Landesfrauenrat Bremen

Die Brücke in die Zukunft

Andrea Buchelt ist seit August die erste Vorsitzende des Landesfrauenrates Bremen. Für ihre Amtszeit hat die 62-Jährige Marketingfachfrau umfangreiche Pläne, um den Verband wieder aufleben zu lassen.
04.10.2019, 19:16
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Die Brücke in die Zukunft
Von Lisa-Maria Röhling
Die Brücke in die Zukunft

Die 62-jährige Vorsitzende des Landesfrauenrates Bremen, Andrea Buchelt, ist eine Kämpfernatur.

Christina Kuhaupt

Andrea Buchelt ist bereit zu kämpfen. Die 62-Jährige ist überzeugt: Wenn Frauen ihre Potenziale voll ausschöpfen können, erst dann wird die Gesellschaft besser. „Was ist das bitte für ein Käse, wenn die Hälfte der Menschheit immer auf halber Flamme kocht. Was für eine Ressourcenverschwendung. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Menschen ihr Potenzial ausschöpfen können“, sagt sie. Dabei drückt sie den Rücken durch und spricht mit klarer, heller Stimme, jedes Wort formuliert sie mit einem scharfen Zungenschlag. „Ich setze mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft für die Interessen von Frauen in unserer Gesellschaft ein.“ Für ihren Einsatz hat Buchelt nun mehr Verantwortung übernommen: Seit August ist sie erste Vorsitzende des unabhängigen Dachverbandes der Bremer Frauenvertretungen, des Bremer Frauenausschusses – Landesfrauenrat Bremen. Und in den 20 Monaten, die ihr in ihrer Amtszeit verbleiben, hat die Marketingfachfrau viel vor.

Feministin ein Leben lang

Frauenthemen haben sie schon immer bewegt, sagt Buchelt. „Ich bin schon ein Leben lang Feministin. Da muss ich keine Zehntelsekunde drüber nachdenken.“ Sie rückt auf ihrem Stuhl im Büro des Landesfrauenausschusses ein wenig nach vorne und schaut ihr Gegenüber mit einem milden Lächeln an, als sei diese Frage völlig überflüssig. Dass sie sich auch politisch für diese Themen einsetzt, habe mit ihrer Herkunft zu tun. Denn sie ist nach „zwei außergewöhnlichen Frauen“ benannt: ihren Großmüttern Maria und Luise. Maria, Bayerin, wurde in eine große Bauernfamilie hinein geboren, machte gegen den Willen des Vaters ihren mittleren Schulabschluss und ging, fern vom väterlichen Hof, arbeiten. Luise, Preußin, wurde mit 23 Jahren das erste Mal Witwe und versorgte sich und ihre Familie bis ins hohe Alter alleine. Ebenso führte Buchelts eigene Mutter ein selbstständiges Leben und setzte gegen den Willen ihrer preußischen Familie durch, dass Buchelt und ihre Schwester studieren. „Das hat mich beeindruckt und beeinflusst“, sagt sie über ihre Vorfahrinnen. „Es hat mich geprägt, von Anfang an ein autonomes Leben als Frau zu führen.“

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Ihr Weg in den Vorstand des Bremer Landesfrauenrates führte dennoch über Umwege. Buchelt stammt aus Kaiserslautern, schloss ihr Studium in Augsburg als Diplomökonomin ab, verbrachte dann ihre ersten Berufsjahre als Trainee bei Unilever in Hamburg. Dort engagierte sie sich auch das erste Mal politisch, wurde Mitglied einer Partei – „welche, ist unwichtig“, sagt sie. Denn: Parteipolitik, das merkte sie schnell, war nicht ihr Ding. Politisch aktiv wollte sie trotzdem bleiben. Seit 1986 engagiert sie sich schon im Deutschen Akademikerinnenbund, zwei Jahre später kam sie das erste Mal über ihren damaligen Job bei Hag General Foods, später Kraft, nach Bremen. Dabei sollte es nicht bleiben: Mehrere berufliche Stationen führten sie erst nach Frankfurt, dann wieder zurück nach Bremen, dann nach Argentinien. „Drei Mal ist Bremer Recht“, sagt sie über ihre letzte Rückkehr vor 22 Jahren. „Jetzt muss ich bleiben oder für immer gehen.“

Seit August erste Vorsitzende des Frauenrates

Sie will bleiben. Inzwischen ist sie in Bremen seit vielen Jahren als Marketingberaterin tätig, gibt außerdem das Frauenbranchenbuch „Exxtra Seiten“ heraus. Ihr jahrelanges Engagement als Einzelmitglied im Bremer Landesfrauenrat hat sie über Jahre in immer mehr Verantwortung geführt, im August entschied sie sich, den Posten der ersten Vorsitzenden zu übernehmen. „Mir gehen manchmal Dinge zu langsam“, sagt sie über ihre Entscheidung, sich dieser Verantwortung zu stellen. Trotzdem war sie sich zunächst nicht sicher, ob sie mit ihrer, wie sie es selbst beschreibt, „rumpeligen und direkten Art“ so gut ankommt. „Ich bin eher die Lockere, ich habe einen anderen Stil.“ Viele Sätze beendet sie mit einem lauten Lachen, lehnt sich dabei nach vorne und zieht dann die Luft durch die Zähne, ganz, als hole sie tief Luft für die vielen Dinge, die sie in den kommenden Monaten vor hat.

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Ihr oberstes Ziel: Kommunikation. „Wir werden die Welt nicht ändern können, ohne mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten“, sagt sie. „Wir müssen jetzt die Brücke schlagen – zwischen Jung und Alt, zwischen Frauen und Männern, zwischen Menschen.“ Ihr sei wichtig, dass mehr Frauen in Bremen von dem Landesfrauenrat und den 38 zugehörigen Vereinen und Verbänden hören und mehr über dessen Aufgabe lernen: Probleme von Frauen in Bremen zu sammeln, zu bündeln und an die Politik heranzutragen. Dass sie dabei wie viele Vereine gegen den Mitgliederschwund ankämpfen muss, weiß sie. Ein Hindernis, dass sie unbedingt bezwingen will: „Wir wollen unsere Durchsetzungsfähigkeit erhöhen.“ Doch noch viel mehr als bisher will Buchelt ihren Verband in die Moderne holen: Newsletter versenden, Frauenthemen und Geschlechterdiskriminierung in der Digitalisierung diskutieren, den Verein und seine Arbeit attraktiver für junge Frauen zu machen. Dazu gehöre auch, die Generationen miteinander zu vernetzen: Während junge Frauen von den Erfahrungen der Älteren in der Berufswelt profitieren könnten, könne ihre Generation von der neuen Herangehensweise der Jungen an Frauenpolitik lernen, sagt Buchelt. „Alte Feindbilder und Verfahrensweisen haben ein zähes Leben in meiner Generation.“ Der Weg in die Moderne führt für Buchelt auch zurück zur Gründungsidee des Landesfrauenrates: Der 1946 als Bremer Frauenausschuss gegründete Verein hatte sich zur Aufgabe gemacht, Kriegsflüchtlinge, -witwen und -waisen zu unterstützen, sie in Wohnungen oder Bildungsangebote zu vermitteln. Diese Idee, als Verband ein Informationsnetzwerk für Frauen zu bilden, will Buchelt wieder aufleben lassen. Und zwar so, dass alle Menschen davon profitieren. „Wir stehen vor immensen Herausforderungen, das kann kein Geschlecht alleine schaffen.“ Dann wird sie kurz ganz ernst, das Lächeln verschwindet zum ersten Mal im Gespräch aus ihrem Gesicht. „Letztlich geht es um den einzelnen Menschen. Und dafür ist es wichtig, im Gespräch zu sein, mit allen.“

Info

Zur Sache

Frauenvertretung mit Tradition

Seit 1946 gibt es den Bremer Frauenausschuss und war damit die erste Frauenvertretung bundesweit, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Inzwischen heißt der Dachverband der 38 Frauenverbände im Land Bremen „Bremer Frauenausschuss – Landesfrauenrat Bremen“, eine Mischung aus dem traditionellen Namen und der modernen Bezeichnung Landesfrauenrat, die inzwischen in zahlreichen Bundesländern benutzt wird. Insgesamt gehören zu den zugehörigen Vereinen 210 000 Bremerinnen.

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