Bremer Rotlichtmeile

Die Helenenstraße heute und morgen

Bremen. Die Helenenstraße ist Bremens Rotlichtmeile mitten im Viertel. Seit über 130 Jahren gibt es dort käuflichen Sex. Doch wie sieht die Zukunft der Sackgasse aus? Gibt es Pläne zum Ausbau oder wird sie immer mehr zur Wohnstraße, gar abgeschafft.
17.11.2011, 18:43
Lesedauer: 3 Min
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Von Barbara Debinska

Bremen. Die Helenenstraße ist Bremens Rotlichtmeile mitten im Viertel. Seit über 130 Jahren gibt es hier käuflichen Sex. Doch wie sieht die Zukunft der Sackgasse aus? Gibt es Pläne zum Ausbau oder wird sie immer mehr zur Wohnstraße, wird sie gar abgeschafft?

1878 ist die Rotlichtmeile auf Initiative des Senats der Stadt eingerichtet worden, um Prostitution unter Kontrolle zu bringen. Fachleute aus aller Welt sind damals in die Hansestadt gekommen, um das "Bremer Modell" in Augenschein zu nehmen, mit dem man sogar auf internationalen Gesundheitsmessen und Weltausstellungen warb.

Im Zweiten Weltkrieg ist ein Großteil der Gebäude in der Helenenstraße zerstört worden. Zum Teil arbeiten die Frauen bis heute in den inzwischen ausgebauten Wintergärten der zerstörten Altbremerhäuser, weil ein Großteil der Gebäude nicht wieder aufgebaut wurde. Und bis heute sollen die Frauen selbstständig, also frei von Zuhältern, auf der Rotlichtmeile arbeiten.

Niedergang der "Helene"

Vor etwa zehn Jahren schien dem Gewerbe in der "Helene" der Niedergang zu drohen. Trümmergrundstücke, Leerstände, weniger Freier und damit entsprechend weniger Prostituierte. Zudem kamen immer mehr sogenannte Modellwohnungen in Mode, in denen die Frauen ihre Dienste viel diskreter anbieten können. Doch ist damit die Gefahr der Zuhälterei und des Menschenhandelsgestiegen, da solche Wohnungen es der Polizei erschweren, die Prostitution in der Stadt zu kontrollieren.

Mit den Osterweiterungen der EU in den Jahren 2004 und 2007 kamen viele ausländische Frauen in die Helenenstraße. Wo früher überwiegend Deutsche arbeiteten, präsentieren sich heute meistens Bulgarinnen und Rumäninnen aufreizend in den Fenstern.

Beate Augustin ist als Streetworkerin für den Verein Nitribitt in der Straße unterwegs, einer Selbsthilfeorganisation, die sich für Belange von Prostituierten in Bremen einsetzt. Sie weiß, dass an manchen Abenden über zwanzig Frauen in den kleinen Butzen und den beiden Laufhäusern arbeiten. Es scheint, als würden die osteuropäischen Prostituierten dem Niedergang der Rotlichtmeile entgegen wirken.

Wohnen auf der Rotlichtmeile

Andererseits gibt es bereits seit etwa vier Jahren ein ganzes Wohnhaus in der Helenenstraße, in dem normale Mieter wohnen- junge Mäner zwischen 20 und 30 Jahren, die meist in der Ausbildung sind. Der Eigentümer hat das Haus komplett saniert und bietet die Appartements zu relative günstigen Kaltmieten an.

Wie sieht die Zukunft der Helenenstraße aus? Werden die Prostituierten immer mehr in Modellwohnungen ziehen, werden im Zuge dessen die leeren Zimmer immer häufiger an Studenten oder Hartz IV-Bezieher vermietet? Finden sich anschließend Investoren, die gar neue Häuser in der Straße bauen?

Der Bremer Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) wollte sich auf dem Fachtag "Zwischen den Welten - Sexarbeit, Zwangsarbeit und Menschenhandel" Anfang November in Bremen zur Zukunft der Helenenstraße nicht äußern. Mäurer verwies auf den Beirat Östliche Vorstadt und sprach von schwierigen, weil undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen.

Beiratssprecher Peter Rüdel sagt auf Nachfrage von WESER-KURIER Online, dass die Helenenstraße als Rotlichtmeile im Viertel erhalten bleiben sollte, aber nur unter der Bedingung, dass es dort keine Zuhälterei und keinen Menschenhandel gibt. Klar könne man auch die Sichtschutzwände niederreißen, was vor einigen Jahren zur Diskussion stand, und darauf warten, dass das Rotlicht irgendwann ausgeht, weil Freiern die nötige Diskretion fehlt. Aber damit würde man die Frauen nur in Privatwohnungen oder auf den Straßenstrich verdrängen, wo sie der Kriminalität wahrscheinlich mehr ausgeliefert sein würden. Laut Rüdel kann das Rotlichtmilieu im Steintor bleiben. Und solange es ein lukratives Geschäft für die Hauseigentümer bleibt, werde sich auch nichts in der Straße ändern, sagt der Beiratssprecher.

Standort für Einzelhandel und Parkplätze

Sollte die Rotlichtmeile irgendwann doch aus dem Viertel verschwinden, könnte Rüdel sich dort städtebaulich ein ruhiges Wohngebiet vorstellen. Auch Anne-Chatherine Caesar vom Viertelmanagement erzählt WESER-KURIER Online, wie sie sich eine alternative Nutzung der Sackgasse vorstellt: Im Hinblick auf den Platzmangel und die Kleinteiligkeit im Viertel, sei die Helenenstraße ein recht großes Grundstück, wo man Parkplätze schaffen und Einzelhandel ansiedeln könnte - vorausgesetzt, es fänden sich entsprechende Investoren. Da es im Steintor bereits viele Lebensmittelgeschäfte und Kioske gibt, wäre das ein guter Standort für größere Bekleidungsgeschäfte, die sonst wegbleiben, da die Ladenflächen im Viertel im Durchschnitt eher klein sind.

Aber die "Helene" ist immer noch im Viertel, schon seit über 130 Jahren. Und Anne-Chatherine Caesar meint, dass die die Prostituiertenstraße ein Teil des Viertels sei. "Im Viertel haben wir alles, sogar eine Rotlichtmeile", sagt sie.

Und es scheint, als ob es vorerst so bleiben wird. Denn laut einer Sprecherin der Bremer Baubehörde gebe es zurzeit keine Pläne für eine Veränderung der Helenenstraße.

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