Marktmeisterin Claudia Lange Die Frau vom Freimarkt

Bremen. Halbzeit auf dem Freimarkt. Halbzeit auch für Claudia Lange. Sie ist die Chefin auf dem Platz. Eine freundliche Frau, die gerne lacht, tief in sich aber auch einen harten Kern haben muss. Die kleine Stadt der Buden und Karussells ist nicht immer leicht zu regieren.
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Die Frau vom Freimarkt
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Halbzeit auf dem Freimarkt. Halbzeit auch für Claudia Lange. Sie ist die Chefin auf dem Platz. Eine freundliche Frau, die gerne lacht, tief in sich aber auch einen harten Kern haben muss. Die kleine Stadt der Buden und Karussells ist nicht immer leicht zu regieren. Lange muss aufpassen, dass sie nicht untergebuttert wird.

Die Marktmeisterin hat trotzdem die Ruhe weg, sie wirkt jedenfalls so. Wir treffen uns vor dem Riesenrad, und das ist schon mal bemerkenswert. Nicht das Rad selbst, obwohl es mit einer Höhe von 55 Metern und einem Gewicht von 300 Tonnen zu den größten seiner Art in der Welt gehört. Nein, bemerkenswert ist, dass hier überhaupt ein Riesenrad steht.

Ein Ersatzrad, sozusagen, denn das, was kommen sollte, stand plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Ein Unfall auf dem Kramermarkt in Oldenburg, beim Abbau, als sich eine 30 Meter lange Stahlstütze selbstständig machte und auf das leere Festgelände knallte. "Eine ziemlich heftige Geschichte", sagt Lange, "und ein Wunder, dass niemand verletzt wurde."

Es musste Ersatz her, und das nur vier Tage vor Freimarktbeginn. Eigentlich unmöglich, wenn man auch noch den zeitaufwendigen Aufbau berücksichtigt. Lange ließ keine Stunde verstreichen, da hatte sie das Problem schon im Griff: "Es gibt fünf solcher großen Riesenräder, die haben wir natürlich im Kopf, und dieses eine war frei." Für den Betreiber fiel Weihnachten und Ostern auf einen Tag, er kommt jetzt völlig unverhofft zu einem guten Geschäft.

Hängen bleibt immer was

"Der Freimarkt ist 'ne große Nummer", sagt Lange, "er gehört zu den Top-Drei in Deutschland." Vier Millionen Besucher und ein Riesenumsatz - logisch, dass die Schausteller alle dabei sein wollen. Noch nicht mal jeder dritte der weit mehr als 1000 Bewerber kommt zum Zuge. Wer das Glück hat und genommen wird, darf sich über satte Einnahmen freuen. Zwar sind vor Kurzem erst die Standgebühren erhöht worden, und natürlich spielt speziell für die Fahrgeschäfte das Risiko mit, schlechtes Wetter zu erwischen. Hängen bleibt aber immer was.

Am Ende der Gasse eine Weltneuheit. "Rocket", heißt sie, und die Rakete geht ab, aber wie. "Im Grunde ist es ein Kettenflieger, nur dass sich die Gondeln am höchsten Punkt überschlagen", erklärt die Marktmeisterin. Der höchste Punkt, das sind in diesem Fall 54 Meter. So hoch hinauf wie beim Riesenrad, aber anders, ganz anders, etwas für Waghalsige, die ihren Magen testen wollen.

Mit "Rocket", erzählt Lange, war das so, dass sich der Betreiber ganz normal beworben hat - bunte Bilder und ein bisschen Text. Das reicht aber nicht, nicht für den Bremer Freimarkt. "Wir gucken uns so etwas dann noch in der Praxis an, für ,Rocket' sind wir zur Rheinkirmes nach Düsseldorf gefahren, danach gab's den Zuschlag." "Rocket", das Riesenrad, die Achterbahn, der "Breakdancer" - lauter Attraktionen, die auf dem Platz gut verteilt sind. "Ich bin in diesem Jahr sehr zufrieden", sagt Lange, "es ist abwechslungsreich und auch von der Optik her gut gemischt, mal was Hohes, mal was Niedriges, so soll's sein."

Karussell-Rekord für Kinder

33 große Fahrgeschäfte zählt sie auf dem Platz, dazu noch 16 Karussells für die Kinder - Rekord in Deutschland und ein Alleinstellungsmerkmal, wie man im Wirtschaftsdeutsch sagt. Bremen, betont Lange, will nicht das Oktoberfest kopieren und den gleichen Weg gehen wie in Stuttgart die Cannstatter Wasen. Bremen will kein Bierzelt neben dem anderen und die Karussells nur noch als schmückendes Beiwerk. Bremen will keinen Ballermann, obwohl es schon auch kracht in den Zelten und Bierstuben, das muss man sagen. Der Freimarkt soll eben noch etwas anderes sein, das ist das Konzept: Ein Volksfest für die ganze Familie.

Claudia Lange hat Feierabend, wenn sie sich schlafen legt, vorher nicht. Das sind 16-Stunden-Tage, grenzwertig, aber anders geht es nicht. Der Freimarkt ist kein Selbstgänger, er muss begleitet und kontrolliert werden. Bei den Öffnungszeiten fängt das an. Um 12 Uhr jeden Tag dürfen die Geschäfte öffnen, um 13 Uhr jeden Tag müssen sie es tun. Bleiben die Rollläden unten, weil es vielleicht gerade stürmt und regnet, wird zunächst freundlich ermahnt. Kommt das noch mal vor, gibt's einen Brief, und die Chancen, das nächste Mal wieder berücksichtigt zu werden, sinken rapide.

Zu den Regeln gehört auch eine ordentliche Präsentation, der Markt soll bei aller Unterschiedlichkeit seiner Angebote homogen wirken. Und wichtig genauso, dass keiner, der eigentlich Bratwurst verkaufen wollte, plötzlich mit Pizza kommt. "Das geht nicht, da schreiten wir ein", sagt Lange, "wir wollen Vielfalt und nicht 20mal das Gleiche." Trotzdem sind es auf dem Bremer Freimarkt fast ausnahmslos die kulinarischen Kirmes-Klassiker: Champignons, Fischbrötchen, Spanferkel, Backschinken, Pizza, Puffer oder Pommes. Bratwurst natürlich auch, oft als Bauernbratwurst, dick, grob und schwer. "Mir ist die zu fett", sagt die Marktmeisterin. Sie schwört auf Pizza.

Die paar Euro am Imbissstand sind das Geringste, richtig ins Geld gehen die Fahrgeschäfte. Einer Studie zufolge schlägt jeder Besuch auf dem Freimarkt mit durchschnittlich 37 Euro zu Buche. Rechnet man das mal vier Millionen und zählt dann noch hinzu, was die Besucher in der Stadt ausgeben, weil sie vielleicht über Nacht bleiben und ein Hotelzimmer buchen, kommt ein Umsatz zusammen, der den Rummel auf der Bürgerweide erst ins rechte Licht stellt. Der Freimarkt macht Spaß, sicher, er ist aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Irgendwie nicht geklappt

Wir biegen auf die Zielgerade ein, am Klangbogen vorbei. Hübsche Idee, zwischen Bahnhof und Bremen Arena einen imaginären Bach murmeln zu lassen. Nur irgendwie, man weiß es nicht, hat das nie so richtig geklappt. Für den Freimarkt ist das egal, er macht einen Lärm, der alles andere erstickt, ein Murmeln sowieso.

Das hier ist Bestlage, hier drängen die Massen vom Bahnhof in den Markt hinein. Auf der Ecke wieder der Stand mit der Pferdewurst, der steht hier immer und hat jetzt den Fotografen zum Kunden. Wir haben kaum "Mahlzeit" gesagt, da hat er schon aufgegessen. Etwas weiter werden Lose verkauft, 15 Stück für zweifünfzig. Die Männer wirken verloren, wie sie da stehen, an ihren Kitteln zaust der Wind, ein trauriger Anblick. Gegenüber werden Crêpes verkauft, und daneben gibt's Puffer, nichts für uns. Noch ein Stück weiter das "Lach- und Freuhaus", es kommt direkt vom Oktoberfest. Ein grellbuntes Vergnügen mit der 3-D-Brille auf der Nase. Schließlich noch Bärbels Moorkate, die darf auf dem Freimarkt nicht fehlen, ein Treffpunkt, das erste Bier.

Claudia Lange eilt davon. Vier Wochen noch, dann ist Weihnachtsmarkt, ihr Job, und sie hört die Glocken schon klingen.

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