Die erste Fahrt führt nach Helgoland

Am Mittwoch, 10. August 1927, hat sich morgens manch Bremerhavener frei genommen, um mit der Mütze dem „Schulschiff Deutschland“ beim Auslaufen zuzuwinken.
02.06.2017, 00:00
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Von Volker Kölling
Die erste Fahrt führt nach Helgoland

Bei der Ausfahrt lässt Kapitän Walker alle Segel setzen.

frei / Schulschiff-Verein

Am Mittwoch, 10. August 1927, hat sich morgens manch Bremerhavener frei genommen, um mit der Mütze dem „Schulschiff Deutschland“ beim Auslaufen zuzuwinken. Ufer und Molenköpfe sind voller Menschen. 177 Mann an Bord erleben die triumphale Ausfahrt des neuen Ausbildungswindjammers. Der Wind kommt mit Süd drei und wird auf West drehen – eigentlich optimal für die erste Segelprobe schon vor der Haustür. Kapitän Reinhold Walker eröffnet schon einmal das Schiffstagebuch und verfolgt, wie ein Feuerschiff nach dem anderen passiert wird.

Dann lässt er alle 25 Segel setzen. Zwei Wachoffiziere und vier Unteroffiziere sowie vierzig Mann ausgeliehene Besatzung der „Großherzogin Elisabeth“ scheuchen die neuen Zöglinge zum ersten Mal über Deck. Bis Helgoland dürfte sich schon so manche Schwiele neu an den jungen Händen befunden haben.

Vom ersten Tag an erfüllt das „Schulschiff Deutschland“ seinen Auftrag als Ausbildungsschiff. Die Fächer der Seefahrtstheorie im Klassenraum und den Werkstätten heißen damals: Knoten und Stege, Seemannschaft, Schiffskunde oder Signalbuch. Der Ton an Bord wird mit „rauh, aber herzlich“ beschrieben. Strafwachen hat es noch gegeben, aber keinen Arrest wie in anderen Handelsmarinen. Die jungen Charaktere sollten mit Respekt behandelt, aber auch für einen klaren Auftrag geformt werden: Wirklich alles hatte sich dem Schiffsbetrieb und der dafür notwendigen Routine unterzuordnen. Wer an Bord kam, zahlte für die erste Karrieresprosse auf der Leiter in der Schiffshierarchie Schulgeld, bekam dafür eine Grundausstattung bis hin zum Südwester und Seestiefeln und eine Hängematte in einer Reihe mit vierzig anderen jungen Männern in einer Kammer.

Kapitän Walker nimmt sich drei Wochen Zeit, um sein neues Schiff bis ins Detail zu testen und seine erste Gruppe Zöglinge zu trainieren. Seine Logbucheinträge sind knapp, nüchtern und emotionslos. Was die Eintragungen verraten, ist, dass das „Schulschiff Deutschland“ bei drei bis vier Windstärken erst wirklich losfährt. Walker tastet sich auf einem Raumschotkurs mit dem Wind von achtern noch an die Möglichkeiten des neuen Segelschiffs heran.

Er segelt erstmals zehn Knoten. „Toppsarbeiten in grober See“ heißt der nüchterne Kommentar danach lakonisch: Es dürfte bei der Rauschefahrt oben einiges noch nicht zufriedenstellend klariert gewesen und sogar kaputt gegangen sein. Während es kreuz und quer durch die Deutsche Bucht geht, optimiert die Crew alles. Am 16. August 1927 notiert Walker bei Nordnordostwind der Stärke sechs am Wind acht Knoten. Am 2. September ankert das Schiff kurz vor Bremerhaven, um dann seinen festen Liegeplatz in Elsfleth, dem Sitz des Deutschen Schulschiffvereins anzusteuern.

Es folgt die Ausrüstung für die erste von zwölf Atlantik-Reisen. 70 neue Zöglinge komplettieren die Mannschaft, die ausgeliehenen Kräfte wechseln auf die „Großherzogin Elisabeth“ zurück. Reinhold Walker geht nicht zurück auf sein altes Kommando. Er wird das „Schulschiff Deutschland“ bis 1933 führen. Aber für diese erste Reise ist es spät im Jahr geworden und tatsächlich müssen Schiff und Besatzung im Ärmelkanal ihre herbstliche Sturmprobe schlechthin bestehen: Sie müssen sich unter Segeln durchkämpfen durch Windstärke elf. See und fliegende Gischt bauen sich masthoch um das Schiff auf, um dann krachend über die Laufgänge zu brechen. Alle Wege sind mit Strecktauen zum Festhalten gesichert. Trotzdem: Wer ins Rigg klettern muss, hat nur seine Hände und Füße zum Festhalten.

Daraus wird erst nach dem Überleben eine gute Geschichte für gemütliche Abende. Da konnten die ehemaligen Zöglinge dann aber auch erzählen, was danach kam: Die frühlingshafte spanische See und dann die Insel Madeira in voller Blütenpracht. Wem bis dahin das letzte Vertrauen in Kapitän Walker gefehlt hatte, erlebte nun, wie der in Sicht der Insel viele Stunden wilde Zickzack-Manöver anordnete: Der Anker fällt tags drauf ganz nah an der Hafeneinfahrt, genau im Kreuz der Peilung, die der Kapitän zwei Tage zuvor auf die Karte gezeichnet hatte. Ein Schlepper wurde nicht benötigt.

Die jungen Seemänner werden auf der Insel wie Ehrengäste behandelt, bevor sie weiter auf den Wellen über den Atlantik reiten - nach Rio, Kapstadt und wieder zurück in die Weser.

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