Bremen

„Die Gesellschaft braucht sie nicht mehr“

Jonas Pot d‘Or ist Streetworker. Seit 17 Jahren fährt er im Auftrag des Gesundheitsamtes viermal in der Woche mit dem Kleinbus durch die Stadt und hilft den Bedürftigen mit dem Nötigsten.
23.04.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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„Die Gesellschaft braucht sie nicht mehr“
Von Antje Stürmann

Jonas Pot d‘Or ist Streetworker. Seit 17 Jahren fährt er im Auftrag des Gesundheitsamtes viermal in der Woche mit dem Kleinbus durch die Stadt und hilft den Bedürftigen mit dem Nötigsten.

Es ist Mittwoch. Die Uhr zeigt: 9 Uhr. Sonnenstrahlen wecken die Farben der Stadt. In der Friedrich-Rauers-Straße macht sich Jonas Pot d‘Or bereit. Er ist als Streetworker zuständig für die Wohnungslosen in Mitte und für jene Menschen, die sich tagsüber in den Gröpelinger Grünanlagen aufhalten – im sogenannten Grünzug West. Pot d’Or wuchtet eilig eine Kiste voller Thermoskannen in den Kleinbus der Inneren Mission. Acht Liter heißer Kaffee. Dann setzt er sich hinters Lenkrad und fährt zielstrebig los.

Er will keine Zeit verlieren, denn jede Minute ist eine, in der er helfen kann. Beginnt der Sozialpädagoge zu erzählen, dann sind das Geschichten von Hartz-IV-Empfängern, von Wohnungslosen, Junkies, Ex-Knastis aber auch von Menschen, die in sehr kleinen, dürftig möblierten Zimmern leben, weil sie keine oder sehr schlecht bezahlte Arbeit und wenig Geld haben. „Das sind Menschen, die der Arbeitsmarkt nicht braucht – und das wissen diese Leute auch.“ Tagsüber, sagt er, treffen sie sich in den Parks und Grünanlagen dieser Stadt. Manchmal gibt es Ärger, weil sich Passanten oder Anwohner gestört fühlen. Doch: „Diese Szene-Leute kommen nicht zu den Treffpunkten, um zu trinken“, behauptet Pot d‘Or, „sondern um sozialen Austausch zu haben. Ihnen sind die Kontakte zu den Arbeitskollegen und oft auch zur Familie weggebrochen. Oder sie sind froh, aus ihrer kleinen, schlechten Wohnung rauszukommen“. Obdachlos sei nur ein kleiner Teil dieser Straßenszene.

Pot d’Or hält an, stellt den Motor aus. Auf dem Lesumer Friedhof wartet eine kleine Trauergemeinde. Hannes* ist gestorben, mit ihm hatte Pot d‘Or schon Kontakt, als er vor 17 Jahren seine Stelle antrat. Der Streetworker möchte sich persönlich verabschieden. Hannes war im Quartier bekannt: ein Urgestein. „Den hast du schon von Weitem poltern hören“, sagt seine Tochter mit Tränen in den Augen. Auch der Streetworker erinnert sich: „Wenn Hannes was gesagt hat, dann wurde das gemacht. Daran haben sich die anderen gehalten.“

Der Pastor am Pult fliegt durch Hannes‘ Lebensgeschichte: Ausbildung zum Installateur, zehn Jahre im Ausland, Montage, zehn Jahre auf See. Drei Kinder, schwere Krankheit. Der Verlust des sicheren Arbeitsplatzes hat ihn aus der Bahn geworfen. Hannes war ein Teil der „Szene“, jener Menschen, die am Rande dieser Gesellschaft leben. Eine Frau schluchzt.

Auch in der hintersten Reihe rollen plötzlich die Tränen. Jochens Hals ist wie zugeschnürt. Erst im vergangenen Jahr, erzählt er später, sei seine Verlobte gestorben. Sie war 36, litt an einer Krankheit. Auch Jochen gehört zur „alten Szene“. Genau wie Festus und Miro, die schwarze Kunststoffrosen in Hannes’ Grab legen. Viele der älteren „Stammgäste“ aus der Straßenszene treffen sich privat auf einer Parzelle, in einer Wohnung, „sind gesundheitlich eingeschränkt oder gestorben“, sagt Jonas Pot d‘Or. Die meisten erreichen die 50 nicht.

Bevor Hannes’ Urne langsam in die Erde gelassen wird, sagt Pot d’Or: „Es ist ein Glück, wenn überhaupt jemand zur Beerdigung kommt. Es gibt auch Urnen von verstorbenen Szene-Leuten, die werden auf dem Friedhof eingebuddelt. Da steht kein Name drauf, nichts.“ Manchmal ist der Streetworker der einzige Trauergast. Hannes aber hat Glück. Er wird von seiner Familie und von Freunden verabschiedet. Blumen schmücken sein Grab. Jonas Pot d‘Or nimmt die schmalen, trauernden Hände von Hannes‘ Lebensgefährtin in seine, als könnte er der Frau auf diese Weise Kraft geben. Er verabschiedet sich auch von der zurückgelassenen Familie.

Danach lädt er Jochen, Festus und Miro in den Bus der Inneren Mission auf einen Kaffee ein. Schon auf dem Weg zum Bus fragt Jochen den Streetworker um Rat: Endlich darf er eine Drei-Zimmer-Wohnung beziehen. Eine, in die er gern mit seiner Verlobten eingezogen wäre. Aber wie soll er die Möbel in die neue Wohnung bekommen? Die Behörden wollen ihm den Umzug nicht bezahlen. Allein schafft er es nicht.

Jonas Pot d’Or will helfen. Mit dem Kleinbus kann er Schränke transportieren und eine Matratze von Miro zu Jochen bringen. Überhaupt hat Jonas meistens eine Idee: Mal gibt er Tipps, an wen sich die Männer beim Amt wenden können, wer sich von den Sachbearbeitern auskennt. Mal macht er mit einer kleinen Kamera vor einem mitgebrachten Holzbrett kostenlos Passfotos für einen neuen Personalausweis. Er bringt einen Schlafsack mit für jemanden, der keine Bleibe hat und im Freien übernachten muss. Im Bus hat der Streetworker immer Papier und Briefumschläge, um „mal schnell einen Widerspruch gegen einen Bescheid zu schreiben“. Jonas, wie sie ihn nennen, hört zu. Er raucht eine mit ihnen, er lacht mit ihnen. Auch das gehört dazu.

Es hat gedauert, bis die Menschen auf der Straße ihr Misstrauen abgelegt hatten. Der Rand der Gesellschaft ist eine andere, schmerzhafte Welt, in die sich wenige hineinfühlen können. „Jemand hat am Anfang gesagt: Du bringst keine Arbeitsplätze mit, keine Wohnung, keine schönen Frauen oder Geld. Nicht mal eine Kiste Bier. Warum sollten wir dir vertrauen“, erinnert sich Jonas Pot d’Or. Am Abend kam er mit seiner Frau zur Musiksession und auf ein Bier. „Seitdem bin ich in der Szene willkommen“, sagt er, während er den elf Jahre alten Kleinbus in Richtung Überseemuseum steuert.

Auch dort empfängt man ihn herzlich. Einige tragen bunte Haare und Piercings – Daniel rote Augenringe dazu. „Ich mag Jonas, weil er auf die Leute eingeht“, sagt der 23-jährige Vagabund. Daniel ist mit zehn Jahren von zu Hause abgehauen. Seit 14 Jahren zieht er durch die Welt – und ist mit seinem Leben zufrieden, wie er sagt. Täglich bettelt er um Kleingeld und Essen. Wie Daniel findet es auch die 15-jährige Debby „sehr wichtig“, dass Jonas nach den Menschen auf der Straße schaut. „Da kümmert sich jemand um dich“, beschreibt sie, wie es sich anfühlt, wenn Jonas kommt. „Wenn du im Winter bei Minusgraden draußen sitzt und dich einer fragt, ob du eine heiße Suppe, einen Tee oder einen Kaffee möchtest, dann ist das ein tolles Gefühl.“

Jonas Pot d’Or macht es wütend, dass sein Job nötig ist. „Dass diese Leute zur untersten Schicht der Gesellschaft zählen, müsste für viele nicht so sein. Aber Leute, die länger in der Szene leben, die sind raus aus dem Arbeitsmarkt und kommen dahin auch nicht wieder zurück. Sie bekommen in der Gesellschaft keine Chance mehr“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge. Was dagegen hilft? „Die Betroffenheit darüber ist da“, sagt Pot d’Or, aber dann höre es auf. „Das Interesse an diesen Menschen müsste sich darin ausdrücken, dass die Stadt Geld in die Hand nimmt“, fordert einer, der es wissen muss. Bezahlbare Wohnungen könnten helfen, meint Pot d’Or, und „vernünftig bezahlte Arbeitsplätze“. „Wenn meine Leute eine Bank wären, hätte man sie schon lange gerettet“, ist er überzeugt.

Siebzehneinhalb Jahre arbeitet Pot d‘Or schon als Streetworker, 73 000 Kilometer ist der Kleinbus durch die Stadt gefahren. Pot d’Or kann Geschichten erzählen über Menschen, die sich selbst aufgegeben haben, denen es egal ist, ob ihnen die Füße abfrieren. „Es sind die ökonomischen und sozialen Verlierer unserer Gesellschaft“, schreibt er in seinem Bericht zum „Projekt Grünzug West“. Im gesamten Stadtgebiet sind es hochgerechnet 3500.

Darunter auch einige, die sich beim Schopfe gepackt haben. Menschen, die den Mut nicht aufgeben, die sich jeden Tag aufs Neue dem Leben stellen – und sich trotz Armut und Ausgrenzung für andere freuen können. „Ich wüsste nicht, ob ich ihre Schicksalsschläge besser meistern würde“, sagt der Streetworker.

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