Filterblasen „Die Debatte ist sehr übertrieben“

Soziale Netzwerke können dazu führen, dass man sich einseitig informiert. Man landet in einer Filterblase. Facebook und Co. deshalb den Rücken zu kehren, hält Professor Yannis Theocharis aber für keine Lösung.
24.08.2019, 19:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die Debatte ist sehr übertrieben“
Von Carolin Henkenberens

Der Begriff „Filterblase“ ist in aller Munde. Aber was bedeutet er eigentlich?

Yannis Theocharis: Der Begriff wurde von Eli Pariser geprägt. Er spiegelt die Sorge wider, dass die zunehmende Personalisierung im Internet aufgrund von Algorithmen dazu führt, dass Menschen in einer Umgebung eingeschlossen sind, in der sie Informationen erhalten, die mit ihren eigenen Meinungen und Vorlieben übereinstimmen. Das Ergebnis ist, dass Leute in einer isolierten Blase enden. Diese Blase stärkt möglicherweise bestehende ideologische, politische oder kulturelle Verzerrungen, die zu Polarisierung führen.

Der Begriff wurde 2011 erfunden und bezieht sich auf das Internet. Aber sind Filterblasen wirklich etwas Neues oder doch nur eine neue Form davon, immer die gleichen Freunde in einer Bar zu treffen?

Dass wir Informationen aus Quellen konsumieren, mit denen wir sympathisieren, hat es immer gegeben. Leute haben immer Zeitungen gelesen, denen sie politisch zugeneigt waren. Das ist absolut nichts Neues. Die Personalisierung in der digitalen Sphäre verstärkt dies allerdings. Aber wir Wissenschaftler diskutieren sehr oft darüber, dass die Debatte über Filterblasen sehr übertrieben ist.

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Warum?

Es gibt einerseits sehr viel Forschung, die zeigt, dass Menschen besonders wegen des Internets Informationen ausgesetzt sind, mit denen sie nicht zwangsläufig übereinstimmen. Und das in einem noch nie da gewesenen Ausmaß. Die Gefahr von Filterblasen wird also überschätzt. Es gibt andererseits sogar Studien, die zeigen, dass politische Polarisierung steigen kann, wenn man gegensätzlichen Ansichten ausgesetzt ist.

Warum ist das Phänomen dennoch so präsent?

Ich denke, dass Medienberichterstattung damit zu tun hat. Auch Fake News, also bewusst falsche Nachrichten, sind ein deutlich kleineres Problem als man aufgrund der öffentlichen Wahrnehmung denken könnte. Ich stimme zu, dass wir die Debatte über Filterblasen führen müssen, aber die überwiegende Zahl wissenschaftlicher Studien zeigt, dass die Gefahr überschätzt wird. Es gibt Menschen, die sich sehr einseitig informieren, und das ist eine Folge der Personalisierung mit Hilfe von Algorithmen im Internet. Aber das sind wenige.

Sind einige Menschen anfälliger für Filterblasen als andere?

Jemand, der eine sehr starke Verbindung zu einer politischen Partei hat, wird vielleicht eher das lesen, mit dem er übereinstimmt. Ein Hardcore-Trump-Wähler wird zum Beispiel eher Breitbart lesen.

Gibt es Unterschiede beim Alter?

Jemand, der in seinen Fünfzigern oder Sechzigern ist, wird seine Meinung vielleicht nicht so wahrscheinlich ändern. Das könnte also sein. Eine aktuelle Studie im „Science“ zeigte zum Beispiel, dass diejenigen, die Fake News lesen und verbreiten, diejenigen über sechzig Jahre sind. Den Autoren zufolge könnte es mit den Fähigkeiten im Umgang mit sozialen Medien zusammen hängen.

Hat es mit der Bildung einer Person zu tun?

Nein, nicht wirklich.

Wenn man liest, was einem gefällt, fühlt sich das kuschelig und nett an. Warum nutzen Social-Media-Plattformen diesen Effekt von Algorithmen?

Plattformen wie Facebook und Youtube sind profitorientiert. Je glücklicher man auf der Seite ist, desto länger bleibt man, desto mehr Werbung sieht man. Das ergibt perfekt Sinn.

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Haben Algorithmen auch irgendwelche Vorteile für Nutzer? Sie haben ja schon einen sehr schlechten Ruf.

In einer Welt ohne Algorithmen wäre es schwieriger, das zu finden, wonach man sucht. Ein Beispiel: Sie suchen nach einem Buch. Der Algorithmus kann auf der Basis dessen, was Sie zuvor gemocht haben, ein Buch vorschlagen. Algorithmen helfen also, sich durch das Chaos des Internets zu navigieren.

Wenn man die sozialen Netzwerke vergleicht: In welchem gerät man am wahrscheinlichsten in eine Filterblase?

Am Ende hängt es vom Verhalten des Nutzers ab, was er für Informationen auswählt. Der Algorithmus lernt von dem, was man tut. Aber es gibt keinen Beweis, dass etwa Facebook zu mehr Filterblasen führt als Twitter. Ich würde also nicht sagen, dass eine Plattform die schlechteste ist.

Und Instagram? Viele Leute benutzen dort private Profile, man folgt eher seinen Freunden oder speziellen Interessen.

Ja, aber Instagram ist in Deutschland für die Politik bis jetzt nicht wirklich relevant.

Wie kann man überprüfen, ob man in einer Filterblase steckt?

Schwierige Frage. Ich denke, den Schritt, das prüfen zu wollen, machen nur wenige Menschen. Die Rolle von Journalismus ist in dieser Debatte, denke ich, sehr wichtig. Es gibt zig Nachrichtenportale, die man besuchen kann, um sich umfassend zu informieren und die genau mit der Absicht entwickelt wurden, aus seiner Filterblase heraus zu kommen. Aber man sollte vorsichtig sein: Es ist gut zu wissen, was die andere Seite denkt, aber ich denke nicht, dass es notwendig ist, Portale zu lesen, die objektiv gesehen falsche oder lächerlich übertriebene Informationen verbreiten, nur weil sie von der anderen Seite sind.

Welche Konsequenzen haben Filterblasen für das eigene Leben und die Persönlichkeit?

Filterblasen führen mutmaßlich zu so genannten Echokammern, auch wenn das ein weiteres Argument ist, das die Wissenschaft als weniger bedeutend einstuft. Das bedeutet: Man hört seine Stimme und Sichtweise immer und immer wieder. Im Ergebnis läuft es darauf hinaus, dass man in seiner existierenden Meinung so weit gestärkt wird, dass man sich zunehmend auf das Extreme zubewegt.

Welche Folgen hat das für unsere Demokratie?

Das ist leicht zu sehen: Weil wir deutlich fester in unserer Meinung werden, wird es schwieriger sie zu ändern. Konsens wird sehr schwierig, die Gesellschaft wird polarisiert und separiert in homogene Gruppen.

Ist die Wahl Donald Trumps oder der Brexit ein Resultat all dieser Entwicklungen?

Kommunikation kann verantwortlich gemacht werden für vieles, aber sie ist nicht der einzige Grund für gesellschaftliche Polarisierung. Ich denke, die begann in den USA oder Großbritannien deutlich früher und die Gründe liegen tiefer.

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Halten Sie es für eine gute Lösung, sozialen Netzwerken den Rücken zu kehren?

Nein, da wäre ich komplett gegen. Gerade dort ist man zufälligen Informationen, nach denen man nicht gesucht hat, ausgesetzt. Das passiert über Freunde oder Bekannte oder einfach deshalb, weil etwas gerade heiß diskutiert wird. Im Vergleich zu früher lesen wir heute eher mehr Nachrichten, denen wir nicht zustimmen.

Das Gespräch führte Carolin Henkenberens.

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Zur Person

Yannis Theocharis ist Professor für Kommunikation und Medien mit Schwerpunkt Innovative Methoden an der Universität Bremen. Er forscht über den Einfluss digitaler Medien auf politische Partizipation.

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