Interview mit Migrationsforscher „Die Euphorie der Anfangszeit ist verflogen“

Über seine Arbeit und wie die Integration in Bremen gelingen kann spricht der Migrationsforscher Stefan Luft im Interview mit dem WESER-KURIER.
29.03.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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„Die Euphorie der Anfangszeit ist verflogen“
Von Carolin Henkenberens

Über seine Arbeit und wie die Integration in Bremen gelingen kann spricht der Migrationsforscher Stefan Luft im Interview mit dem WESER-KURIER.

Herr Luft, es sind gerade spannende Zeiten für Sie, oder?

Klar, sehr viele Menschen werden das so wahrnehmen. Wie wirken sich die Grenzschließungen auf der Balkanroute auf die Migrationsströme aus? Inwieweit hält das Abkommen mit der Türkei das, was die Verantwortlichen sich davon versprechen? Das erleben wir jetzt in Echtzeit.

Die Faktenlage ändert sich täglich, macht das Ihre Arbeit als Forscher schwieriger?

Ich beschäftige mich ja schon über 20 Jahre mit Migrationsprozessen und habe im Herbst ein Buch über die aktuelle Flüchtlingskrise geschrieben. Diese Aufgabe wird nicht einfacher, wenn sich die Verhältnisse so schnell entwickeln. Es ist eine Herausforderung, die immer neuen Informationen zu verarbeiten. Aber letztlich geht es darum, komplexe Zusammenhänge so darzustellen, dass auch interessierte Laien sie verstehen. Ich hoffe, das ist mir in dem Buch gelungen.

Werden Sie nun sehr oft angefragt?

Ich stehe nicht im Fokus der Medien. Das möchte ich auch gar nicht. Aber es gibt immer wieder Politiker, die sich über einzelne Themen unterhalten wollen. Ein Bremer Wissenschaftler ist da natürlich nicht zu vergleichen mit den großen Think Tanks auf europäischer Ebene. Aber ich bin viel unterwegs, von der Awo in Huchting bis zur Leipziger Buchmesse.

Im Beck-Verlag haben Sie nun ein Buch herausgegeben, das die Ursachen und Folgen der Flüchtlingskrise beschreibt. Mehrere Kritiker loben es für seine Sachlichkeit. Fällt es Ihnen schwer, sachlich zu bleiben bei diesem Thema?

Auf diesem Gebiet sind sehr viele Überzeugungstäter unterwegs. Ich versuche, die verschiedenen Perspektiven und Interessen darzustellen. Natürlich kann man nicht über die Flüchtlingskrise schreiben, ohne als erstes die Krise der Flüchtlinge selbst und die Krise in den Herkunftsländern zu betrachten. Aber man muss auch die Krise in den Zielländern in den Blick nehmen. Ich finde, das lässt sich beschreiben, ohne dass man Ideologie beimischt.

Wieso forschen Sie zu Migration und Integration, wie kam das?

Biografisch hat es den Hintergrund, dass ich von 1995 bis 1999 Sprecher des Senators für Inneres war. Weil in Bremen Landes- und Kommunalebene ineinander fallen, erhält man einen guten Einblick in die Verwaltungspraxis, zum Beispiel einer Ausländerbehörde. Die Auseinandersetzungen zu analysieren, die es dort gibt, das finde ich sehr interessant.

Womit waren Sie in der Zeit befasst?

Vor allem mit dem Vollzug des Ausländerrechts. Damals waren ja viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien hier, die einen zeitlich begrenzten Aufenthalt erhalten hatten. Es stellte sich die Frage, welches Maß an Zwang man ausüben sollte, um die Menschen zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen. Der zweite Konflikt, den ich erlebt habe, war der Umgang mit Personen, die ihre Identität verschleierten, um eine Abschiebung zu verhindern.

Wie wurde der Konflikt damals gelöst?

Es wurde ein großer personeller Aufwand betrieben, um die Rückkehr der Bosnier zu erreichen. Wenn heute Hürden gesenkt werden, um Personen aus Ländern wie Marokko oder Albanien zurückschicken zu können, steht fest: Es gibt viel zu wenig Personal zur Umsetzung. Nicht nur im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, sondern auch in den Ausländerbehörden, für die Länder und Kommunen die Verantwortung tragen.

Zu welchem Zeitpunkt hätte man das Ausmaß des Flüchtlingszustroms absehen können?

Man hätte spätestens 2014 die deutlichen Hinweise des Hochkommissars für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) wahrnehmen können, dass sich die Situation in den Lagern in Jordanien und Libanon drastisch verschlechtert. Im Prinzip gab es aber auch schon vorher Anzeichen, zum Beispiel die vielen Flüchtlinge, die bei der Überfahrt über das Mittelmeer zu Tode kamen.

Was hätte getan werden müssen?

Deutschland hätte einige Milliarden in die Hand nehmen können für eine Art Marshall-Plan zur Unterstützung der Menschen in diesen Ländern. Und man hätte früher das Signal senden müssen, dass die unbegrenzte Aufnahmebereitschaft nicht mehr länger währt. Gegen die Willkommenskultur ist überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil. Dennoch hat die Aussage der Bundeskanzlerin, das Grundrecht auf politisches Asyl kenne keine zahlenmäßige Begrenzung, ohne Zweifel Menschen zusätzlich motiviert, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen.

Carsten Sieling hat 2015 zum Jahr der Integration ausgelobt. Wie kann eine Integration im Haushaltsnotlageland Bremen funktionieren?

Zunächst einmal ist da eine Perspektive von Jahrzehnten, nicht von Jahren anzusetzen. Wohnen, Bildung, Ausbildung – überall wird erheblich investiert werden müssen. Eine Konsequenz wird sein, dass die Schuldenbremse nicht einzuhalten sein wird – auch die „schwarze Null“ auf Bundesebene nicht. Das muss man sich eingestehen. Auch wenn das Geld da sein sollte, kann man sich das zusätzliche Personal nicht backen. Lehrer müssen erst ausgebildet werden. Es wird also schwierig.

Droht eine Unterbringungsnot?

Es bedarf erheblicher Wohnungsbauprogramme. Sozialer Wohnungsbau, für dessen Förderung die Länder zuständig sind, gehört ebenso dazu wie frei finanzierter Wohnungsbau. Bis neue Wohnungen in nennenswertem Umfang entstanden sind, bedarf es eines Vorlaufs von drei bis fünf Jahren. Wie diese Phase zu überbrücken ist, ohne Obdachlosigkeit in größerem Umfang in Kauf nehmen zu müssen, scheint momentan noch offen. Es kommt darauf an, was man sich einfallen lässt. Mit Schnellbauweise ist einiges schneller realisierbar. Schätzungen gehen von 770 000 Wohnungen aus, die bundesweit fehlen.

Das klingt sehr pessimistisch...

Die Euphorie der Anfangszeit ist verflogen. Auch die Idee, dass da nur syrische Ärzte und Fachkräfte kommen, hat sich ja als falsch herausgestellt.

Könnte Euphorie nicht auch die Integration fördern?

Die Euphorie wäre dann förderlich, wenn sie nachhaltig wirkt. Wenn diejenigen, die mit Willkommenstransparenten und Kuscheltieren an den Bahnhöfen standen, in ein paar Jahren ihre Kinder auf die Schulen schicken, auf denen auch die Flüchtlingskinder sind, dann wäre das ein großer Fortschritt. Bisher meiden die meisten bürgerlichen Eltern die Schulen, an denen der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund besonders hoch ist.

Haben es Muslime schwieriger bei der Integration?

Grundsätzlich spielt die soziale Herkunft eine viel größere Rolle als die Religion. Das zeigen die Beispiele der türkischen und iranischen Einwanderer. Beide Gruppen stammen aus islamischen Ländern. Die sozial schwächeren Gastarbeiter aus der Türkei und ihre Nachkommen sind sehr viel schlechter integriert als die Iraner, von denen viele einen Hochschulabschluss besaßen. Man sollte sich natürlich vergegenwärtigen, dass viele, die jetzt kommen, auch vor religiös gerechtfertigter Gewalt geflohen sind. Deshalb darf man sie nicht auf ihr Muslimsein reduzieren. Entscheidend ist, dass die Menschen hier eine Chance bekommen. Und dann werden sie sich auch mit diesem Land identifizieren.

Das Gespräch führte Carolin Henkenberens.

Stefan Luft

lehrt und forscht am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bremen zu Migration und Integration. Sein neues Buch trägt den Titel„Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte und Folgen“. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

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