UN-Sportsonderberater Willi Lemke "Die Fifa muss endlich transparenter werden"

Willi Lemke wünscht sich, dass die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wie geplant in Russland und Katar stattfinden. Das sagt der UN-Sportsonderberater im WESER KURIER-Interview.
25.06.2015, 00:43
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Marc Hagedorn Andreas Lesch

Willi Lemke wünscht sich, dass die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wie geplant in Russland und Katar stattfinden. Das sagte der UN-Sportsonderberater im WESER KURIER-Interview.

Der Fußball-Weltverband, die FIFA, wird von einem Korruptionsskandal erschüttert. Wie nehmen Sie als UN-Sonderberater für Sport diesen Skandal wahr?

Willi Lemke: Ich glaube: Dieser Skandal schadet nicht nur der FIFA, nicht nur dem Fußball, sondern dem ganzen Profisport. Was sollen denn die Menschen über diesen Sport denken, wenn sie hören, dass etwa zehn Millionen US-Dollar aus Südafrika, einem Land, das dieses Geld selbst bräuchte, in die Taschen korrupter Funktionäre im Ausland geflossen sind?

Das Geld ging aus Südafrika über die FIFA an die CONCACAF, die Konföderation von Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik – offenbar, um den Zuschlag für die Ausrichtung der WM 2010 zu sichern.

Das trifft mich bis ins Mark, wenn ich so was mitbekomme. Denn diese Millionen hätte man wunderbar für Sportprojekte in Südafrika ausgeben können. Dort gibt es doch immer noch genug Bedarf, Armut, Not und Gewalt, dort hätte das Geld etwas Gutes bewirken können.

Genau das kommuniziert die FIFA ja auch so gern: dass sie den Menschen an der Basis mit ihrem Geld und ihren Projekten hilft.

Das tut sie mit Sicherheit auch, leider halt nicht im geplanten vollen Umfang. Deswegen muss das kontrolliert werden! Im Fußball ist mittlerweile viel Geld im Spiel. Und wenn viel Geld im Spiel ist, gibt es immer Menschen, die gierig werden. Diese Gier muss gestoppt werden. Die FIFA muss endlich transparent werden.

Nun hat Joseph Blatter, der Präsident der FIFA, wegen des Skandals zwar seinen Rücktritt angekündigt, aber er ist immer noch da. Wie finden Sie das?

Merkwürdig. Er hat jetzt noch eine letzte Chance. Er muss in der FIFA total aufräumen, er muss ihr ganz neue Strukturen geben. Sofern meine Informationen aus der FIFA stimmen, sind die Verantwortlichen in der Diskussion dieses Reformprozesses.

Wenn er das wirklich wollte, warum hat er es dann nicht schon längst gemacht?

Weil er über die Jahre ganz offensichtlich völlig die Bodenhaftung verloren hat.

Und jetzt hat er sie wieder, meinen Sie?

Ich glaube, jetzt ist er durch die Faktenlage in der Realität gelandet. Weil nicht nur er, sondern die gesamte FIFA so schwer in Misskredit geraten ist.

Trotzdem bezweifeln wir, dass er ernsthaft Veränderungen will.

Doch, doch, Blatter will das! Ich kenne ihn seit 30 Jahren, und ich glaube fest daran, dass er versteht, dass das System FIFA so überhaupt nicht mehr geht. Er wird schon noch versuchen, seinen Laden jetzt bis zum nächsten Kongress in Ordnung zu bringen und den Schaden zu begrenzen. Er will noch mit halbwegs erhobenem Haupt von Bord gehen. Er will seinen Abgang nicht noch katastrophaler werden lassen. Den richtigen Zeitpunkt für einen Abschied hat er ohnehin längst verpasst.

Wohl wahr.

Jetzt ist Blatter nicht mehr der Herr des Geschehens – durch die Untersuchungen der Schweizer und der US-Justiz. Er fährt ja schon nicht mal mehr nach Kanada zur Frauenfußball-WM – womöglich aus Angst, dort festgenommen zu werden.

Kürzlich gab es das Gerücht, Blatter wolle am Ende vielleicht doch im Amt bleiben.

Ich habe das mit Verwunderung gelesen. Aber ich kann es mir nicht ernsthaft vorstellen. So unvernünftig habe ich ihn nicht erlebt. Ich glaube, dass er jetzt seine letzte Chance wahrnimmt, den Weg zu einer wirklichen Reform zu öffnen.

Blatter sagt sinngemäß, er könne ja nichts dafür, wenn Fußballfunktionäre irgendwo auf der Welt korrupt seien. Wie glaubwürdig ist diese Argumentation für Sie?

Ich finde: Wenn die FIFA so wahnsinnig viel Geld verteilt, dann muss er als Präsident auch sicher sein, dass das Geld da ankommt, wo es hingeschickt werden soll. Die FIFA muss da wirksame Kontrollen einbauen – bis hoch zum Präsidenten. Er ist doch derjenige, der das Ganze verantwortet. Wenn Blatter sagt, er könne das nicht alles überprüfen, dann sage ich: Du hättest eine Struktur schaffen müssen, mit der du es doch gekonnt hättest. Denn in der FIFA ist seit Jahrzehnten alles auf dich fixiert. Auch hier erfahre ich, dass diese Forderung bereits von der FIFA umgesetzt worden ist.

Jeder Nationalverband hat in der FIFA eine Stimme – egal, wie viele Mitglieder er vertritt. Das macht den Kauf von Stimmen leicht.

Es steht für mich völlig außer Frage, dass sich daran etwas ändern muss.

Was würden Sie vorschlagen?

Einen Kompromiss. Jeder der 209 Mitgliedsverbände sollte erst mal eine Stimme behalten. Damit auch die ganz kleinen Nationalverbände wie bisher vertreten sind.

Und dann?

Dann müsste man überlegen, wie man künftig Stimmen anders gewichtet. Meine Idee wäre: Eine Stimme für die ganz Kleinen, zwei für die mittelgroßen Verbände wie zum Beispiel Rumänien, Bulgarien oder Vietnam. Drei und vier Stimmen für große und sehr große Verbände. Und fünf Stimmen für die Riesenverbände wie Deutschland, Frankreich, Spanien, Brasilien oder Argentinien. Man müsste dabei aber aufpassen, dass die UEFA ...

... der europäische Verband ...

... nicht die Majorität kriegt. Ganz fatal wäre es, wenn die ohnehin wirtschaftlich starke UEFA in den FIFA-Gremien auch noch sportpolitisch übermächtig wäre. Dann würde der Rest der Welt sagen: Ihr führt uns doch nur vor! Ihr macht, was ihr wollt! Keiner der Kontinentalverbände dürfte die absolute Mehrheit haben. Man müsste die Stimmverhältnisse austarieren. Aber natürlich würde die UEFA dabei der stärkste Block werden. Im Augenblick hat der afrikanische Block wegen der vielen Staaten 54 Stimmen, also eine Stimme mehr als der europäische. Das kann nicht sein.

Wenn die Stimmen neu gewichtet würden, wäre das System FIFA dann weniger anfällig für Korruption?

Nein, damit würde man nicht grundsätzlich etwas ändern. Das ginge nur durch Konsequenz: Jeder korrupte Funktionär darf in der FIFA kein Amt mehr ausüben. Und es muss alles auf den Tisch: Wer hat wann welche Betrügereien mitgemacht? Auf welche Privatkonten ist es geflossen? Solange die Spitzenfunktionäre nicht das Verschwinden von Geld in private Kanäle wirklich nachdrücklich bekämpfen, solange wird der Fußball nicht sauber werden.

Bisher gibt es noch nicht mal einen offiziellen Gegenkandidaten zu Blatter. Seine Opposition wirkt schwachbrüstig, speziell die Europäer um UEFA-Präsident Michel Platini.

Das sehe ich genauso wie Sie. Ich habe bei Platini aber ohnehin Bedenken, ob er ein Mann ist, der nach außen einen Neubeginn glaubwürdig symbolisiert.

Warum?

Beispielsweise, weil ich seine Entscheidung, für die WM in Katar zu stimmen, merkwürdig fand. Zumal sein Sohn nach der Wahl offensichtlich einen guten Job bei den Kataris bekommen hat. Ich plädiere für einen totalen Neuanfang an der Spitze der FIFA.

Wie soll der neue Präsident aussehen?

Er muss total unbescholten und integer sein. Er darf noch nicht mal eine Mini-Leiche im Keller haben. Er sollte auch nicht unbedingt aus der UEFA kommen. Natürlich würde der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach für das Amt infrage kommen, weil er absolut rechtschaffen ist. Aber ich glaube, dass die vielen, vielen kleinen Verbände die Angst haben, dass die UEFA jetzt die Macht übernimmt. Deshalb fände ich es besser zu fragen: Gibt es einen vertrauenswürdigen, total gut vernetzten, integeren Mann außerhalb Europas, der eine Mehrheit auf sich bringen könnte?

Haben Sie einen Kandidaten im Kopf, der diese Kriterien erfüllt?

Ja, ich kann mir die eine oder andere Person vorstellen, möchte mich aber an dieser Stelle nicht von außen in eine Personaldiskussion der FIFA einmischen.

Müsste ein neuer FIFA-Präsident die skandalumwitterte Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 noch einmal überprüfen lassen?

Das ist der FIFA aus der Hand genommen durch die Untersuchungen der Schweizer Justiz. Natürlich muss alles aufgedeckt werden, und natürlich müssen Konsequenzen daraus gezogen werden, wenn die Justiz da etwas findet – sportpolitisch und strafrechtlich.

Aber?

Aber ein Entzug von Weltmeisterschaften wäre für mich nur das äußerste Mittel in dieser fragilen weltpolitischen Situation. Der ganze Nahe Osten brennt, die Lage in der Ukraine ist äußerst angespannt. Wir brauchen wirklich nicht noch mehr Konflikte in unserer Welt. Wenn Katar die WM 2022 entzogen bekäme, würde das im gesamten arabischen Raum eine riesige Enttäuschung bedeuten.

Und wenn Russland die WM 2018 doch nicht ausrichten dürfte ...

... das wäre für die Russen ein Schlag ins Gesicht. Man würde sie dadurch unheimlich provozieren, und alles, was Wladimir Putin gegen den Westen sagt, würde in den Augen seiner Landsleute noch viel glaubwürdiger erscheinen: Die wollen uns nicht! Die wollen uns isolieren! Das ist aus meiner Sicht nicht förderlich für ein friedliches Miteinander.

Wie fänden Sie es, wenn reformfreudige Verbände einen neuen Fußball-Weltverband gründeten?

Das wäre der falsche Weg. Gucken Sie sich mal das Profi-Boxen an. Das schaue ich mir nicht mehr an – weil ich schon längst keinen Durchblick mehr habe, ob es jetzt vier oder fünf Weltvereinigungen gibt. Wollen wir das? Wollen wir fünf verschiedene Fußball-Verbände haben? Also, ich möchte das nicht. Ich möchte einen starken internationalen Zusammenschluss haben. Denn ich glaube: es ist aller Mühen wert, einen weltweiten Verband zu haben, der den Fußball auf allen Ebenen zusammenhält und durch Transparenz zu einer jederzeit kontrollierbaren Organisation wird. Nichts anderes haben der Fußball und seine Millionen Fans weltweit verdient.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+