Gastkommentar über den Hebammen-Mangel Die Geburtshilfe muss endlich gestärkt werden

Ein Studiengang ist Grundlage dafür, dass Hebammen endlich gemäß ihrer Qualifikation auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten eingesetzt und bezahlt werden, meint unsere Gastautorin Kirsten Kappert-Gonther.
26.03.2019, 20:42
Lesedauer: 2 Min
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Von Kirsten Kappert-Gonther

Das Bremer Krankenhaus St. Joseph-Stift musste 24 Stunden lang seinen Kreißsaal schließen, weil keine Hebammen da waren. Das ist leider kein Einzelfall. Bundesweit schließen Geburtshilfeabteilungen. Werdende Mütter müssen rumtelefonieren, um eine Hebamme zu finden – kaum dass sie wissen, schwanger zu sein.

Hochschwangere Frauen müssen lange Anfahrtswege auf sich nehmen. Zentrenbildung fördert zwar die Qualität, doch der Hebammenmangel führt dazu, dass die Rahmenbedingungen für sie genauso wie für die Gebärenden unbefriedigend sind. Hebammen flitzen zwischen mehreren Gebärenden hin und her. Jetzt rächt sich bitter, dass die Bundesregierung die Alarmsignale so lange ignoriert hat.

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Bis 2020 soll die Hebammenausbildung in der EU auf Hochschulniveau stattfinden. Gesundheitsminister Jens Spahn hat diese EU-Verordnung viel zu lange ignoriert. Deutschland hängt nun weit hinterher. Immerhin wurde inzwischen eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingerichtet. Entscheidend wird sein, dass die Expertise der erfahrenen Hebammen in die neuen Studiengänge überführt wird. Viel Druck der Hebammenverbände und zahlreiche parlamentarische Anfragen waren notwendig, bis der Minister endlich anerkannt hat, dass EU-Verordnungen auch für ihn gelten. Die Akademisierung ist die Grundlage dafür, dass Hebammen endlich gemäß ihrer Qualifikation auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten eingesetzt und bezahlt werden.

Wie die Grand Dame der Midwifery, des Hebammenwesens, Prof. Lesley Page aus England sagt: Wenn Hebammen die Geburt leiten, dürfen mehr Mütter und Babys eine natürliche Geburt erleben.

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Die WHO geht davon aus, dass bei 10 bis 15 Prozent der Geburten ein Kaiserschnitt medizinisch sinnvoll ist, in Deutschland kommt aber jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Nach wie vor wird die natürliche Geburt nicht angemessen bezahlt, weder ambulant noch im Krankenhaus. Eine natürliche Geburt kann lange dauern. Die Hebammen brauchen Zeit, um die Frauen zu stärken. Mütter brauchen während der entscheidenden Phasen der Geburt eine 1:1-Betreuung durch eine Hebamme.

Es treten weniger Komplikationen auf, wenn alle Personen, die Geburtshilfe leisten, Hand in Hand arbeiten. Eine gute Personalausstattung und ausreichend Zeit, auf die Gebärende individuell einzugehen, verbessern die Geburt und verringern die Zahl medizinischer Interventionen. Die Geburtshilfe muss endlich gestärkt werden, damit jedes Baby unter einem glücklichen Stern geboren werden kann.

Info

Zur Person

Unsere Gastautorin Kirsten Kappert-Gonther ist seit 2017 Bremer ­Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist gesundheitspolitische ­Sprecherin ihrer Fraktion.

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