts hatte die „Bremer Kogge“ eine große Bedeutung für die zunehmende Handelstätigkeit der Hansekaufleute und ist damit ein wichtiger Teil der spätmittelalterlichen Geschichte.

Herzstück des Museums

In Bremerhaven befindet sich die Ausstellung der „Bremer Kogge“ zurzeit in einem Wandel und die Koggen-Halle ist für Besucher – mit Ausnahme einiger Baustellenführungen – nicht zugänglich. Dennoch bleibt sie für das Museum eines der wichtigsten Ausstellungsstücke. „Die Kogge ist eines der Herzstücke des Museums“, erklärt Schilling die Bedeutung des Schiffes.

Unter dem Titel „Die ,Bremer Kogge' von 1380. Materialität, Interessen, Wahrnehmung“ wird den Besuchern ab März nächsten Jahres eine semi-permanente Ausstellung mit verschiedenen Themenschwerpunkten geboten. Auf den drei Ebenen der Koggen-Halle werden unter anderem die Fragen behandelt, wie die „Bremer Kogge“ sich vom archäologischen Fund zu einem Museumsobjekt entwickelt hat, wie der Schiffbau im Mittelalter betrieben wurde und welche Handelsinteressen die Hanse zur damaligen Zeit verfolgte. Neben vielen Originalobjekten aus dem Bremer Fundgut werden auch Leihgaben aus anderen Museen, Dokumente und Medienstationen mit Film- und Audiomaterialien verbunden.

Eine weitere Besonderheit der neuen Ausstellung bilden neben dem flexiblen Mobiliar für den leichten Austausch von Objekten auch die neuen Mitmach- und Hands-on-Stationen, mit denen Besucher aktiv an der Ausstellung beteiligt sein werden. Gerade für die jungen Besucher bietet sich dadurch die Gelegenheit, technische Aspekte rund um die Kogge sowie die Erforschung interaktiv zu erleben.

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