Bremer MMA-Kämpfer Henning Bode "Die ersten zwei Male geht man zum Arzt, danach zieht man sie selber wieder gerade"

MMA galt lange als Sport ohne Regeln, der nur ein zwielichtiges Klientel anzieht. Im Interview erklärt Trainer Jan Henning Bode, dass es auch anders geht - ganz ohne Kompromisse.
05.01.2020, 06:45
Lesedauer: 6 Min
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Von Simon Wilke

Herr Bode, Sie machen Kampfsport, seit Sie acht Jahre alt waren. Was sagen eigentlich Ihre Eltern dazu?

Henning Bode: Das kam gar nicht gut an. Ich komme aus einer gutbürgerlichen, aber nicht besonders sportlichen Familie. Die fanden Fußball schon nicht so toll, aber Kampfsport? Bis heute guckt meine Mutter keine Kämpfe von mir.

Weil sie Angst hat?

Nein. Sie versteht nur nicht, warum gebildete, nette Menschen sich so etwas antun.

Was tun Sie sich denn an?

Ich kämpfe und lehre MMA, die Königsdisziplin im Vollkontaktsport. Eine Mischung aus Boxen, Thaiboxen, Kickboxen, Aufgabe-Ringen, Judo und Brazilian Jiu-Jitsu. Es ist wie ein Cocktail oder gutes Essen: Wir machen das Beste aus verschiedenen Zutaten.

Was reizt Sie daran, andere Menschen zu schlagen und zu treten?

Vollkontaktkampfsport ist etwas Besonderes – die Härte, aber auch die physischen Auswirkungen. Aber darin liegt seine Attraktivität. Ein amerikanischer Kämpfer, Eric Paulson, hat mal mal zu mir gesagt: „They play Football, they play Baseball, they play Basketball. But nobody plays fighting.“ Ich kann verstehen, wenn man es nicht gucken will und Fragen nach Moral und Gewalt stellt. Aber diese Fragen kann man beantworten; da ist weder MMA noch Boxen oder Ringen etwas Besonderes. Wir sind ein Sport. Es gibt Regeln, die ausschließen sollen, dass sich jemand verletzt.

Ein Vorurteil lautet: Beim MMA darf man alles. Aber Regeln gibt es trotzdem?

MMA hat ein 38-seitiges Regelwerk. Zum Vergleich: Profiboxen hat nur vier Seiten. Außerdem gibt es im MMA kein Anzählen. Wenn die Lichter ausgehen, ist der Kampf vorbei. Auch, wenn es nur für drei Sekunden ist. Das erspart Kopfschmerzen. Und man muss immer aktiv sein. Wenn man sich nicht mehr verteidigen kann oder will, beendet der Schiedsrichter den Kampf.

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Haben Sie schon einmal einen Gegner verletzt?

Ja.

Hatten Sie Schuldgefühle?

Nein. Aber ich gehöre zu denen, die mit einem bangen Blick darauf gucken, was sie getan haben und hoffen, dass der Gegner gleich wieder aufsteht. Ich habe keine Gewissensbisse, aber ich möchte niemanden dauerhaft oder schwer verletzen.

Was war denn Ihre schlimmste Sportverletzung?

Ich habe mir meine rechte Schädelhälfte gebrochen – beim BMX-Fahren am Schlachthof. Aber klar, beim Kämpfen habe mir auch mal die Nase oder Zehen gebrochen. Die ersten zwei Male geht man zum Arzt, danach zieht man sie selber wieder gerade. Etwas Tape und Schuhe mit fester Sohle – mehr machen die Ärzte auch nicht.

Ziehen, tapen, weitermachen – das soll’s gewesen sein?

Ernste Verletzungen passieren sehr selten. Die entstehen meist in Wettkämpfen, bei denen schwere Kämpfer versuchen, in niedrigere Gewichtsklassen zu kommen. Die hungern und trinken kaum noch. Danach vier Stunden Sauna und zum Wiegen. Manche nehmen sogar Entwässerungstabletten. Wenn dann am nächsten Tag gekämpft wird, sind Organe und Hirn besonders verletzungsanfällig. So was ist natürlich nicht legal, und man muss kein Arzt sein, um zu wissen, dass das nicht gesund ist. Deshalb kämpfen wir nur auf Veranstaltungen, auf denen am selben Tag gewogen wird. Da übernehmen wir als Kampfsportschule auch Verantwortung.

Hat das schon zu Konflikten mit ihren Kämpfern geführt?

Ja. Ich habe schon sehr gute Kämpfer genau deswegen verloren. Das ist schmerzhaft, aber das muss ich ganz buddhistisch erleiden.

Buddhistisch? Sind Sie eher der Denkertyp?

Nein, obwohl ich Geschichte und Philosophie studiert habe. Allerdings habe ich abgebrochen, als ich merkte, dass es alles keinen Sinn mehr machte.

Klingt nach einem typischen Philosophenproblem.

Vielleicht. Aber ich hatte das ganz große Bedürfnis etwas Praktisches zu machen. Ich bin dann Zimmerer geworden und habe eine Zimmerei mitgegründet. Ich lese noch immer gerne philosophische Bücher und verfolge aktuelle Diskussionen.

Sie sind also ein kämpfender Philosoph. Lässt sich das überhaupt vereinbaren?

Die Wurzeln von MMA liegen in der Pankration, einer Mischung aus Ringen, Boxen und Treten im alten Griechenland. Da waren auch viele Philosophen Champions drin. Schaut man auf die Wurzeln von Kampfkünsten, ging es immer auch darum, eine soziale Bindung zu vermitteln. Man sagte: Okay, wir geben dir etwas in die Hand, was andere Menschen schwer verletzten oder töten kann. Deshalb sorgen wir dafür, das es etwas gibt, das dich in der Gesellschaft hält, damit du nicht unsozial wirst. Das ist etwas, was ich sehr schätze.

Aber Kampfsport reizt ja auch eine bestimmte Klientel.

Natürlich werden Leute aus gewissen Milieus angesprochen, anders als beim Minigolf oder Tischtennis. Das kann ja auch ein guter Zugang zu gewissen Gruppen sein, aber es bedeutet nicht, dass automatisch etwas Gutes entsteht. Ich halte nichts von Konzepten, die predigen, dass eine Gruppe jugendliche Straftäter morgens um sechs aufstehen sollten, kalt duschen, boxen und dann werden aus ihnen ein bessere Menschen. Das ist meiner Meinung nach absolut falsch.

Wie ist dann Ihr Ansatz?

Wir haben einen Solitarif im Klub, bei dem Mitglieder freiwillig mehr bezahlen, um dadurch zum Beispiel Alleinerziehenden oder jungen Geflüchteten zu ermöglichen, mit uns gemeinsam zu trainieren. Manchen konnten wir auch Praktika oder Lehrstellen vermitteln. Wir sind 350 Leute und jeder kennt jemanden. Das sind Netzwerke, die funktionieren. So etwas entsteht nicht, wenn nur isoliert trainiert wird.

Das ist ja auch ein politisches Statement. Muss man das teilen, wenn man bei Ihnen trainieren möchte?

Ja, sonst müssen wir uns trennen.

Warum das?

Wir würgen uns und schlagen oder treten uns gegen den Kopf – dazu braucht es Vertrauen. Wenn das Ziel meines Trainingspartners eines ist, das wir im Studio nicht teilen, merkt man das ganz schnell. Viele kommen, weil sie meinen, Deutschland sei so unsicher geworden und man müsse sich wehren. Aber wir bilden hier nicht den Punisher aus (Comicfigur, die Selbstjustiz ausübt; Anm. d. Red.). Leute, die Gewaltfantasien ausleben wollen, müssen aus unserem Sport ferngehalten werden. Und das ist auch nicht schlimm.

Sie haben schon mit acht Jahren gerungen. Ist das auch ein gutes Alter, um mit MMA zu beginnen?

Wir lassen niemanden zu MMA-Wettkämpfen, der unter 18 ist. Das ist bei uns eine goldene Regel. Wir leben in einer Zeit, in der es sehr viel mehr um Aussehen geht, als zu meiner Jugendzeit. Wer mir ins Gesicht guckt, sieht eine krumme Nase, kaputte Ohren, Narben über den Augen – das ist nicht das Schönheitsideal unserer Welt. Jeder muss die Entscheidung für sich selber treffen und auch mit 35 noch mit ihren Folgen leben können.

Verletzen kann man sich ja auch beim Fußball.

Aber wir machen einen Sport, bei dem Leute sterben. Das ist so, auch wenn es sehr selten vorkommt. Seltener als beim Motorcross oder Reiten. Aber wir beenden Kämpfe im Zweifelsfall dadurch, dass wir dafür sorgen, dass der Gegner einen Arzt braucht.

Oder die Gegnerin. Wie steht es um Frauen beim Kampfsport?

Die Frauenquote im Vollkontaktsport ist leider gering. Und im Umgang mit Frauen ist der Sport richtig mies. Amateurboxen wurde Frauen erst in den 2000er-Jahren erlaubt. Das ist doch Wahnsinn! Egal, ob Männer oder Frauen: Wenn ich einen guten Kampf sehe, mit Technik, Athletik und Herz, dann bin ich zufrieden.

Wie lange dauert denn so ein Kampf?

In Deutschland zweimal fünf Minuten, Titelkämpfe dreimal fünf. Mit jeweils etwa einer Minute Pause dazwischen.

15 Minuten, fast ohne Pause. Wie hält man das aus?

Das ist das Problem. Deshalb sage ich auch immer Königsklasse. Es gibt im MMA bullige Ringer und hagere Amateurboxer mit großer Reichweite. Man muss auf alles vorbereitet sein. Mal kämpft man am Boden, mal im Stehen. Diese Wechsel sind unglaublich anstrengend. Es ist ja so: Dein Puls ist fast bei 200 und dein Herz hat sowieso schon Probleme, aber jemand kniet auf deinem Brustkorb und du kriegst kaum Luft. Dazu raubt es unglaublich viel Kraft, wenn jemand auf deinen Körper schlägt oder tritt.

Wie erlebt man solche Momente?

Manchmal ist es schnell vorbei und manchmal ist es unglaublich zäh und man hofft, dass man das nie wieder erleben muss. Aber ich will immer gewinnen, denn in unserem Sport ist Verlieren unangenehm.

Und wie erholen Sie sich im Anschluss?

Ich mag ein gutes Leben! Ich höre gerne Musik, koche und lese sehr viel.

Was ist denn Ihr Lieblingsbuch?

Mir gefällt, wenn sich Genres mischen und dadurch Neues entsteht. Aus einem philosophischen Krimi stammt einer meiner Lieblingssätze: „Ich schieße immer auf den Kopf, denn dort haben ihre und meine Probleme angefangen.“ Und das gilt ja irgendwie auch für meinen Sport.

Das Gespräch führte Simon Wilke.

Info

Zur Person

Henning Bode (46)

ist seit mehr als 30 Jahren Kampfsportler und leitet die „Grapple&Strike“-Kampfsportschule in Bremen. Als Kämpfer nahm er unter anderem erfolgreich an mehreren Europameisterschaften
verschiedener Verbände teil. Für die Live-Übertragungen der Kampfsport-
Reihe „We Love MMA“ war er zudem
als Kommentator tätig.

Info

Zur Sache

Mixed Martial Arts

Im Jahr 2009 hatte die die Bayerische Landeszentrale für neue Medien ein Übertragungsverbot von Mixed-Martial-Arts (MMA)-Kämpfen im deutschen Fernsehen erwirkt. Es sah ein hohes Gewaltpotential und eine „zu Gewalttätigkeiten anreizende Wirkung“, insbesondere für männliche Jugendliche. Dagegen wehrte sich der weltweit größte Veranstalter von MMA-Kämpfen, die Ultimate Fighting Championship, erfolgreich vor Gericht.

Auch Erhebungen von Versicherungskonzernen belegen kein außergewöhnlich hohes Verletzungsrisiko bei der Ausübung von Kampfsportarten. In einem Ranking der Schweizerischen Unfallversichungsanstalt von 2018 werden sie nicht unter den zehn gefährlichsten Sportarten gelistet.

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