Erster Christopher Street Day in Deutschland

Die Geschichte des Bremer CSD

Hunderte Menschen zogen 1979 durch Bremen, um für die Rechte Homosexueller zu demonstrieren. Es war der erste Christopher Street Day in Deutschland. Eine, die damals mitorganisierte, erzählt die Geschichte.
29.08.2019, 17:13
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Von Jakob Milzner
Die Geschichte des Bremer CSD

Rund 700 Menschen demonstrierten beim ersten CSD in Bremen.

Wolfgang Voigt / www.joerg-hutter.de

Als vor 40 Jahren in Bremen der erste Christopher Street Day (CSD) in Deutschland stattfand, verbargen manche Demonstrierende ihre Gesichter noch hinter Sonnenbrillen und Masken. Hunderte Menschen zogen am 30. Juni 1979 vom Bahnhof bis zum Marktplatz, um für die Rechte von Schwulen und Lesben zu demonstrieren.

„Das war schon irgendwie ein Spießrutenlauf, aber ich stand darüber“, erinnert sich Irene Klock, die den CSD 1979 mitorganisierte. Wochen im Voraus hatten sie und eine Handvoll Gleichgesinnter sich getroffen und Bettlaken mit Slogans beschrieben, um diese als Spruchbänder vor sich herzutragen. Bewaffnet mit einem Megafon marschierte die damals 24-Jährige ganz vorne im Demonstrationszug mit und skandierte Forderungen der Homosexuellen- und der Frauenbewegung.

Klock ist heute 64 Jahre alt und mittlerweile im Ruhestand. In ihrer Wohnung in Schwachhausen erzählt die ehemalige Groß- und Außenhandelskauffrau von den Ereignissen vor 40 Jahren. Längst nicht alle Schwulen und Lesben trauten sich damals, offen zu ihrer Homosexualität zu stehen. „Wie Bankräuber“ hätten einige Frauen ihre Gesichter verdeckt, erinnert sie sich: „Zwei Schlitze, wo Augen, Nase und Mund rausschauten, und der Rest war vermummt.“ Homosexuelle Handlungen unter Männern konnten damals noch mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden – erst 1994 wurde der entsprechende Paragraf 175 des Strafgesetzbuches gestrichen.

Angst vor Repressionen

„Die Angst, gerade von staatlicher Seite repressiv behandelt zu werden, war sehr klar. Und das war kein Gespinst, da steckten reale Erfahrungen hinter“, sagt Joachim Schulte, der ebenfalls an der Organisation des ersten Bremer CSD beteiligt war. Dennoch sei es eine bunte, fröhliche Veranstaltung gewesen, auf der neue Formen des Protestes ausprobiert wurden. „Zum ersten Mal tauchten bei einer Demonstration Lautsprecher auf, die Musik spielten und die Teilnehmenden haben dazu getanzt“, sagt der 65-Jährige. Schulte, der damals in Bremen lebte, engagiert sich noch immer für die Rechte Homosexueller und ist unter anderem Sprecher des LSBTIQ-Netzwerks „Queer-Net Rheinland-Pfalz“.

Tatsächlich war bis 1979 bereits einiges passiert. In den 1960ern begannen sich in den westlichen Gesellschaften erstmals breite Proteste gegen die herrschende Gesellschaftsordnung zu formieren. Während Napalm und Splitterbomben Zivilisten in Nordvietnam töteten, demonstrierten Studierende auf der ganzen Welt gegen den Krieg und versuchten sich in Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll.

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Homosexuelle wurden auch in den USA diskriminiert. In ihren Szenebars führte die Polizei Razzien durch und outete die Anwesenden danach in der Presse. Der soziale Schaden für die Betroffenen war enorm. Elektroschocks galten als probates Mittel zur Therapierung von schwulen Männern.

„Ein erregendes Problem“

Wie in einer Kapsel hat sich die damalige Stimmung in Zeitungsartikeln erhalten. So berichtete der WESER-KURIER im November 1967 über ein Symposium zur Reformierung des Sexualstrafrechts. Schon im ersten Absatz bezeichnete der Autor Homosexualität als „eines der erregendsten Probleme unseres gesellschaftlichen Lebens“. 1967 war der Paragraf 175 noch immer in derselben Form gültig, die von den Nationalsozialisten 1935 auf Basis des Ermächtigungsgesetzes erlassen worden war. „Damals waren ja auch noch viele Nazis in der Bevölkerung“, betont Irene Klock.

Auf dem Symposium vertrat der katholische Moraltheologe Franz Böckle die Auffassung, dass die diskrete Ausübung männlicher Homosexualität keinerlei sozialen Schaden bewirke, weshalb man sie nicht länger kriminalisieren dürfe. „In der Diskussion bestand Einigkeit darüber, dass Boecklers Referat eine geradezu progressive Haltung erkennen lasse“, kommentierte damals der WESER-KURIER. Noch auf derselben Veranstaltung sagte der Hamburger Sexualforscher Hans Giese, dass Homosexualität als Krankheit zu betrachten sei. Zwar sei die Kastration von Homosexuellen keine wirksame Behandlung, doch viele der betroffenen Männer bedürften zumindest einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Betreuung.

1969 entlud sich der angestaute Frust. Am 28. Juni widersetzten sich homosexuelle Besucher der New Yorker Szene-Bar Stonewall Inn einer nächtlichen Polizeirazzia und lieferten sich auf der Christopher Street eine Straßenschlacht mit den Beamten. Viele Bewohner des Stadtteils solidarisierten sich mit den Demonstrierenden. Fünf Tage und Nächte dauerten die Proteste.

Zwei Monate später wurde in Deutschland der Paragraf 175 reformiert. Strafbar war Homosexualität unter Männern fortan nur noch in bestimmten Fällen: Dazu zählten Sex mit unter 21-Jährigen und Prostitution. Von Gleichstellung und gesellschaftlicher Akzeptanz war man noch immer weit entfernt.

Gemischte Gefühle beim ersten CSD

Zehn Jahre später nahmen schwule und lesbische Aktivisten die Proteste auf der Christopher Street zum Anlass, um in Bremen und weiteren deutschen Städten den ersten CSD zu organisieren. „Es waren gemischte Gefühle“, erinnert sich Irene Klock an den Tag vor 40 Jahren. „Man muss bedenken, was das für eine piefige Zeit war. Ich bin angespuckt worden und man hat zu mir gesagt: ‚Bei Adolf hätte man dich vergast.‘ Irgendwie hatte man schon das Gefühl: Für diese ganz konservative Bevölkerung waren wir richtig Dreck.“

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1979 habe sich aber auch vieles bewegt, sagt Joachim Schulte. „Beim Thema lesbisch-schwul war klar, es muss etwas in der Öffentlichkeit passieren.“ Und so wagte man den Schritt auf die Straße: In Bremen, Köln und Berlin fanden am 30. Juni die deutschlandweit ersten Demonstrationen zum Gedenken an die Stonewall-Proteste statt. Rund 700 Menschen kamen in Bremen zusammen. Darunter seien ungefähr 150 bis 200 lesbische Frauen gewesen, schätzt Irene Klock. Nach der Demonstration und der Kundgebung auf dem Marktplatz feierten Frauen und Männer noch getrennt – die Frauen im Volkshaus und die Männer im Kulturzentrum Schlachthof.

Obwohl in den Folgejahren zunächst keine weiteren Demonstrationen in Bremen stattfanden, konnte sich die queere Community der Hansestadt durch die Einrichtung des Rat&Tat-Zentrums 1982 weiter verfestigen. „Henning Scherf war sehr, sehr wichtig in dieser Zeit“, erinnert sich Joachim Schulte. Scherf habe sich dafür eingesetzt, dem Rat&Tat-Zentrum günstige Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. „Ich war damals Sozialsenator und hatte eine besondere Sensibilität für Minderheiten“, sagt der ehemalige Bremer Bürgermeister. „Ich habe die Lebenssituation der Homosexuellen nah an mich rankommen lassen und habe da auch persönliche Beziehungen.“ Als seine Tochter sich als lesbisch outete, habe ihn das zusätzlich motiviert, die Gründung des Rat&Tat-Zentrums zu unterstützen.

Ein langer Weg zur Gleichstellung

Trotzdem vergingen noch einmal mehr als zehn Jahre, bis der Paragraf 175 im Jahr 1994 gestrichen wurde. 23 Jahre später fand am 30. Juni 2017 eine Abstimmung im Bundestag statt, nach der die Ehe in Deutschland auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wurde – auf den Tag genau 38 Jahre nach dem ersten CSD in Bremen.

An diesem Samstag findet der CSD nun erneut in Bremen statt – mittlerweile das dritte Jahr in Folge. Statt der 700 Teilnehmer im Jahr 1979 werden diesmal wohl wieder einige tausend Menschen an der Demonstration teilnehmen – 2018 waren es mehr als 8000. Trotz dieser Entwicklung erkennt Robert Dadanski, Pressesprecher des Christopher Street Day Bremen e. V., weiterhin Handlungsbedarf: „Die Diskriminierung hat sich nur verschoben. Es gibt immer noch viele Menschen, die sich im Berufsleben nicht trauen, öffentlich schwul zu sein“, erläutert er.

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Auch Irene Klock sieht die Ziele der Bewegung noch lange nicht erfüllt. „Manchmal denke ich, dass die Homophobie wieder ein bisschen zunimmt“, sagt die 64-Jährige. „Das ist sicher auch dem geschuldet, dass die Rechten so einen Aufwind haben. Es ist daher sinnvoll, das jedes Jahr zu wiederholen und am Ball zu bleiben – damit es nicht wieder rückwärts geht."

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