Michaela Dinkel hat die Umwelt-Lernwerkstatt in Tenever mit aufgebaut / Engagement der 65-Jährigen im Quartier geht weiter Die gute Seele der ULE verabschiedet sich

Tenever. Mulmig ist ihr an ihrem letzten Tag zumute und sie ist den Tränen nahe. Elf Jahre liegt der erste Besuch von Michaela Dinkel in den Räumen der Umwelt-Lernwerkstatt zurück. Nackte Wände, kein Wasser, keine Möbel, die Liste mit dem, was fehlte, war endlos. Die heute 65-Jährige aus Tenever entmutigte das nicht. Sie packte an. Baute die ULE (Umwelt-Lernwerkstatt im Stiftungsweg 4, auf dem Gelände der Egestorff-Stiftung) mit auf.
04.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

Tenever. Mulmig ist ihr an ihrem letzten Tag zumute und sie ist den Tränen nahe. Elf Jahre liegt der erste Besuch von Michaela Dinkel in den Räumen der Umwelt-Lernwerkstatt zurück. Nackte Wände, kein Wasser, keine Möbel, die Liste mit dem, was fehlte, war endlos. Die heute 65-Jährige aus Tenever entmutigte das nicht. Sie packte an. Baute die ULE (Umwelt-Lernwerkstatt im Stiftungsweg 4, auf dem Gelände der Egestorff-Stiftung) mit auf.

Michaela Dinkel durchlitt alle Höhen und Tiefen mit der ULE, und das waren nicht wenige. Das Fortbestehen war ein ums andere Mal gefährdet. Ihre Mitarbeit auch. Sie wurde, den Widerständen zum Trotz, zur guten Seele des Hauses und blieb es. Alle, die zu ihrem Abschied das Wort ergreifen, sind sich darin einig. Und Michaela Dinkel? Sie würde lieber in ihrem winzigen Büro Verwaltungsaufgaben erledigen als im Mittelpunkt zu stehen. Bei all ihren Aufgaben hat sie immer die Position ganz vorne vermieden, heute geht es nicht anders. Sie wird gefeiert.

In Überlingen am Bodensee geboren, hat sie in Bonn als Verwaltungsfachkraft gearbeitet, bis sie 1978 nach Bremen zog. Vier Kinder bekam sie von ihrem Mann, die sie weitgehend alleine aufzog. Ihr Mann verstarb früh. Einer ihrer Söhne ist in Tenever geblieben, die anderen Kinder haben Bremen verlassen. Ihre beiden Enkel wohnen zwischen München und dem Bodensee, Besuche sind daher seltener. Aber sie ist immer eng mit ihrer Familie verbunden.

Michaela Dinkel ist seit langem im Stadtteil engagiert. Das begann mit der Gründung einer Arbeitslosengruppe vor vielen Jahren in der evangelischen Gemeinde, als sie selbst betroffen war. Daraus ist das Arbeitslosenzentrum Tenever entstanden. Den Umsonstladen hat sie ebenfalls mitgegründet, in dem sie ein Jahr lang ehrenamtlich tätig war. Seit einem Jahr engagiert sich die 65-Jährige im Bewohnertreff Schweizer Viertel. Der Mini-Job bleibt ihr zur Aufbesserung ihrer Rente erhalten.

Die umtriebige, sozial engagierte Michaela Dinkel ist die gute Seele der ULE geworden, weil sie sehr viele Leute im Stadtteil kennt und als Verwaltungsfachkraft genau weiß, was zu tun ist. Sie möchte die Lücke, die sie ohne Zweifel im Team hinterlassen wird, klein halten. Sie wird den Kollegen weiter mit ihrem Rat zur Seite stehen. Die Arbeit in der ULE wurde durch unterschiedliche Arbeitsamtsmaßnahmen ermöglicht.

Norbert Wirtz von der VHS Ost, die die ULE unterstützt, bedauert das Ausscheiden der engagierten Frau. Josef Wobbe-Kallus von der Geschäftsführung der Egestorff-Stiftung gesteht seinen Versuch, Michaela Dinkel abzuwerben, und Kollegen bedanken sich mit persönlichen Worten. Joyce Krijger von der Egestorff-Stiftung spielt mit der jüngsten Kraft der ULE einen Sketch, in dem sie gemeinsam herzhaft seufzen. Michaela Dinkel wird entsprechend ihrer Interessen mit Büchern und Porzellanhühnern beschenkt.

Mehrfach hat die Bremerin in Marokko Urlaub gemacht und dort Freundschaften geschlossen. Den Bezug habe sie vielleicht über das Lesen von Frauenbiografien aus dem arabischen Raum entwickelt, sagt sie. Die Freundschaften nach Nordafrika sind so gut, dass sie ernsthaft überlegt, nach Marokko zu ziehen. Der Entschluss ist aber noch nicht gefasst, erst einmal schaut sie nach Städtereisen mit der Bahncard. "Ich bin noch völlig gesund. Das liegt in meiner Familie. Ich habe gut Hoffnung, dass das so bleibt", sagt Michaela Dinkel, die ihre Heimstadt liebt. "Bremen ist eine Großstadt mit Kleinstadtcharakter. Ich brauche diese Stadt und Bremen ist gemütlich. Der Bodensee sollte in Bremen sein, dann wäre Bremen noch schöner", sagt sie schwärmerisch.

Ihr Gast mit der weitesten Anreise ist Professor Yoshihiko Nawata von der Hosei Universität Tokio. Er ist mit Quartiersmanager Joachim Barloschky gekommen und besucht Tenever regelmäßig, um die Entwicklung des Stadtteils mitzuerleben. Yoshihiko Nawata hat mehrere Bücher darüber geschrieben.

Michaela Dinkel ist außerdem politisch sehr interessiert. Sie hat zu den Wahlrechtsänderungen eine Informationsveranstaltung organisiert. "Damit man auch weiß, was anders ist. Darüber gibt es ja wenig Aufklärung", sagt sie.

Im Treffpunkt Schweizer Viertel, in der Zermatter Straße 5, wird am Donnerstag, 5. April, um 15.30 Uhr eine Informationsveranstaltung zum neuen Wahlrecht angeboten. Das Kontaktbüro der Bürgerschaft informiert. Die Veranstaltung organisiert hat Michaela Dinkel, im aktiven Ruhestand. Professor Yoshihiko Nawata spricht am Dienstag, 5. April, um 14 Uhr in der Arbeitnehmerkammer Bremen, Bürgerstraße 1, über "Das Konsens-Prinzip als Beteiligungsinstrument" im Rahmen der Veranstaltung "Gegen die soziale Spaltung der Stadt".

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