Interview mit Edda Bosse „Wir bleiben das kleine gallische Dorf“

Die Bremische Evangelische Kirche will sich eine neue Verfassung geben. Unter anderem soll die Kirchenleitung professionalisiert werden. In den Gemeinden gibt es Widerstand, sie fürchten um ihre Autonomie.
29.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir bleiben das kleine gallische Dorf“
Von Jürgen Hinrichs

Frau Bosse, die Bremische Evangelische Kirche ist seit 100 Jahren etwas ganz Besonderes in der deutschen Kirchenlandschaft. Ihre Gemeinden sind autonom. Warum soll die Verfassung nun verändert werden?

Edda Bosse: Weil die Umstände andere geworden ist. Die Kirche hat sich seit 1920 grundlegend verändert und ist heute mehr als ihre Gemeinden. Sie engagiert sich als Dachorganisation in vielen gesellschaftlichen Bereichen, ob das Soziales ist, Bildung oder Kultur. Das wird in der aktuellen Verfassung aber überhaupt nicht abgebildet. Es gibt für viele heutige Kernaufgaben der Bremischen Evangelischen Kirche schlicht keine kirchenrechtliche Grundlage in der Verfassung. Das wollen wir ändern.

Gut, aber das wäre mit einigen Ergänzungen schnell getan. Geht es nicht doch um mehr? Um Macht und Befugnisse?

Macht ist ein großes Wort. Macht hat das von den Gemeinden gewählte Kirchenparlament. Und das soll natürlich so bleiben. Aber Sie meinen etwas anderes . . .

. . . genau. Die geplante Stärkung der Kirchenspitze.

Auch das ist der Zeit geschuldet. Die Anforderungen haben sich in den vergangenen 100 Jahren grundlegend verändert und sind sehr komplex und kompliziert geworden. Ich meine die Verwaltung, die Finanzen, die Juristerei, die Bauabteilung. Wir haben dafür unsere Fachleute, gewiss, aber die letzte Verantwortung liegt bei einer Person im Ehrenamt. Ich finde, wir können diese Verantwortung niemandem mehr ehrenamtlich zumuten. Zumal sich dafür auch erst einmal jemand finden muss, der oder die alles mitbringt, was an profunden Kenntnissen erforderlich ist.

Also müssen Profis ran.

Ich plädiere für Transparenz. Das bedeutet auch, dass Finanz- und Verwaltungsverantwortung zeitgemäß hauptamtlich wahrgenommen werden, weil das ehrenamtlich nicht leistbar ist. Heute haben wir an der Spitze die Präsidentin, den Vizepräsidenten, den Schatzmeister – alle im Ehrenamt. Der Schriftführer, der ja ordinierter Pastor ist, arbeitet hauptamtlich. Der Leiter der Kirchenkanzlei ist der ranghöchste Verwaltungsbeamte. Unser Vorschlag ist, dem Schriftführer zukünftig den Titel Kirchenpräsident zu geben. Das definiert sehr verständlich die Rolle als geistlicher Repräsentant unserer Kirche. Die Person, die heute Präsidentin genannt wird, wäre künftig Präses.

Kirchenpräsident – da könnte man schon fast von einem Bischof reden. Warum nicht ein Bischof oder eine Bischöfin wie in einigen anderen Landeskirchen?

Nein, auf keinen Fall. Wir bleiben das kleine gallische Dorf und behalten unsere Eigenarten. Schon aus unserer Geschichte heraus. In der Zeit des Nationalsozialismus haben die „Deutschen Christen“ einen „Bischof“ in Bremen installiert und das Kirchenparlament entmachtet – ein schwarzes Kapitel in der Bremer Kirchengeschichte. Allein deshalb kann unser theologischer Repräsentant nicht diesen Titel tragen.

Woher kommt eigentlich der Ausdruck Schriftführer? Die Kirche ist doch kein Verein.

Sie sagen es! Der Ausdruck Schriftführer stammt aus dem Vereinsrecht, denn 1920 hatte sich die Bremische Evangelische Kirche analog zu einem Verein gegründet. Eine neue Verfassung sollte unser Kirche-Sein abbilden und auch nach außen verständlich machen.

Neben dem Präsidenten soll es einen hauptamtlichen Vize geben, einen Juristen.

Richtig, das ist die Funktion, die heute der Schatzmeister und der Leiter der Kirchenkanzlei innehaben. Ebenso wie jetzt der ehrenamtliche Schatzmeister würde der Vizepräsident direkt vom Parlament gewählt und wäre mit Sitz und Stimme im Kirchenausschuss vertreten. Komplett machen würde das Dreigestirn an der Spitze ein oder eine Präses im Ehrenamt. Ich spreche bewusst im Konjunktiv, denn auch wenn wir bereits seit fünf Jahren beraten, ist noch nichts in Stein gemeißelt. Wir diskutieren, offen und transparent. Entscheiden wird am Ende unser Kirchenparlament, der Kirchentag.

Also die Entsandten der Gemeinden. Das Stimmungsbild ist diffus: Die Gemeinden sind entweder strikt dagegen, moderat dafür oder noch unentschieden.

Nach meiner Wahrnehmung ist die große Mehrheit der Gemeinden für die Verfassungsreform. Nicht alle, da haben Sie recht, aber so ist die Bremische Evangelische Kirche nun mal, sehr lebendig und mit vielen Ausprägungen unseres Glaubens. Wir sind eine Gemeinschaft der Gemeinden, die Kontroversen hat und sie austrägt, das macht unseren Geist aus. Darum war es entscheidend, die Gemeinden in dem Prozess seit 2013 von Anfang an zu beteiligen, und diese Möglichkeit hat ein großer Teil auch wahrgenommen.

Zuweilen geht es beinhart zu. Ihnen wird in einem der Papiere ein Frontalangriff auf die Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Gemeinden vorgeworfen.

Dafür gibt es aus meiner Sicht keinen Anlass. Die Autonomie der Gemeinden soll gewahrt bleiben, auch bei der Auswahl der Pastoren und Pastorinnen. Da würde es keinerlei Einfluss geben. Mir ist vielmehr daran gelegen, uns bei aller Vielfalt trotzdem als gemeinsame Kirche zu begreifen und dies in der Verfassung auszudrücken.

Und das Geld? Kritiker sagen, dass bei den Gemeinden immer weniger ankommt.

Es kommt so viel Geld bei ihnen an, wie das Kirchenparlament, also die Gemeinden selbst, dafür einplant. Auch in diesem Punkt stehen wir in einer gemeinschaftlichen Verantwortung, da unsere Mitgliederzahlen und damit unsere Einnahmen sinken. Anders als der Staat kann die Kirche pleitegehen. Es muss also klug gewirtschaftet werden.

Wenn Sie so sehr die Rolle des Parlaments als Souverän betonen – formal ist das richtig, aber besteht nicht doch die Gefahr, dass eine professionalisierte Kirchenleitung Dominanz ausübt? Das passiert ja auch sonst oft im Verhältnis zwischen Legislative und Exekutive.

Nach dem Verfassungsentwurf sollen von 13 Mitgliedern des Kirchenausschusses nur zwei hauptamtlich sein: der Kirchenpräsident – so wie jetzt der Schriftführer – und der juristische Vizepräsident. Drei Mitglieder sind, wie bisher, als Pastorinnen oder Pastoren nur nebenamtlich im Kirchenausschuss. Ich bin zudem der Meinung, wir stärken das Parlament dadurch, dass der juristische Vizepräsident vom Kirchentag gewählt werden soll. Die Leitung der Kirchenkanzlei beruft nach heutigem Stand allein der Kirchenausschuss. Dennoch kann ich die Befürchtungen und das Misstrauen gut verstehen. Deshalb ist es ja wichtig, dass wir so offen und so lange schon intensiv miteinander diskutieren. Und dass die Debatte bis zuletzt ergebnisoffen bleibt. Sie ist aus meiner Sicht übrigens ein Wert an sich – der Austausch, das Miteinander, die Selbstvergewisserung. Wir haben dafür alle Zeit der Welt, niemand drängt uns.

Die Kirche ist in Not, auch deswegen reagieren Sie jetzt mit dem Plan einer neuen Verfassung. Hat dieser Zustand aber nicht wesentlich auch damit zu tun, dass Ihnen etwas abhandengekommen ist?

Was meinen Sie?

Den Wesenskern. Glaube und Verkündigung. Die Transzendenz, das Heilige, ein Letztes, das nicht verstanden werden kann oder muss.

Genau darum geht es ja, wenn wir den Gemeinden den Rücken freihalten wollen – sie können sich dadurch stärker auf ihr eigentliches Feld konzentrieren. Projekte, die auf den jeweiligen Ortsteil ausstrahlen. Jugendarbeit. Diakonie. Und eben auch das, was Sie ansprechen: Verkündigung. Für mich heißt das, nahe bei den Menschen zu sein. Ihnen zu vermitteln, dass da was ist zwischen Himmel und Erde.

Das Gespräch führte Jürgen Hinrichs.

Info

Zur Person

Edda Bosse (67)

ist seit 2013 Präsidentin des Kirchenausschusses der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). Vorher war die Journalistin Mitglied des Bauherrenkollegiums des St.-Petri-Doms.

Info

Zur Sache

Bremische Evangelische Kirche

Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) besteht aus 61 Gemeinden mit 56 Kirchen, 19 Kirchräumen in den Gemeindezentren und 65 Kindertageseinrichtungen. Sie beschäftigt rund 2200 Mitarbeiter. Davon entfallen etwa 60 Prozent auf die Kitas und entsprechende Fachdienste, 25 Prozent auf die Gemeinden und 15 Prozent auf gesamtkirchliche Einrichtungen und die Verwaltung. Die Mitgliederzahl lag nach Angaben der BEK zum 1. Januar 2020 bei 182 289. Vor zehn Jahren waren es noch rund 231 000 Mitglieder.

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