Omas gegen Rechts

„Die, die wissen, was Rechte anrichten“

In ganz Deutschland engagieren sich die „Omas gegen Rechts" gegen die Rechte Szene. Sie wissen aus eigener Erfahrung, was die Herrschaft von Rechtsextremisten bedeutet - sie haben es schließlich miterlebt.
05.12.2018, 21:20
Lesedauer: 5 Min
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Von Hanni Steiner
„Die, die wissen, was Rechte anrichten“

Günter Böttcher (v.l.), Elisabeth Graf, Gerda Smorra, Anne Holthusen und Margret Böttcher engagieren sich für die Initiative.

Walter Gerbracht

Omas sind gebrechlich, hüten Enkel und backen Kuchen – Ein Bild, das schon lange nicht mehr stimmt. Und neuerdings werden sie auch laut: Omas im Jahre 2018 ziehen sich durchaus auch bunt an und melden sich zu Wort. Denn sie kennen aus eigenem Erleben jene gesellschaftliche und politische Rechte, die zurzeit in Europa auf Stimmenfang geht. Die „Omas gegen rechts“ sind dabei, auch in Bremen eine politische Kategorie zu werden. Sie sind die Generation der Kriegskinder, vorneweg die energische Initiatorin Gerda Smorra, 74.

Gemeinsam mit Anna Ohnweiler aus Nagold im Schwarzwald ist sie die Gründerin der deutschen „Omas gegen rechts“. Beide hatten von den österreichischen „Omas“ erfahren, die bereits seit der Regierungsbildung aus ÖVP und FPÖ 2017 gegen rechtspopulistische Tendenzen in der Alpenrepublik auf die Straße gehen. „Wir kamen beide gleichzeitig am 27. Januar 2018, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, auf die Idee, nach österreichischem Vorbild auch bei uns eine solche Initiative zu gründen“, sagt Gerda Smorra. Sie schlossen sich kurz, nahmen Kontakt auf nach Österreich, die Idee nahm Gestalt an.

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Die „Omas gegen rechts“ waren mit von der Partie, als kürzlich Tausende am Hauptbahnhof Gesicht zeigten für ein gerechtes, soziales, offenes Land. Sie haben ein Manifest, Schilder, Buttons, Flyer, ein eigenes Lied, Facebookzugang und sie haben keine Angst. Was sind das für Frauen, die abermals aufbegehren wie etliche von ihnen schon einmal in den 60er und 70er Jahren gegen den Muff von tausend Jahren? „Omas gegen rechts sind eine zivilgesellschaftliche, überparteiliche Initiative“, steht auf dem Flyer, der beim Treffen in den Weserterrassen auf dem Tisch liegt.

Er ist in Grautönen gehalten – bei großen Demos werden die Omas nach ihrer Haarfarbe auch gern „der graue Block“ genannt. Auf dem Flyer steht, wofür sie eintreten: für eine demokratische, rechtsstaat­lich organisierte freie Gesellschaft, für Respekt und Achtung gegenüber Anderen – unabhängig von Religion und Herkunft, für die Rechte der vor Krieg und Not geflüchteten Menschen.

In Bremen fing es mit einer Facebookgruppe an. Austausch, Vernetzung, Diskussion, die Stimme erheben, etwas tun gegen die Aushöhlung der Demokratie und des Grundgesetzes, dessen Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ für sie die Richtschnur ist. Und es geht ihnen ebenso um die sozialen Standards, die ihre Eltern nach 1945 geschaffen haben. In Österreich, führen sie als Beispiel an, sei die Wochenarbeits­zeit unlängst von 40 auf 60 Stunden angehoben worden. So etwas gelte es zu verhindern.

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Bisher besteht die Bremer Gruppe aus rund hundert Leuten aus allen Stadtteilen. Im Januar 2018, am Anfang, waren sie vier. Und man wachse ständig: „Ich habe wieder einen Fulltime-Job, obwohl ich Rentnerin bin“, sagt Gerda Smorra, die in ihrem Berufsleben Lehrerin und Theaterpä­dagogin war, im Seniorentheater der Weserterrassen mitspielt und nebenbei Buchautorin ist. Auch Opas sind ­dabei.

„Wir waren fünf Kinder. Ich möchte so etwas nicht nochmal erleben."

Die Strukturen der „Omas“ sind einfach: Drei so genannte Administratorinnen sind der innere Motor: Sie sichten Nachrichten und die Facebook-Einträge, führen Protokoll, schreiben, vernetzen, helfen bei Anfragen, nehmen neue Mitglieder auf, laden zu Treffen ein. Mit am Tisch sitzt auch das Ehepaar Margret und Günter Böttcher, beide Veteranen der Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg, sie haben mitgemacht in der Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden und in der Anti-Apartheidbewegung. „Mein Vater“, sagt Margret Böttcher, „kam krank aus der Gefangenschaft und starb bald danach. Wir waren fünf Kinder. Ich möchte so etwas nicht nochmal erleben.“ Anne Holthusen ist Erzieherin, Elisabeth Graf war früher Kinderkrankenschwester und hat ein behindertes Kind: „Da bekommt man ein weites Herz.“

Sie tragen auf Demos schlichte Schilder, auf denen in Versalien nur drei Worte stehen: „OMAS GEGEN RECHTS“, dasselbe auf Buttons. „Die mittlere Generation – das sind unsere Kinder – hat mit Job- und Familienarbeit keine Zeit, auf die Straße zu gehen“, wissen sie nur zu gut: 2017 haben deutsche Arbeitnehmer zwei Milliarden Überstunden geleistet, eine Zahl des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Dafür, freuen sich die „Omas“, fänden sie bei jungen Leuten durchweg positive Resonanz: „Cool!“ riefen die angesichts der Omas, die nicht ­verbissen und grölend, sondern heiter auftreten – obwohl es für sie um eine ernste Sache geht.

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Was treibt sie an? Die Antworten sind unterschiedlich je nach Lebenserfahrungen, in einem Punkt aber unisono: „Wir sind die, die wissen, was Rechte anrichten.“ Sie haben die Auswirkungen des Nationalsozialismus erlebt, haben in Trümmern gespielt, waren als Flüchtlinge unerwünscht, haben als Kinder die Ängste ihrer Eltern gespürt. Sie sind die Kriegskinder, die die Autorinnen Sabine Bode und Hilke Lorenz in ihren Büchern über diese Generation beschreiben.

Und noch etwas haben alle am Tisch gemeinsam: den Schrecken in jungen Jahren beim Lesen des „Tagebuchs der Anne Frank“ und beim Hören von Wolfgang Borcherts Hörspiel „Draußen vor der Tür“. Das habe sie geprägt. Viele Eltern, so berichten sie, blieben verschlossen, erzählten nicht von ihren Erlebnissen im Nationalsozialismus, im Krieg und danach, verunsicherten aber ihre Kinder durch ihr Schweigen. Sie übertrugen ihre Erfahrungen jedoch durch ihr Verhalten auf die Kinder: nichts wegwerfen, unter allen Umständen durchhalten, sich selbst „nicht so wichtig nehmen“, jederzeit mit allem rechnen.

Gruppen untereinander vernetzt

Inzwischen, so wissen die Bremer „Omas gegen rechts“, gebe es 26 Regionalgruppen in Deutschland, in Norddeutschland außer in Bremen in Hamburg, Lübeck, Rostock, Rendsburg, Bremerhaven, neuerdings zusammengeschlossen in dem Netzwerk „Omas gegen rechts Nord“. Alle nicken, als jemand am Tisch differenziert: „Wir sind nicht dogmatisch, sondern ein Kreis von nachdenkli­chen Leuten, die von einer inneren Unruhe getrieben werden: Es geht gegen unsere Demokratie, die wir bewahren müssen. Auch Hitler ist demokratisch gewählt worden…“ Sie tragen die Geschichte in einem unsichtbaren Rucksack ständig mit sich.

In der Schule sind sie höchstens bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gekommen. Sie haben die Auseinandersetzungen in den 1960er 1970er Jahren erlebt, sich selbst informiert und sehen mit Sorge, dass heutige Schülerinnen und Schüler ihre Kenntnisse über die NS-Zeit vielfach aus Computerspielen bezögen und dass fast die Hälfte wenig bis gar keine Ahnung habe. Die Frage, ob man mit Rechten reden solle, beantworten sie differenziert: Es käme auf das jeweilige Gegenüber an, zwischen Mitläufern und Unerreichbaren gebe es eine große Bandbreite.

Weitere Informationen

Am Sonnabend, 8. Dezember, werden die „Omas gegen rechts“ von 11 bis 13 Uhr mit einem Stand vor dem evangelischen Informationszentrum Kapitel 8 an der Domsheide und am 27. Januar, dem Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz, zum ersten Mal in einer Bremer Schule über ihr Anliegen informieren.

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