Lockerungen der Corona-Regeln

Bunte Blumen für Bremer gegen den grauen Alltag

Seit diesem Montag dürfen Blumengeschäfte in Bremen wieder öffnen. Das sorgt für ein bisschen mehr Normalität. Das merkt man auch im Großmarkt, wo sich die Händler mit Blumen eindecken. Ein Marktbesuch.
21.04.2020, 06:20
Lesedauer: 4 Min
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Bunte Blumen für Bremer gegen den grauen Alltag
Von Marc Hagedorn
Bunte Blumen für Bremer gegen den grauen Alltag

Einbrüche bei Veilchen und Stiefmütterchen, besser sieht es beim Gemüse aus: Pascal Coldewey beziffert seinen Einnahmeausfall trotzdem auf 40.000 Euro.

Frank Thomas Koch

Erstmal eine rauchen jetzt. Zwar schließt Gerda Rickers schon in einer Dreiviertelstunde ihr Blumengeschäft in Grolland auf, aber das wird sie pünktlich schaffen. Den Weg vom Großmarkt in der Überseestadt nach Grolland kennt sie aus dem Eff-eff, und die Zeit für eine Zigarette muss sein. Die 66-Jährige unterhält sich mit ihrer Tochter. Gemeinsam haben die beiden Frauen gerade den Einkauf des Tages erledigt, Tulpen, Rosen, Lilien und ein paar andere Schnittblumen für den Laden. Sie sind froh, wieder hier im Großmarkt zu sein. Es kehrt für sie damit in Zeiten von Corona ein kleines Stück Alltag zurück. Seit diesem Montag darf Gerda Rickers ihren Blumenladen wieder öffnen.

Markus Günsch freut sich, Leute wie Gerda Rickers jetzt wieder regelmäßig zu sehen. Günsch arbeitet seit 36 Jahren im Großmarkt, er hat hier die Aufsicht. Viele der Händler, die hier Waren kaufen und verkaufen kennt er, seitdem sie Kinder waren. „Wenn jetzt die Blumenläden in Bremen wieder offen sind, ist das ein positives Signal in einer schweren Zeit“, sagt der 56-Jährige. Ein türkischer Händler hastet den langen Gang entlang. „Günaydin“, sagt Günsch auf türkisch, „guten Morgen“. Und dann entdeckt er Sandra Heinken, „unsere Rosen-Sandra“, sagt er.

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Sandra Heinken ist die Inhaberin von Rosen Flügger aus Delmenhorst. Seit vier Uhr ist sie heute Morgen im Großmarkt. Bunt sieht es um sie herum aus. Rosen, immer 20 in einem Bund, sind in Papier eingeschlagen. Rot, gelb, orange sind die Farben, Arabia oder Piccadilly heißen die Sorten, insgesamt 42 verschiedene züchten sie und ihr Mann auf dem Rosenhof Flügger.

Die Geschäftsfrau hat gemerkt, dass viele Blumenläden in den vergangenen Wochen geschlossen hatten. Es gab wenig Nachfrage. Hotels, Restaurants und Gaststätten geschlossen, kaum Hochzeiten, keine Konfirmation. „Jetzt läuft es langsam wieder an“, sagt sie. Dem Betrieb ist es gelungen, bis hierhin die Produktion zu bremsen. Weil Heinkens die Tag- und Nachttemperatur in ihren Gewächshäusern steuern können, sind die Rosen langsamer gewachsen.

Bei Pascal Coldewey sieht die Lage anders aus. Er hat seinen Stand im Großmarkt nur ein paar Meter entfernt von Sandra Heinken. Bei ihm sind Stiefmütterchen und Hornveilchen wie immer gewachsen. Die Einschränkungen wegen Corona haben dem Gartenbauer aus Delmenhorst weh getan. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen von Januar bis Mitte April 170.000 Hornveilchen ab, in diesem Jahr waren es nur 100.000. Und statt wie sonst 130.000 Stiefmütterchen konnten sie diesmal nur 70.000 Stück verkaufen. Das ist hart, auf rund 40.000 Euro beziffert Coldewey den Einnahmeausfall.

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Zum Glück produziert das Unternehmen seit vielen Jahren aber auch Gemüsepflanzen. Mehrere Rollwagen voll mit Jungpflanzen hat Pascal Coldewey heute Morgen bewegt. Tomaten, Gurken, Paprika, Pepperoni, Zucchini, Chili und Artischocken. „Es wird viel Gemüse geben in deutschen Haushalten in diesem Sommer“, schätzt Coldewey. Weil die Menschen in diesen und den nächsten Wochen gar nicht oder nur eingeschränkt in den Urlaub fahren können, nehmen sie sich offenbar Zeit für ihre Gärten. Baumärkte und Gartencenter sind beliebte Ziele in diesen Tagen.

Das hat auch Dirk Schröder gemerkt, und es hat ihm nur bedingt gefallen. Der Blumengroßhändler aus Emtinghausen versteht nicht, warum Blumenläden in Bremen erst seit diesem Montag wieder öffnen durften, während dies Geschäften in Niedersachsen bereits seit Anfang April wieder erlaubt ist. „Unfair“ findet er das. Ihn hat Corona anfangs 30 Prozent, ab Mitte März dann 50 Prozent des Umsatzes gekostet. „Und März, April, Mai sind normalerweise unsere wichtigsten Monate“, sagt Schröder, „das holt man nicht mehr rein.“

Wie viele Kollegen hier im Großmarkt Bremen hat auch Schröder Kurzarbeit angemeldet und ist um Entlassungen bisher herumgekommen. „Aber es ist hart für die Branche“, sagt Marktaufseher Günsch, „das merkt man bei jedem Gespräch.“ Der Imbiss in der Halle, sonst beliebter Treff für die Händler, darf nur noch außer Haus verkaufen. Ein paar Stühle stehen mit gehörigem Sicherheitsabstand auseinander, um die Möglichkeit zu geben, wenigstens für eine kurze Pause hier verweilen zu können. Immerhin sind alle Händler inzwischen wieder da, nachdem Mitte und Ende März mehrere zu Hause geblieben waren, weil ihnen schlicht die Abnehmer fehlten.

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Auch Vosteen, Slogan „Florales Ambiente mit Stil“, hatte zwischendurch zu. Das Unternehmen handelt mit Floristikbedarf und Dekorationsartikeln. Axel Sander sortiert gerade Gartenschmuck. Rostige Schmetterlinge und Lotusblüten an Stäben, die man in den Boden stecken kann, „die könnten diese Saison gut ankommen bei den Leuten“, sagt Sander. Er hofft, dass der Umsatz in den nächsten Wochen wieder anzieht.

Gerda Rickers und ihre Tochter Irina Petrow-Schröder haben die verordnete Zwangspause in Grolland genutzt, um ihren Laden an der Norderländer Straße ein wenig zu renovieren und zu streichen. Drei Wochen hatten sie zu. Das hat Geld und Nerven gekostet, auch weil sie einigen Stress mit dem Ordnungsamt hatten. Da Blumen Rickers auch Obst und Gemüse im Angebot hat, hätte man gern die ganze Zeit offen gehabt. Das aber erlaubte das Ordnungsamt nicht. „Unser Angebot sei zu klein gewesen, hieß es“, sagt Irina Petrow-Schröder. Das hat sie mächtig geärgert. Immerhin, jetzt hat der Laden wieder auf. „Wir haben viele ältere Kunden“, sagt Gerda Rickers, „die freuen sich sehr.“ Dann drückt sie die Zigarette aus. Zeit, zum Laden zu fahren.

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