Familie & Bande Die eigene Welt und das Ich im Fokus

Das Siegerbild erinnert an eine Alltagsszene in San Francisco. Den Jugendfotowettbewerb „Ich und meine Welt“ für Jugendliche und junge Erwachsene aus der Region haben die Macher des RAW Photofestivals, das noch bis zum 16. Oktober läuft, ausgerufen.
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Die eigene Welt und das Ich im Fokus
Von Catrin Frerichs

Das Siegerbild erinnert an eine Alltagsszene in San Francisco. Den Jugendfotowettbewerb „Ich und meine Welt“ für Jugendliche und junge Erwachsene aus der Region haben die Macher des RAW Photofestivals, das noch bis zum 16. Oktober läuft, ausgerufen.

Auf einem anderen Bild, schwarz-weiß, sitzt ein Paar unter den Arkaden des Bremer Rathauses und notiert etwas. Das Licht ist diffus, wie verwischt, Sonnenstrahlen brechen hindurch, zeichnen Linien in die Luft. Der Blick der Frau ist auf etwas gerichtet, der Mann indes schaut auf seinen Block. Was schreiben die beiden da nur? Joaquin Alaaddin Avcioguallari weiß es nicht. Vielleicht zeichnen sie den Roland ab, vermutet er. Der 17-jährige Bremer ist oft in der Stadt unterwegs, er lichtet Szenen ab, zufällig und im Vorbeigehen. Momentaufnahmen, die er auf Instagram postet. Fotografie, sagt er, habe für ihn einen sehr hohen Stellenwert. Angefangen hat es vor ein paar Jahren – mit dem Handy. Er probierte Effekte und Filter aus. Die Kamera im Smartphone hatte er immer griffbereit. Jetzt ist die Linse ganz zerkratzt. „Heute fotografiere ich eigentlich nur noch mit der Spiegelreflexkamera", sagt er. Für den Fotowettbewerb hat er das alte Smartphone noch einmal hervorgekramt. Wer genau hinschaut, kann sogar die Kratzer auf dem Foto erkennen.

Den Jugendfotowettbewerb „Ich und meine Welt“ für Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 19 Jahren aus der Region haben die Macher des RAW Photofestivals, das noch bis zum 16. Oktober in Worpswede läuft, ausgerufen. Ganz bewusst wählten sie das Smartphone als Kamera aus, weil Jugendliche es ständig zur Verfügung haben und mit dessen Technik vertraut sind. Jeder Teilnehmer konnte bis zu drei Fotos einreichen. Es sollten spontane Bilder aus dem Leben der jungen Fotografen, Beobachtungen oder Inszenierungen sein: Sowohl Porträts als auch Selfies, Aufnahmen von Freunden, der Familie oder Partybilder waren zugelassen. Gezeigt werden alle eingereichten Bilder ganz konservativ: Als Ausdrucke an Schnüre gehängt, was ein bisschen an die alten Fotolabore erinnert, wo belichtete und entwickelte Bilder an der Leine trockneten. Gezeigt werden sie noch am heutigen Sonntag, 9. Oktober, von 14 bis 18 Uhr in der Worpsweder Mühle.

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Dort hängt auch ein Bild der 18-jährigen Johanna Borgaz. Es ist in Kanada entstanden, wo sie als Austauschschülerin war. Sie steht vor einer Hauswand, auf die rote Cabrios, ein Hahn und das „Chickenburger“-Logo gemalt sind. Auf dem Bild sieht es so aus, als würde die junge Frau gleich ins Auto steigen, sie lacht und hat das rechte Bein schon angewinkelt. Es war kurz vor ihrem 18. Geburtstag, gerade hat sie ihren Führerschein gemacht. Johanna Borgaz achtet beim Fotografieren weniger auf Linien oder die Komposition. „Ich mache gern Reisebilder, immer mit dem Handy“, sagt sie. Überhaupt fotografiere sie ständig. Schon vor der Schule fange sie manchmal damit an, Fotos auf Snapchat, einem Messaging-Dienst zum Verschicken von Mitteilungen, zu posten. Es sind Momentaufnahmen des Alltags. „Meine Freunde begleiten mich so über den ganzen Tag.“

Fotografieren und Filmen ist zu einer modernen Form der Identitätskonstruktion geworden, beschreibt David Bauer das Phänomen in seinem Buch „Kurzbefehl. Der Kompass für das digitale Leben“. Menschen machen das, weil zwei technische Neuerungen es ermöglichen: Die digitale Fotografie und die Kamera im Smartphone. „Wir verspüren einen großen Drang, die Dinge, die wir erleben, zu dokumentieren“, sagt Bauer. Nicht so sehr für uns selber, sondern für unseren Bekanntenkreis. Millionen Fotos werden Woche für Woche in die sozialen Netzwerke wie Facebook oder in Foto-Apps wie Instagram gestellt.

Nina Heeßen ist 18 und postet manchmal ihre Bilder auf Instagram. Sie ist schon mehrere Jahre mit Smartphone oder ihrer echten Kamera unterwegs. „Mit dem Smartphone entstehen spontanere Bilder“, findet die Hobbyfotografin aus Rotenburg. „Mit meiner Kamera plane ich mehr und suche eher gezielt Motive aus.“ Auf dem Hurricane-Festival in Scheeßel war sie mit dem Smartphone unterwegs. Damit lichtete sie ihren Festival-Becher in ihrer Hand ab, dessen lila Motiv farblich perfekt mit ihren mit Erde beschmutzten Gummistiefeln harmoniert. „Ich fand die Farben gut“, sagt sie. Den Becher hat sie behalten.

Die rund 20 eingereichten Smartphone-Fotos der Jugendlichen hätten gezeigt, dass es „sehr viele kreative junge Köpfe mit einem guten Auge gibt“, betont Rüdiger Lubricht, der künstlerischer Leiter des RAW Photofestivals. Die Bilder zeigten einen anderen Blick auf die Welt, eine andere Wahrnehmung der Umwelt und „viel Potenzial“, sagt er. Erstaunlich sei vor allem, dass überhaupt keine Selfies eingereicht wurden. Vielmehr erzählen die Aufnahmen Geschichten in Farbe oder in Schwarzweiß, sie hinterlassen einen Eindruck beim Betrachter oder werfen Fragen auf. „Es ist die Dokumentation des eigenen Lebens“, sagt Festivalleiter Jürgen Strasser. „Früher hat man die anderen fotografiert und wurde von den anderen fotografiert.“ Heute im digitalen Zeitalter fotografiere man sich selbst.

Oder urbane Szenen wie Joaquin Alaaddin Avcioguallari. So wird er zum Chronisten nicht seiner selbst, sondern seiner Stadt und deren Menschen. In Bremen geht er auf Entdeckungsreise, hält nicht nur Passanten in seinen Bildern fest, deren Gesichter man nicht erkennen kann, sondern fotografiert auch sogenannte Lost Places, verlassene Orte. Er ist sicher: „Die Motive gehen mir nicht aus.“

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