Sozialarbeiter Samba Sarr Diop über die Erwartungen von Bremer Flüchtlingen an das Leben in Europa

„Die Enttäuschung ist oft groß“

Europa, ein Paradies? Der Sozialarbeiter und Politologe Samba Sarr Diop hält bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstag einen Vortrag darüber, mit welchen Vorstellungen junge Flüchtlinge nach Bremen kommen. Er betreut Jugendliche aus Gambia und Guinea, Somalia und Syrien.
08.07.2015, 00:00
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„Die Enttäuschung ist oft groß“
Von Sara Sundermann
„Die Enttäuschung ist oft groß“

Politikwissenschaftler Samba Sarr Diop.

Christina Kuhaupt

Europa, ein Paradies? Der Sozialarbeiter und Politologe Samba Sarr Diop hält bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstag einen Vortrag darüber, mit welchen Vorstellungen junge Flüchtlinge nach Bremen kommen. Er betreut Jugendliche aus Gambia und Guinea, Somalia und Syrien. Sara Sundermann hat mit ihm gesprochen.

Welche Bilder von Deutschland haben die jungen Flüchtlinge im Kopf, die Sie beim Ankommen in Bremen begleiten?

Samba Sarr Diop: Wer vor Krieg flieht, kommt hierher, weil er muss und kann sich nicht aussuchen, ob er geht. Aber auch die Abwesenheit von Krieg ist nicht Frieden – viele fliehen vor struktureller Gewalt in ihrer Heimat. Viele Flüchtlinge haben ein Bild von Europa im Kopf als einem Ort für ein besseres Leben. Das wird auch häufig über die Medien vermittelt: Europa als Ort für ein nahezu perfektes Leben.

Was erhoffen sich die Jugendlichen konkret vom Leben hier?

Die meisten wollen schnell Geld verdienen, um ihre Familien zuhause zu unterstützen. Viele wollen am liebsten sofort arbeiten. Und das geht hier dann erstmal gar nicht: Sie warten auf eine passende Unterkunft. Ein Platz im Vorkurs an einer Schule muss gefunden werden, dann kommt vielleicht eine Ausbildung. Ohne Schulabschluss und Ausbildung Geld verdienen können sie hier ja normalerweise nicht. Viele Jugendliche sind dann enttäuscht.

Ist das anders als in ihrer Heimat und den Ländern, die sie durchquert haben?

Die meisten Jugendlichen aus Nordafrika oder Syrien haben schon viel mehr gearbeitet als deutsche Jugendliche. Sie haben in ihrer Heimat im Laden geholfen, Autos gewaschen oder sind putzen gegangen. Auch das Geld für Teile ihrer Flucht haben sich viele unterwegs selbst verdient. Manche haben zum Beispiel in Spanien oder Italien auf der Straße Gürtel oder Hüte an Touristen verkauft. Wenn man so etwas hier macht, ist man sofort mit der Polizei und dem Zoll konfrontiert.

Wie stark gehen Erwartungen und Alltag hier auseinander?

Viele Jugendliche haben schlechte Erfahrungen auf dem langen Weg nach Europa gemacht, aber das verarbeiten sie als Teil ihrer Flucht: ’Das war schlimm, aber in Deutschland wird es gut, und dann wird es sich gelohnt haben, das durchzustehen.’ Wenn sich ihre Lage hier dann schwierig gestaltet, ist die Enttäuschung oft sehr groß.

Woran merken Sie das?

Ein Jugendlicher, der sechs Monate in der Zentralen Erstaufnahme (Zast) verbringen musste, hat zu mir gesagt: „Ich bin durch die Wüste gegangen, ich war in Libyen, als der Krieg ausbrach, ich war auf dem Boot nach Italien, aber nirgends war es so schlimm wie hier.“ Die Essensversorgung der Zast war nicht gut, es war nicht sauber, sehr laut und es gab so gut wie keine Privatsphäre. Die Probleme sind ja bekannt.

Wie groß ist der Druck, hier erfolgreich zu sein, um der Familie Geld zu schicken?

Die Familien verkaufen ihr Tafelsilber, um ihr Kind nach Europa zu schicken. Meistens legen viele Verwandte zusammen, um die erste Etappe der Reise zu finanzieren – zum Beispiel erst einmal das Busticket von Guinea nach Libyen. Bei all diesen Verwandten, die geholfen haben, stehen diejenigen, die gehen, später in der Pflicht.

Wie gehen junge Flüchtlinge damit um?

Vor diesem Hintergrund ist es oft schwer, der Familie zu vermitteln, dass man jetzt erstmal drei Jahre lang eine Ausbildung macht. Und währenddessen sehen die Eltern, dass die Nachbarsjungen, die auch weggegangen sind, schon Geld nach Hause schicken. Manche Jugendliche haben nicht die Geduld, hier ihre Ausbildung abzuschließen. Manche landen auf der Straße und drehen krumme Dinger, sie verkaufen zum Beispiel Drogen oder geklaute Handys am Bahnhof, um an Geld zu kommen.

„Mythos Europa – welches Bild haben Geflüchtete von Europa?“

Darüber diskutieren am Donnerstag um 18.30 Uhr Experten im Europa-Punkt, Am Markt 20. Auf dem Podium sitzen auch der Afrika-Korrespondent Werner Nowak und der Historiker Diethelm Knauf.

Zur Person: Samba Sarr Diop arbeitet als Sozialarbeiter bei dem Jugendhilfeträger Effect und forscht als Doktorand an der Uni im Fach Politikwissenschaft zum Demokratiedefizit der EU.

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