Lärmbelastung wird von Gleisanwohnern unterschiedlich empfunden / GDF Suez verteidigt Umstellung Die ersten Kohlenzüge rollen nach Farge

Seit gestern rollen sie, die Kohlenzüge von und nach Farge. Der Energiekonzern GDF Suez hat die Belieferung seines Kraftwerks mit Steinkohle vom Wasser- auf den Schienenweg umgestellt. Im Vorfeld war viel über die zusätzliche Lärmbelastung spekuliert worden, die auf die Anwohner des Gleises zukommen würde. Jetzt wissen die betroffenen Bürger, woran sie sind. VON JÜRGEN THEINER
03.04.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die ersten Kohlenzüge rollen nach Farge
Von Jürgen Theiner

Seit gestern rollen sie, die Kohlenzüge von und nach Farge. Der Energiekonzern GDF Suez hat die Belieferung seines Kraftwerks mit Steinkohle vom Wasser- auf den Schienenweg umgestellt. Im Vorfeld war viel über die zusätzliche Lärmbelastung spekuliert worden, die auf die Anwohner des Gleises zukommen würde. Jetzt wissen die betroffenen Bürger, woran sie sind. VON JÜRGEN THEINER

Blumenthal. Es ist mehr los auf dem Schienenstrang zwischen Burg und Farge. So viel wie noch nie. Zusätzlich zu den 82 täglichen Zügen der Nordwestbahn sind nun die Kohlentransporte zum Kraftwerk unterwegs, vier an der Zahl, hin und zurück. Gemessen an der Zahl der Passagierverbindungen, hört sich das gering an, doch qualitativ sind die schweren, 280 Meter langen Frachtzüge ein anderes Kaliber.

Wie wurde die gestrige Premiere bei den Anwohnern des Schienenstranges aufgenommen? Bei Stichproben war die komplette Bandbreite der Reaktionen zu hören – von "Stört mich nicht besonders" bis "unerträglich". Zu den Anwohnern, die gleich die erste Fuhre am frühen Morgen intensiv wahrnahmen, gehört das Ehepaar Albrecht, das an der Straße "Am Becketal" direkt an der Landesgrenze wohnt. "Es war schon sehr laut, wir haben aufrecht im Bett gesessen", schilderte Angelika Albrecht den Weckruf durch GDF Suez. Bisher sei es möglich gewesen, nachts bei gekipptem Fenster zu schlafen. Künftig wohl nicht mehr. Das "laute Grollen" des Kohlenzugs stelle jedenfalls eine ganz andere Lärmbelästigung dar als die Personenzüge der Nordwestbahn. Seit die NWB von Diesel- auf Elektroantrieb umgestellt habe, könne man nicht mehr von einer Beeinträchtigung der Lebensqualität sprechen.

Und noch einen Unterschied empfand Angelika Albrecht ganz deutlich: Bevor die Nordwestbahn das alte Gleis der Farge-Vegesacker Eisenbahn wieder in Betrieb nahm, sei das Unternehmen auf die Anwohner zugegangen und habe das Projekt in allen Einzelheiten kommuniziert. "Bei GDF Suez heißt es nur: Das ist jetzt so und Ende."

Verdruss auch an der Küferstraße in Blumenthal. Gegen 8 Uhr nahm Hartmut Borchers erstmals einen der Kohlenzüge wahr, in diesem Fall einen bereits entladenen, der sich auf der Rückfahrt nach Wilhelmshaven befand. "Wenn die Waggons leer sind, scheppert das schon ganz ordentlich", so Borchers. Er kritisiert, dass die Behörden dem Kraftwerksbetreiber die Umstellung von Wasser- auf Bahntransport einfach so durchgehen ließen. Das sei auch aus Sicherheitsgründen unverständlich, denn: "Wenn hier am Bahnübergang Mühlenstraße mal was passiert, dann kommt so ein Zug erst bei Ständer zum Stehen."

Doch längst nicht alle Gleisanwohner sind so schlecht auf GDF Suez zu sprechen wie Hartmut Borchers. Einen Steinwurf entfernt, an der Cord-Steding-Straße, winkte Gerda Reyers ab. Sie habe das Rumpeln des Kohlenzuges zwar wahrgenommen, sagt die Blumenthalerin, "aber nicht als störend empfunden". Und in Lesum zeigte sich eine junge Frau, die nicht namentlich in Erscheindung treten möchte, geradezu erleichtert. "Ich wohne ja nur 20 Meter vom Gleis entfernt, und ich hatte die größten Befürchtungen, als die Kohlenzüge angekündigt wurden", so die Lesumerin. "Aber so schlimm finde ich das gar nicht."

Keine Fahrten in den Abendstunden

Bei einem Besuch des FDP-Bundestagsabgeordneten Torsten Staffeldt im Kraftwerk verteidigte Karl-Peter Thelen, Mitglied der Geschäftsleitung von GDF Deutschland, die Umstellung der Werkslogistik. GDF Suez sei zwar insgesamt ein profitables Unternehmen, "aber bei uns muss jedes Projekt für sich wirtschaftlich sein", so Thelen. Aktuell schließe die Energiebranche europaweit konventionelle Kraftwerke, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Anwachsens erneuerbarer Energiequellen. Da sei es gerechtfertigt, auch in Farge jede einzelne Kostenposition auf den Prüfstand zu stellen. Thelen und Kraftwerksleiter Jürgen Volkens versicherten, dass es beim angekündigten Umfang der Schienentransporte bleiben werde. Neu war die Information, dass es in den Abendstunden keine Fahrten geben soll. Der letzte Zug werde zwischen 17 und 18 Uhr Bremen-Nord durchqueren, so Volkens. Die erste Lieferung Richtung Farge ist gegen 6 Uhr unterwegs.

Torsten Staffeldt äußerte Verständnis für die "Optimierungsbemühungen" des Kraftwerksbetreibers. Die zusätzliche Belastung für die Wohnbevölkerung stufte er als "relativ gering" ein. Staffeldt: "Für mich stellt es sich nicht so dar, dass wir versuchen sollten, die Kohlenzüge zu verhindern." Er gehe davon aus, dass der zwischenzeitlich von GDF eingeleitete "Kommunikationsprozess" zu mehr Verständnis bei den Anwohnern des Gleises führen wird. Allerdings sei der Gesetzgeber unabhängig vom vorliegenden Fall gefordert, den Lärmschutz entlang von Bahngleisen zu verbessern. "Dabei müssen wir an die Quelle gehen", so Staffeldt, also an die Emissionen des rollenden Materials und insbesondere der Bremssysteme. Der passive Lärmschutz durch meterhohe Wände entlang der Gleise sei für ihn zweite Wahl, stellte der Liberale klar.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+