Bremer Frauen geben ihren Club auf

Die Gründerin ist unvergessen

Es hat fehlt nicht viel, und die 32 Jahre wären voll gewesen. Der einst von Erika Riemer-Noltenius gegründete Bremer Frauen Club (BFC) löst sich auf. Künftig kommen die Frauen in lockerer Runde zusammen.
23.03.2020, 09:20
Lesedauer: 4 Min
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Die Gründerin ist unvergessen
Von Justus Randt

„BFC Bremer Frauen Club e.V.“ – die silberfarbene Metalltafel mit dem Vereinslogo ist einfach nicht von der Wand zu kriegen. Gisela Schröder, die zweite Vorsitzende, gibt auf. Sie klappt die Aluminiumleiter zusammen und verfrachtet sie zurück in den ersten Stock, wo der Verein sein Domizil hat – noch. Zum Monatsende haben die Frauen ihren Treffpunkt an der Lüneburger Straße, Ecke Hamburger Straße gekündigt. „Im Mai hätte der Club 32 Jahre bestanden“, sagt Schröder. Sie war 50 Jahre alt, als die bekannte Bremerin Erika Riemer-Noltenius den Club gründete.

Die Nichte des früheren Bremer Bürgermeisters Jules Eberhard Noltenius war nicht nur Ideengeberin und Initiatorin, sondern auch wichtige Antriebskraft des Clubs. In den 1980er-Jahren wurde sie in den Vorstand des Bremer Frauenausschusses gewählt. „Andernorts als Landesfrauenrat bekannt“, erläutert das Digitale Deutsche Frauenarchiv. Später schob die promovierte Politologin den Beginenhof im Buntentor als Bremer Expo-2000-Projekt an. Wenige Monate vor ihrem Tod im Juni 2009 wurde sie zur “Bremer Frau des Jahres” gewählt.

Gegründet haben sie und andere den Bremer Frauen Club, um „durch die gemeinschaftlichen Aktivitäten und das Knüpfen neuer Kontakte mehr Freude und Farbe in unser Leben zu bringen“, wie im Vereinsflyer steht. Bis zuletzt gab es regelmäßig Vorträge, Diskussionen, Film-und Videovorführungen, Gesprächsrunden, Bilderausstellungen der Clubfrauen, Reiseberichte, Anfang März noch ein Urlaubsvideo von einer Kreuzfahrt. Dazu kamen Spielenachmittage, Feste, Besichtigungen und Ausflüge. Die Vorsitzende, Dorothee Kirschner, die mit ihren 80 Jahren regelmäßig aus Horn-Lehe in den Peterswerder kommt, findet es richtig, nun einen Schlussstrich zu ziehen, wie es die Hauptversammlung im Februar beschlossen hat: „Wir werden zu alt, und niemand findet sich als Nachfolgerin.“

Zuletzt habe der Verein 29 Mitglieder im Alter von 51 bis 89 Jahren, zu den besten Clubzeiten seien es um die 40 gewesen. „Erst richtete sich der Club an Frauen 50 plus, dann 60 plus, jetzt sind wir mindestens 65 plus.“ Wenn nach der Nebenkostenabrechnung für die Wohnung Geld übrig bleibe, “bekommt es der Weiße Ring“, sagt Kirschner. Das Domizil hat den Frauen am Ende viel Mühe gemacht. „Aber es war für viele wie ein zweites Zuhause.“ Schröder kann das nur unterstreichen. „Wir haben dem Club viel Freizeit geschenkt, aber wir haben das gerne für andere getan.“

Die eigenen Clubräume nach dem Vorbild englischer Herrenclubs hatte sich die Gründerin geräumig und repräsentativ vorgestellt. „Einmal haben wir eine zwei Millionen D-Mark teure Villa am Dobben besichtigt, ein anderes Mal eine in Schwachhausen“, erinnert sich Kirschner, die den Vorsitz 2010 übernahm. „Erika war so euphorisch, aber unsere Schatzmeisterin hat damals gesagt: Dafür haben wir sowieso kein Geld.“

Die Sparkasse hat den Bremer Frauen Club von Anfang an unterstützt. „Und der Senat hat uns gefördert. Erst hatten wir Räume an der Bahnhofstraße, das war natürlich toll, so zentral“, sagt Kirschner. Dann zog der Club um an seine jetzige Adresse. Solange das Gebäude der Sparkasse gehörte, zahlten die Frauen auch dort nur die Nebenkosten. Aber das ist seit einem Besitzerwechsel längst Vergangenheit.

Die Frauen haben sparsam gewirtschaftet: „Den Mitgliedsbeitrag für die Clubfreundinnen haben wir in all den Jahren nur einmal erhöht, von 13 auf 15 Euro im Monat.“ Die Vorsitzende weiß, dass das viel Geld sein kann. „Bekanntlich sind Frauen im Alter oft nicht so begütert“, ergänzt ihre Stellvertreterin. „Und wenn dann eine Literaturkreisstunde fünf Euro kostet...“ Geld spielt auch eine Rolle. Aber nicht nur. Der Vereinszweck, die Lebensqualität von Frauen zu erhöhen, ist mittlerweile auch Ziel anderer Institutionen. „Jede Kirchengemeinde bietet heute Frauen- und Seniorengruppen an“, sagt Schröder. “Und unsere Treppe ist wirklich ganz schön steil.”

Dieser Tage hat ein Team des Quartier-Service Ostertor die Drei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung geräumt. Während Roman Jan von Zmuda Trzebiatowski und sein Team zu guter Letzt eiserne Couchtische mit Glasplatten und die zwei nordseegrünen Sofas durchs Treppenhaus hinunter bugsieren, wird den beiden Vorsitzenden schließlich doch weh ums Herz. „Erika hat immer Haltung bewahrt und ihren Humor behalten, auch als sie am Ende so krank war“, sagt Schröder in Gedanken an die Clubgründerin. „Sie hatte so viel Power. Nur nicht aufgeben – das habe ich von ihr gelernt.“

Von Kapitulation kann keine Rede sein. „Wir machen privat weiter“, kündigt Kirschner an. „Wir treffen uns montagnachmittags im Bürgerhaus Weserterrassen, da haben wir einen Raum. 22 Frauen haben schon zugesagt zu kommen.“ Ein Verein sind sie dann zwar nicht mehr, aber weiterhin offen für alle Frauen.

Auch das Bremer-Frauen-Club-Schild ist inzwischen von der Fassade verschwunden. Das war schließlich doch ein Fall für den Hauswart. „Wegen der Spezialschrauben”, sagt Schröder. Die Metalltafel soll der Frauenkultur- und Bildungsverein Belladonna in sein Archiv übernehmen, das schon viel über die Gründerin Riemer-Noltenius zusammengetragen hat. Für Schröder ist das „eine Hommage an Erika“.

Info

Zur Person

Erika Riemer-Noltenius (1939-2009) wurde im März 2009, wenige Monate vor ihrem Tod, zur „Bremer Frau der Jahres“ gekürt. Als „Frau, die sich in besonderer Weise für die Gleichstellung der Frauen im Lande Bremen einsetzt und die Geschlechtergerechtigkeit voranbringt“, wurde sie damals gewürdigt. Die promovierte Politologin war unter anderem Referentin und Personalratsvorsitzende der Handelskammer – die erste Frau auf diesem Posten. Sie setzte sich dafür ein, dass Frauen bei gleicher Arbeit die gleiche Bezahlung wie Männer erhalten sollten, entwickelte später maßgeblich das Konzept der Virginia-Woolf-Frauenuniversität mit und gehörte zeitweilig zum Vorstand des Deutschen Akademikerinnenbundes. Mit der Gründung des Bremer Frauen Clubs (BFC) wollte die Bremerin auch Frauen gewinnen, „die bis dahin der Frauenbewegung fern gestanden hatten“. Als Erika Riemer-Noltenius' großes Verdienst gilt das von ihr initiierte Beginenhof-Projekt in der Bremer Neustadt. Mit dem gemäß der Agenda 21 als nachhaltig geltenden Wohnmodell für Frauen hat sich Bremen an der Expo 2000 beteiligt. Nachdem die einkalkulierte EU-Förderung des Projektes allerdings ausblieb und der Senat eine Landesbürgschaft ablehnte, ging das von den Vereinten Nationen ausgezeichnete Projekt in die Insolvenz. Erika Riemer-Noltenius haftete mit ihrem Privatvermögen.

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