Trecker-Demo in Bremen und Niedersachsen

Die Frau hinter dem Bauernprotest

Am Freitag gehen die Bauern wieder auf die Straße. In Niedersachsen organisiert Henriette Struß den Protest. Was treibt die Bäuerin an, gegen die Politik in diesem Land mobil zu machen? Ein Besuch bei ihr.
15.01.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Die Frau hinter dem Bauernprotest
Von Marc Hagedorn
Die Frau hinter dem Bauernprotest

1200 Whatsapp-Nachrichten pro Tag: Henriette Struß organisiert den Bauernprotest in Niedersachsen.

Michael Matthey

Henriette Struß legt ihr Handy auf den Bürotisch und wischt mit dem Zeigefinger über den Bildschirm. Sie checkt bei Whatsapp ihre neuen Nachrichten. In jeder Gruppe sind schon wieder Mitteilungen eingegangen, mal sechs, mal vier, mal zwei. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass sie zuletzt auf ihr Smartphone geschaut hat. Einmal, sagt sie, habe sie das Gerät tagsüber nicht in die Hand genommen, abends wären es dann 1200 Nachrichten gewesen. „Und deshalb muss ich mir nachher, wenn wir unser Gespräch hier beendet haben, erst einmal eine halbe Stunde Zeit nehmen, um mich wieder auf Stand zu bringen.“

Henriette Struß, 28, ist eine der treibenden Kräfte hinter einer Initiative, die sich „Land schafft Verbindung“ nennt. Ihr Handy steht seit Wochen nicht still. Das Aktionsbündnis, ein freier Zusammenschluss von Landwirten aus der ganzen Republik, organisiert den Bauernprotest im Land, der am Freitag in die nächste Runde geht, dann erstmals auch in Bremen. Struß, die mit ihrem Mann einen Betrieb in Barsinghausen führt, hat die Demo in Hannover angemeldet. Sie wird am Freitagmorgen die Erste sein, die sich auf den Weg zum Rathaus macht. „Ich fahre um acht Uhr los“, sagt sie, „schließlich will ich auf meiner eigenen Demo nicht im Stau stecken bleiben.“

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Was ist das für eine Bewegung, über die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) zuletzt gesagt haben, dass sie aufpassen müsse, nicht zu radikal zu werden? Was treibt eine junge Bäuerin aus der Provinz an, gegen die Politik in diesem Land mobil zu machen? Henriette Struß erzählt jetzt eine Geschichte. Regelmäßig laden sie und ihr Mann Kindergartengruppen, Schulklassen, Sportvereine oder die örtliche Politik ein, ihren Hof zu besichtigen. Im vergangenen Herbst war eine Grundschulklasse zu Gast, allerdings waren nicht alle Schüler mitgekommen. Eine Mutter hatte ihrer Tochter verboten, den Betrieb zu besuchen. Begründung: „Sie wolle nicht, dass ihre kleine Tochter sehe, wie Massentierhaltung funktioniert.“ Struß war sprachlos, als sie davon hörte. Sie und Massentierhaltung?

Stall hat Größe einer Dreifachturnhalle

Struß sitzt in ihrem Baumhaus. So nennen ihr Mann und sie das holzverkleidete Büro, das inmitten ihres Kuhstalls thront. Über eine Treppe geht es nach oben. Auf dem Tisch stehen Tassen im Kuh-Design und Joghurt, Milch, Kakao und ein paar Süßigkeiten für Besucher bereit. Der Stall ist ungefähr so groß wie eine Dreifachturnhalle, von vorne und von den Seiten fällt Licht hinein. 120 Milchkühe halten Struß und ihr Mann hier. Die Tiere, aufgeteilt in zwei Herden, laufen im Stall umher. Wenn es eine Kuh nach draußen zieht, trottet sie einfach los. Auf der Auslauffläche vor dem Gebäude ist eine automatische Bürste installiert, die anspringt, sobald sich eine Kuh daran reibt. Eine schwarz-weiß Gescheckte lässt sich gerade den Rücken kraulen. „Zeit zum Verwöhnen“, sagt Struß.

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Dass es Menschen gibt, die diese Art der Tierhaltung ablehnen, kann sie nicht verstehen. Aber es wundert sie auch nicht mehr. Sie hat viel darüber nachgedacht in den vergangenen Jahren, während ihres landwirtschaftlichen Praktikums nach dem Abitur und während ihres Studiums der Agrarwirtschaft. Sie sagt, sie habe eine Entfremdung festgestellt. Eine Entfremdung zwischen Stadt und Land. „Das Problem von uns Landwirten ist“, sagt sie, „dass die Landwirtschaft aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand gerückt ist.“

Ihre Eltern erzählen manchmal von den Zeiten, als das anders war. Henriette Struß ist groß geworden auf einem Hof im Weserbergland, der mitten im Dorfzentrum liegt. „Die Leute sind zu uns gekommen“, sagt sie, „sie haben Milch, Kartoffeln und Eier gekauft. Man hat sich ausgetauscht. Die Menschen wussten, welche Themen die Bauern beschäftigen.“ Heute dagegen, sagt sie, wüssten nur noch die wenigsten, was die Landwirte in diesem Land umtreibt, am allerwenigsten die Politiker, die sich fernab der Höfe immer neue Verordnungen ausdächten, Entscheidungen träfen und Gesetze machten.

„Land schafft Verbindung“

Struß arbeitet vormittags als angestellte Herdenmanagerin im benachbarten Wunstorf. Nachmittags fährt sie entweder zum elterlichen Hof nach Rinteln oder hilft ihrem Mann mit den Kühen. 16-Stunden-Tage seien die Regel, sagt sie, aber dass sie ihr Engagement bei „Land schafft Verbindung“ deswegen zurückfährt, kommt für sie nicht in Frage. Dafür ist ihr die Sache zu wichtig.

Ein Blick ins Handy erinnert sie jedes Mal daran, wie groß das Bedürfnis der Kollegen ist, etwas zu unternehmen. Im Oktober, sagt Struß, sei sie mit einer Whatsapp-Gruppe angefangen. Als die voll war, hat sie die nächste eröffnet und danach wieder eine. Mit weit mehr als 2000 Landwirten ist allein sie jetzt vernetzt. Das verpflichtet. Und ein bisschen, sagt sie, liege ihr das Aufbegehren auch im Blut, „ich war schon immer eine kleine Aktivistin.“ Während der Milchkrise 2008 haben ihre Eltern sie mitgenommen, um vor dem Frischli-Milchwerk im 40 Kilometer entfernten Rehburg zu demonstrieren, 16 war sie da.

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Heute will Struß den Menschen zeigen, was es heißt, Landwirt im Jahr 2020 zu sein. Dafür öffnet sie ihren Stall. Dafür stellt sie regelmäßig Videos auf die Plattform MyKuhTube. Ihr Mann hat sich an diesem Vormittag vor einen Supermarkt im benachbarten Wennigsen gestellt, um mit Verbrauchern ins Gespräch zu kommen. „Wir Landwirte haben lange nicht gedacht, dass wir uns rechtfertigen und unsere Arbeit erklären müssen“, sagt sie. Aber die Stimmung im Land hat sich gedreht. Klimakrise, Umweltverschmutzung, Insektensterben – immer geht es auch um den Beitrag der Landwirtschaft daran und um ihre Verantwortung dafür.

„Mit dem Rücken zur Wand“

„Wir sind die Buhmänner“, sagt Struß, „dabei wollen wir Menschen doch alle das Gleiche: sauberes Wasser, hochwertige Lebensmittel, eine intakte Insektenwelt und vielfältige Landschaften.“ Umstritten ist der Weg dorthin. „Wir Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand“, haben die Initiatoren der aktuellen Demo in ihrem Protestaufruf geschrieben. „Eine von Ideologie getriebene Politik bedroht derzeit nachhaltig unsere Produktions- und Lebensgrundlage.“ In Videos haben Bauern zuletzt erklärt: „Entweder wir sterben, oder wir wehren uns.“ An dieser Wortwahl stören sich zunehmend mehr Entscheider in Berlin und Hannover.

Henriette Struß sagt, dass ihr nichts ferner liege, als die Gesellschaft spalten zu wollen oder Krawall zu machen. „Wir brauchen Akzeptanz und Verständnis“, sagt sie. Deshalb reiche es auch nicht, alle paar Wochen „in die City zu fahren, Straßen zu blockieren und Plakate hochzuhalten.“ Sie hat sich vorgenommen, am Freitag so viele Menschen wie möglich persönlich anzusprechen. Sie will Verbindungen schaffen. So wie es auf dem Logo ihrer Jacke steht. „Ich will bei den Menschen einen Aha-Moment auslösen“, sagt sie, „die Menschen sollen denken: ,Okay, wenn so viele Trecker in meine Stadt kommen, muss irgendetwas in diesem Land nicht in Ordnung sein.'“

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