Bronzestatue Die Bremer Stadtmusikanten: von der Statue zum Wahrzeichen

Die Bremer Stadtmusikanten finden sich in vielen Städten der Welt. Die Darstellungen haben sich über die Jahre verändert, weil die Statue an Eigenständigkeit gewonnen hat.
14.11.2018, 19:59
Lesedauer: 5 Min
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Von Anika Seebacher

Kaum eine Postkarte aus Bremen kommt ohne die Bronzestatue aus, auf nahezu unzähligen Souvenirs und Bremensien ist die ortsbildprägende Tierpyramide in Miniaturform zu finden: Obwohl die Stadtmusikanten im Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm niemals Bremen erreichten, sondern Bleibe in einem der umliegenden Wälder fanden, sind sie heute neben den Unesco-Stätten Roland und Rathaus in unmittelbarer Nachbarschaft eines der Wahrzeichen der Hansestadt und eine Pflichtsehenswürdigkeit für alle Besucher – woher auch immer sie kommen.

Bereits 1339 waren in Bremen die Stadt- und Raths-Musici bekannt, die vom Kirchturm des Gotteshauses Unser Lieben Frauen bliesen. Hierbei handelte es sich allerdings um Spielleute, die bei politischen Empfängen und Hochzeiten auftraten und die Stadt auch nach außen präsentierten. Für das populäre Märchen der Brüder Grimm gab es diverse Illustrationen, unter anderem vom englischen Karikaturisten George Cruikshank, die den Höhepunkt der Erzählung zeigt – nämlich die Szene, in der die Tiere die Räuber im Wald erschrecken und im Anschluss deren Hütte ihrem neuen Zuhause machen.

Um 1938 gab es Überlegungen dem beliebten Märchenquartett ein Denkmal zu setzen. In der Werkstatt des bekannten deutschen Bildhauers Gerhard Marcks entstand 1951 die wohl bekannteste Figur der vernachlässigten und verscheuchten Tiere. Heute ist diese Auftragsarbeit des Verkehrsvereins der Freien Hansestadt Bremen die Sehenswürdigkeit schlechthin.

"Wir haben viel Anatomie betrieben"

Dem Autodidakt Marcks waren die vier Hauptfiguren des Grimmschen Märchens zu Beginn seines kreativen Schaffens der Skulptur als Motiv sicherlich nicht unbekannt, dennoch verfeinerte er sein Können für diese Arbeit mit einem befreundeten Bildhauer. Nachdem der Berliner bereits als Kind im Zoologischen Garten von Berlin Stunden mit dem Beobachten und Zeichnen von Tieren zugebracht und für eine Steingutfabrik Tierplastiken hergestellt hatte, ging es in einem weiteren Schritt an das Studium des Körperbaus der Haustiere.

„Wir haben viel Anatomie betrieben – tote Hunde, tote Katzen und tote Affen seziert“, soll Marcks seinen Kritikern gegenüber klargestellt haben. Diese stellten die Darstellung von dem altersschwachen Esel, dem alten Hund, der müden Katze und dem verscheuchten Hahn infrage, da die verkleinerten Tiere eine „durchaus krumme Körperhaltung“ aufweisen. Gerade dadurch zeigt sich anderen Kritikern zufolge eine gewisse Heiterkeit in der Figur, die sich in den Werken des deutschen Bildhauers nach dem Zweiten Weltkrieg nur selten finden lässt, da seine Kunst in Deutschland von den Nationalsozialisten als „entartet“ abgestempelt wurde.

Aufgestellt wurde die etwa zwei Meter hohe Statue am 30. September 1953 auf einem Sockel, auf dem sich die Signatur des Urhebers in Form einer Rune finden lässt. Zunächst waren die Stadtmusikanten lediglich eine Leihgabe und nahmen ihre Position probehalber ein. Das stieß auf reichlich Widerstand: „zu modern“, „nicht repräsentativ“, kritisierten die Bremer, die Bronzefigur als „eine Zumutung“ empfanden und das „Volksempfinden gestört“ wähnten.

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Trotz der Kontroversen um die nüchternen, stilisierten sowie unterlebensgroßen Figuren in der markanten Dreiecksform sammelte der Vorsitzende des Verkehrsvereins, Hanns Meyer, Spenden, um den vier Tieren eine endgültige Bleibe zu sichern. Dagegen hatte sich nämlich der Bremer Künstlerbund gewandt, der sich einen hiesigen Künstler für die Erstellung der Skulptur wünschte, von dem man annahm, dass er die hohen Ansprüche an die Darstellung der Stadtmusikanten eher erfüllen würde.

Dank eines Darlehens der Stadt und der Unterstützung vieler Bürger durfte die Pyramide für die von Marcks geforderten 20 000 Mark dann aber schließlich doch an der Westseite des Rathauses stehen bleiben. Kritik hagelte es auch wegen des Standortes und der Ausrichtung der Statue, deren Figuren schließlich ihre Allerwertesten in Richtung Rathaus streckten. Dennoch blieb es dabei. Heute markieren die vier aufeinander gestellten Tiere den Endpunkt der 600 Kilometer langen Deutschen Märchenstraße, die von der hessischen Brüder-Grimm-Stadt Hanau bis nach Norddeutschland führt. Inzwischen haben die Hanseaten das tierische Quartett aus der Grimmschen Fabel akzeptiert und in ihr Herz geschlossen.

Schnell wurden Esel, Hund, Katze und Hahn zu Berühmtheiten und legten sogar international eine Karriere hin. Zweitgüsse der Plastik in mitunter neuen Form- und Farbgebungen stehen nicht nur an weiteren Stellen in Bremen sowie Achim, Brakel, Kirchlinteln und Syke, die Anspruch darauf erheben, dass die Tiere im Speckgürtel Bremens ihr Lager aufschlugen, sondern unter anderem auch im Busch-Reisinger-Museum der Harvard Art Collections in Cambridge, vor der Petrikirche im lettischen Riga oder im Milwaukee Art Museum. In Deutschland findet man das Tierquartett zudem in Erfurt und in Leipzig.

Verbreitung über Bilder

Eine noch ältere Version der Stadtmusikanten steht in Bremen am Sieben-Faulen-Brunnen in der Böttcherstraße. Diese Statue von Bernhard Hoetger, Architekt und Bildhauer, stammt aus dem Jahr 1926. Noch weiter zurück liegt das Entstehungsdatum der bronzenen Figur von F. W. Heine: Die 1899 geschaffene Version der Märchenfiguren ist jedoch nicht öffentlich zugänglich; sie befindet sich im Kaiserzimmer des Ratskellers. Direkt nebenan, im sogenannten Hauff-Saal, ein
Fresco: Die Tiere speisen am Tisch.

Die originale Bronzeplastik im Schatten der Liebfrauenkirche ist und bleibt vermutlich auch die meistfotografierte Darstellung der mutigen Märchenfiguren, jährlich besuchen rund 40 Millionen Menschen die Tiere in Bremen. Zahlreiche Touristen greifen dann dem Esel an die Beine, was einer Überlieferung zufolge Glück bringen soll.

Zu verdanken haben die Stadtmusikanten von Marcks ihre Bekanntheit vor allem ihrer Verbreitung über Bilder. Anfangs gab es die Skulptur auf Fotografien fast ausschließlich in Verbindung mit anderen Wahrzeichen der Stadt. Auch der Fotograf Hans Saebens (1895-1969) aus Worpswede legte bei seiner Motivsuche für sein in den 1960er-Jahren zusammen mit Hanns Meyer im Schünemann-Verlag erschienenen Bildband „Schönes Bremen“ Wert auf eine Verortung der Figur. Im Hintergrund seiner Aufnahmen sind die im Barockstil gehaltenen Giebel der Bremer Börse zu sehen.

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Saebens bediente sich in der Regel kontrastreicher Licht- und Schattenübergänge, um den Fokus auf das Wesentliche zu lenken. „Diese Darstellung entspricht vermutlich den Vorstellungen des Künstlers“, sagt Karin ­Walter. Die Kuratorin des Focke-Museums ­erinnert sich, dass Saebens und Marcks in ihrem Wirken stark von der Neuen Sachlichkeit der 1920er-Jahre geprägt waren: „Sie sahen die Welt nüchtern und bildeten das Sichtbare ab.“

Im Magazin des Bremer Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte lagern zahlreiche Abbildungen des stadtbildprägenden Tierquartetts. Dazu gehören neben den Saebens-Aufnahmen kurz nach der Aufstellung der Stadtmusikanten auch Abzüge des ­Fischerhuder Landschaftsfotografen Klaus Rohmeyer. Auf seinen Aufnahmen ist Walter zufolge erkennbar, dass die Figuren freier und eigenständiger wurden und nicht länger einen Hinweis auf ihren Standort nötig hatten. Das hat sich bis zu den heutigen Darstellungen fortentwickelt, häufig sind ausschließlich die Tierfiguren ohne ein erkennbares ortsbildprägendes Gebäude zu sehen.

„Die Skulptur von Gerhard Marcks hat sehr zur Popularität der Stadtmusikanten bis in die Gegenwart beigetragen“, meint Walter mit Blick auf die große Vielfalt an Aufnahmen im Museum. Inzwischen steht das unverwechselbare Tierquartett im Pyramidenformat am Bremer Rathaus unter Denkmalschutz und steckt als Sinnbild für Bremen voller Wiedererkennungspotenzial.

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