Oberen Rathaushalle

Die Gewinner des Bremer Denkmalpflegepreises

Das Landesamt für Denkmalpflege und die Aufbaugemeinschaft zeichnen alle drei Jahre Arbeiten von Architekten, Bauherren, Handwerkern und Ehrenamtlichen aus: Nun wurde der Bremer Denkmalpflegepreis verliehen.
24.10.2019, 22:09
Lesedauer: 8 Min
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Von Kornelia Hattermann
Die Gewinner des Bremer Denkmalpflegepreises

Aktiv für den Denkmalschutz: Die Preisträger des vierten Bremer Denkmalpflegepreises mit ihren Urkunden, die Laudatoren und die Jury bei der Verleihung im Rathaus.

Christina Kuhaupt

Vor besonderen Herausforderungen stehen Eigentümer, Architekten, Handwerksbetriebe und ehrenamtlich Engagierte, wenn sie Baudenkmäler schützen und restaurieren und damit auch Geschichte bewahren wollen. Individuelle Lösungen, neue Ideen und sehr viel persönlicher Einsatz sind häufig gefragt. Der Bremer Denkmalpflegepreis würdigt und prämiert dieses überdurchschnittliche Engagement jetzt zum vierten Mal. In der Oberen Rathaushalle wurden am Donnerstagabend insgesamt fünf Preise vergeben und fünf besondere Anerkennungen in vier Kategorien ausgesprochen.

Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz betonte zur Begrüßung, dass gerade in Zeiten, in denen das Streben nach Profit zerstörerische Formen annehme, die Denkmalpflege einen hohen Stellenwert habe. Die Vorsitzende der Jury, Andrea Pufke, Landeskonservatorin des Rheinlandes, hob die zahlreichen hochwertigen Bewerbungen hervor. Die prämierten Arbeiten stellten eine schöne Vielfalt dar, mit der das Spektrum der Denkmalpflege bestens abgedeckt werde: Es reiche von der Architektur der 1950er-Jahre, über moderne Architektur, gründerzeitliche Bauten bis hin zu einer Kirche aus dem Mittelalter und einer Parkanlage.

Breit angelegt, genauso wünschen es sich die Aufbaugemeinschaft Bremen und das Landesamt für Denkmalpflege, die den Bremer Denkmalpflegepreis 2010 ins Leben gerufen haben. „Mit diesem Preis wird ein wichtiger Beitrag zur Stadtentwicklung geleistet“, sagte Uwe A. Nullmeyer von der Aufbaugemeinschaft.

Zwei Tage lang hatte sich die Jury im August mit den 41 Bewerbungen aus Bremen und Bremerhaven befasst, 19 Objekte und Engagements hat sie sich vor Ort angesehen und erläutern lassen. Zur Jury gehörten neben Andrea Pufke vom Amt für Denkmalpflege im Rheinland, die den Blick von außen einnahm und zur Jury-Vorsitzenden gewählt wurde, Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki, Uwe A. Nullmeyer von der Aufbaugemeinschaft, Senatsbaudirektorin Iris Reuther, Oliver Platz vom Vorstand der Architektenkammer, Jan Heitkötter von der Handwerkskammer und Kornelia Hattermann vom WESER-KURIER, der gemeinsam mit der Nordsee-Zeitung einen mit 2500 Euro dotierten Sonderpreis stiftet. Auch in diesem Jahr wird damit ehrenamtliches Engagement gefördert.

Unterstützt wird der Denkmalpflegepreis zudem von der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven, vergeben wurde er in vier Kategorien: für Architekten- und Ingenieurbüros, Handwerksbetriebe, öffentliche und private Bauherren sowie Vereine und Ehrenamtliche.

Der Bremer Denkmalpflegepreis findet bereits über die Grenzen Bremens und Deutschlands hinaus Beachtung. Der Europarat hat die Idee im Rahmen der European Heritage Strategy für das 21. Jahrhundert in The Golden Collection of Good Practices (Goldene Sammlung bewährter Verfahren) aufgenommen.

Das sind die Preisträger:

Die Skulptur "Geburt der Venus" in der Parkanlage Thieles Garten in Bremerhaven.

Die Skulptur "Geburt der Venus" in der Parkanlage Thieles Garten in Bremerhaven.

Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Gartenbauamt Bremerhaven

Das Gartenbauamt Bremerhaven bekommt den Denkmalpflegepreis für Bauherren für sein überdurchschnittliches Engagement zum Erhalt von Thieles Garten. Das ungewöhnliche Gartendenkmal wurde 1923 von den Künstler-Autodidakten Gustav und Georg Thiele geschaffen. Die aus Beton bestehenden naturalistischen Skulpturen schuf Gustav Thiele. Der Bruder gestaltete den romantischen Garten, in den die Skulpturen integriert wurden. Als ein Juwel der Stadt wird Thieles Garten bezeichnet, der Versuch, ihn auch so zu behandeln, sei für das Gartenbauamt aber kaum möglich, so die Jury.

Für Sanierung und Erhalt sind weder Haushaltsmittel noch investive Mittel der Stadt Bremerhaven vorgesehen. Dem Einsatz der Mitarbeiter des Gartenbauamtes gemeinsam mit dem Förderverein sei es zu verdanken, dass Mittel eingeworben werden und Betonskulpturen restauriert werden konnten.

Dieses Wappen ist in der Böttcherstraße zu finden und ziert das Projekt "Bremenpedia".

Dieses Wappen ist in der Böttcherstraße zu finden und ziert das Projekt "Bremenpedia".

Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Jürgen Howaldt und Norbert Kück

Um die Bremer Geschichte machen sich Jürgen Howaldt und Norbert Kück in Lesum verdient. Sie vermitteln Wissen über Denkmäler im Bundesland Bremen, indem sie es im Internet über Bremenpedia frei zur Verfügung stellen. Dafür bekamen sie von der Jury den mit 2500 Euro dotierten Sonderpreis von WESER-KURIER und „Nordsee-Zeitung“ zugesprochen. Seit 2011 unterstützen Jürgen Howaldt (Bremer Projektgruppe Wikimedia) und Norbert Kück (Open-Street-Map) die Denkmalpflege. Sie stellen den gesamten Denkmalbestand anhand einer Kartierung kostenfrei im Internet zur Verfügung.

Über die verlinkten Seiten von Wikipedia finden zahlreiche Internetnutzer zu den Seiten des Landesamtes für Denkmalpflege. Alle Denkmäler der Denkmaldatenbank wurden und werden kartiert. Zudem erstellt Norbert Kück eigens für den Tag des offenen Denkmals eine Karte mit den geöffneten Denkmälern in Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven. Besucher des Tags des offenen Denkmals können sich anhand der Kartierung ihre Routen zusammenstellen – eine beispielhafte ehrenamtliche Zusammenarbeit.

Rolf und Erika Diehl wohnen in einem unteren Stockwerk im markanten Aalto-Hochhaus in der Vahr, über das sie viel erzählen können. Auch eine Ausstellung haben sie gestaltet.

Rolf und Erika Diehl wohnen in einem unteren Stockwerk im markanten Aalto-Hochhaus in der Vahr, über das sie viel erzählen können. Auch eine Ausstellung haben sie gestaltet.

Foto: Dandesamt für Denkmalpflege

Rolf und Erika Diehl

Sie wohnen im Aalto-Hochhaus, und sie lieben es. Deshalb führen Rolf und Erika Diehl in der Vahr Gäste durch das Denkmal, öffnen ihnen auch ihre Wohnung und geben ihr Wissen über die Architektur des Hauses weiter. Dieses besondere ehrenamtliche Engagement des Ehepaares zeichnet die Jury mit dem Bremer Denkmalpflegepreis und einem Preisgeld in Höhe von 3000 Euro aus.

Erika und Rolf Diehl haben sich bereits über ihren Stadtteil hinaus einen Namen gemacht. Zum einen betreiben sie die Internetseite Vahrreport, auf der über die unterschiedlichsten Themen und Termine des Stadtteils informiert wird. Zum anderen bieten sie regelmäßig Führungen durch das Aalto-Hochhaus an. 2014 registrierten sie ein zunehmendes Interesse an ihrem Wohnhaus, das 1959 bis 1962 nach den Plänen des finnischen Architekten Alvar Aalto errichtet wurde. Sie begannen sich mit der Architektur und dem Architekten auseinanderzusetzen.

Die hohen Teilnehmerzahlen an den Führungen des Ehepaares am Tag des offenen Denkmals sprechen für sich. Im zweiten Obergeschoss richteten sie eine aussagekräftige Ausstellung mit Fotos und Plänen auf Stellwänden ein. Inzwischen dürften auch einige tausend Besucher die Wohnung des Ehepaares besichtigt und dabei bemerkt haben, dass sie aufgrund ihrer Konzeption größer wirkt als sie tatsächlich ist. Eine vorbildliche ehrenamtliche Denkmalvermittlung.

Das Aus- und Fortbildungszentrum, Block D, Doventorscontrescarpe 172, wurde von Architekten der Feldschnieders + Kister Part-GmbB saniert.

Das Aus- und Fortbildungszentrum, Block D, Doventorscontrescarpe 172, wurde von Architekten der Feldschnieders + Kister Part-GmbB saniert.

Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Architekturbüro BDA Feldschnieders + Kister Part-GmbB

Das Architekturbüro BDA Feldschnieders + Kister Part-GmbB habe sich vorbildlich auf die gegebene Situation eingelassen, urteilte die Jury und verlieh ihm den Preis für die Sanierung des Block D, Doventorscontrescarpe 172. Denkmalpflegerisch sei das Optimum für das Objekt erreicht worden. Trotz des knappen Budgets des Bauherrn (Immobilien Bremen) sei es dem Architekturbüro in beispielhafter Weise gelungen, mit individuellen Lösungen Nutzern und Bauwerk gerecht zu werden und mit der Sanierung auch noch ein überaus wirtschaftliches Ergebnis zu erzielen.

Das Aus- und Fortbildungszentrum, Doventorscontrescarpe 172, Block A-D, ist ein noch junges Denkmal, das 1954 erbaut wurde und authentisch erhalten ist. Block D, der lange Zeit leer stand, beherbergt heute das Amt für Versorgung und Inte­gration, das täglich auch von Menschen mit Behinderung aufgesucht wird. Das musste bei der Sanierung (energetische Ertüchtigung, Brandschutz) berücksichtigt werden, gleichzeitig galt es, wichtige Details wie die filigranen Sprossenfenster im Rundtreppenhaus, originale Bodenbeläge im vorderen Treppenhaus und die Wandmalereien zu erhalten. Ein neues thermisches Konzept für den Turm wurde ausgetüftelt, Fliesen schonend gereinigt und ein Farbkonzept gefunden.

Villa Wolde

Restaurator Roger Kossann unter einer Kassettendecke in der Villa Wolde am Osterdeich, deren Restaurierung in der Kategorie Handwerksbetriebe ausgezeichnet wurde.

Foto: Christina Kuhaupt

Restaurator Roger Kossann

Unsere Arbeit soll man im besten Fall gar nicht sehen, sagt Restaurator Roger Kossann – und dafür bekommt die Restaurierungswerkstatt Kossann & Melching den Denkmalpflegepreis in der Kategorie Handwerker. In der Villa Wolde, Osterdeich 64, die 1896 erbaut und 1998 unter Denkmalschutz gestellt wurde, haben die Restauratoren zwei Holzdecken aufgearbeitet. In einer war das Füllungsfurnier spröde geworden und hatte Blasen geworfen, in der anderen war ein Deckenteil abgesackt.

Dafür musste die Restaurierungswerkstatt Kossann & Melching bei den hochwertigen Kassettendecken genaue Schadensanalyse betreiben. Um die schadhaften Stellen zu erkennen und um auch die Konstruktion der Decken besser zu erforschen, wurde eine Zwischenöffnung vorgenommen. Durch die umfangreichen Untersuchungen erkannte der Restaurator, dass – im Vergleich zur Eichendecke – die komplexere Holzkassettendecke aus Nussbaum Mängel in der Statik aufwies und es etliche Furnierblasen gab. Die durch den Wasserschaden stark beschädigten ­Deckenteile wurden entfernt und der Rest restauratorisch aufgearbeitet und systematisch so ersetzt, dass die ergänzten Elemente nicht zu erkennen sind. Durch den Einsatz des richtigen Materials muss sich eine Restaurierung also nicht ablesen lassen. Eine kleine Maßnahme, die sehr anspruchsvoll gewesen und vorbildlich gelöst worden sei.

Kulturkirche St. Stephani

Kulturkirche St. Stephani

Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Architekturbüro Angelis + Partner und C. Ellenberger Bau GmbH

Eine komplexe Aufgabe mit einem komplizierten Schadensbild war die Sanierung des Südturms der Kulturkirche St. Stephani, für die die Jury gleich zwei Anerkennungen aussprach: Das Architekturbüro Angelis + Partner bekommt sie für den sehr sensiblen Umgang mit dem Bauwerk und herausragende Planungsleistungen. Die C. Ellenberger Bau GmbH wird für die anspruchsvollen Arbeiten gewürdigt. Beim großflächigen Steinaustausch sei man sehr sorgsam vorgegangen, um möglichst viel Originalsubstanz zu bewahren. Beide Firmen hatten 2016 bereits den Denkmalpflegepreis erhalten.

Decke im Ämternebengebäude der Bundespolizei am Handelsmuseum

Decke im Ämternebengebäude der Bundespolizei am Handelsmuseum

Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Restauratorin Laura Blumenberg

Die Restauratorin Laura Blumenberg erhält eine Anerkennung für die handwerklich hervorragend ausgeführte Rekonstruktion der aus Holz und Gips bestehenden Decken im Ämternebengebäude der Bundespolizei am Handelsmuseum. Während der Kernsanierung des Gebäudes tauchten unter drei abgehängten Decken drei originale Deckenbemalungen von 1844 auf, und es kamen Holz- und Gipselemente zum Vorschein. Der jungen Restauratorin Blumenberg sei es durch eine genaue Farbmischung und Nachzeichnung der Ornamente gelungen, detailgetreu die Fehlstellen wieder einzubinden.

Horner Mühle Flügelfest

Horner Mühle

Foto: Petra Stubbe

Bürgerverein Horn-Lehe

Die Jury ist beeindruckt von dem großen Engagement des Bürgervereins Horn-Lehe, der sich seit vielen Jahren für den Erhalt der Horner Mühle einsetzt. Ohne das große und lang anhaltende Engagement des Vereins wäre es nicht möglich, die Horner Mühle, das Wahrzeichen des Stadtteils, zu erhalten. Die Erneuerung der Antriebswelle, der Flügel und der Windrose überstiegen den Etat des Vereins. In einer erfolgreichen Spendensammelaktion gelang es den Mitgliedern, die benötigten 80.000 Euro zu generieren. Der Verein gab die Arbeiten in Auftrag und begleitete sie aktiv.

Altbremer Haus

Altbremer Haus

Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Alfred Schumm und Angelika Wunsch

Das Ehepaar Alfred Schumm und Angelika Wunsch hat bei der Fassadensanierung seines Altbremer Hauses, Keplerstraße 13, trotz begrenzter finanzieller Mittel keine Abstriche gemacht. Ein unter Asbestplatten verdeckter Fachwerk-Erker wurde behutsam saniert, das Ehepaar nahm in Eigenarbeit die alten elastischen Farbanstriche, die sogenannte Elefantenhaut, ab, die die Jugendstilelemente überdeckte. Zudem recherchierte es in Archiven nach der originalen Version des Wohnhauses. Die Fassade in den bauzeitlichen Zustand zurückzuführen, ist vorbildlich geglückt, lobt die Jury.

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