Verhaltensauffällige Kinder in Schulen

Die Integration der Schwierigen

Ulrike Becker gilt als Expertin für Integration an Schulen und hat ein Konzept entwickelt, das in 16 Schulen in Hamburg und mehreren Schulen in Berlin umgesetzt wird. Jetzt hat sie es in Bremen vorgestellt.
05.11.2016, 00:00
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Die Integration der Schwierigen
Von Sara Sundermann
Die Integration der Schwierigen

Wichtig ist, dass alle zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen, sagt die Sonderpädagogin und Berliner Schulleiterin Ulrike Becker.

Frank Thomas Koch

Ulrike Becker gilt als Expertin für Integration an Schulen und hat ein Konzept entwickelt, das in 16 Schulen in Hamburg und mehreren Schulen in Berlin umgesetzt wird. Jetzt hat sie es in Bremen vorgestellt.

Sie werfen mit Stühlen, sie beißen, treten oder terrorisieren Mitschüler. Einzelne kommen sogar mit Waffen in den Unterricht oder attackieren ihre Lehrer körperlich. Andere schreien und sind überhaupt nicht mehr ansprechbar. Manche Schüler sprengen den Rahmen eines normalen Unterrichts. Wenn eine Schule vieles versucht hat und nichts davon hilft, dann kommen Schüler, die extreme Verhaltensauffälligkeiten an den Tag legen, auf eine Sonderschule.

Das ist auch in Bremen so, wo die Inklusion besonders weitgehend eingeführt wurde, und wo alle Kinder mit ihren Stärken und Schwächen gemeinsam auf eine Schule gehen sollen. Die Schule, die solche Kinder „mit sozialem und emotionalem Förderbedarf“, wie es offiziell heißt, besuchen, ist das Förderzentrum an der Fritz-Gansberg-Straße in Schwachhausen.

Auch wenn einige Lehrer und Eltern sich das kaum vorstellen können: „Es ist möglich, diese Schüler an einer normalen Schule zu unterrichten“, sagt Ulrike Becker. Die Sonderpädagogin gilt als Expertin für Integration an Schulen und hat ein Konzept entwickelt, das in 16 Schulen in Hamburg und mehreren Schulen in Berlin umgesetzt wird.

Becker lehrt an der Universität Potsdam und ist Schulleiterin der Refik-Veseli-Schule im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Diese Schule mit einem besonders hohen Anteil von Einwandererkindern machte vor einigen Jahren Schlagzeilen. Zeitweilig kamen 99 Prozent aller Schüler aus türkischen oder arabischen Familien, es gab mehrere Gewalttaten, in die Jugendliche dieser Schule verwickelt waren. Zuvor hatte Becker fünf Jahre lang eine Sonderschule geleitet. Man kann also sagen: Diese Frau weiß, wovon sie spricht.

Expertin stellt Konzept in Bremen vor

Nun war sie am Freitag zu Gast in Bremen und hat ihr Konzept im Haus der Bürgerschaft bei einer Anhörung der grünen Bürgerschaftsfraktion vorgestellt. Im Anschluss an die Anhörung wollen die Grünen eine Position dazu formulieren, wie verhaltensauffällige Kinder in Bremen ihrer Meinung nach künftig unterrichtet werden sollen. Nicht nur die Grünen, alle Parteien werden sich dazu eine Meinung bilden. Denn vor 2018 soll entschieden werden, ob die Fritz-Gansberg-Schule aufgelöst werden soll, ihr Fortbestand wurde 2014 im Gesetz zunächst für vier weitere Jahre verankert.

Doch was schlägt die Sonderpädagogin Ulrike Becker vor? Zunächst macht sie klar: „Kinder mit starken Verhaltensauffälligkeiten stellen die größte Herausforderung für die Schulen dar.“ Oft reicht ein Schüler pro Klasse, um den Unterricht zum Erliegen zu bringen. Und die Zahl der Auffälligen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, zuletzt wurde fast einem Prozent aller Schüler in Deutschland sozialer und emotionaler Förderbedarf bescheinigt.

Beckers Konzept nennt sich „Projekt Übergangsklasse“. Es sieht vor, dass die verhaltensauffälligen Jugendlichen eine normale Schule besuchen, aber für zwei Stunden pro Tag aus der Klasse herausgenommen werden und dann in einer Kleingruppe mit vier Schülern lernen. Diese Gruppe ist die sogenannte Übergangsklasse, die von einem Sonderpädagogen in einem speziell mit vier Schülerbüros ausgestatteten Raum begleitet wird. „Kinder mit schweren Verhaltensauffälligkeiten brauchen die Vorbilder der normalen Kinder, aber sie brauchen auch die Kleingruppe, um sich konzentrieren zu können“, sagt Becker.

Helfersystem soll Lehrer unterstützen

Zentral seien regelmäßige Gespräche zwischen Lehrern, Eltern und Mitarbeitern der Jugendhilfe. „Der intensive Austausch zwischen Lehrern und Eltern ist das wirksamste Instrument“, betont die Sonderpädagogin. Deshalb sieht ihr Modell regelmäßige Fallbesprechungen von Lehrern und Jugendhilfe-Mitarbeitern vor, sowie mindestens alle zwei Wochen Gespräche von Eltern und Förderlehrern. Die Schüler spielten oft verschiedene Helfer gegeneinander aus, sagt Becker.

Zum Beispiel: Ein Schüler erzählt dem Lehrer, seinem Vater sei die Schule nicht wichtig – die Moschee sei wichtig. Der Lehrer hat eigene Vorurteile, glaubt das und fragt nicht beim Vater nach. Dem Vater erzählt der Schüler, sein Lehrer diskriminiere ihn wegen seiner Herkunft. Der Vater glaubt das. Erst beim direkten Gespräch zwischen Lehrer und Eltern bricht der Vater in Lachen aus, als er hört, ihm sei nur die Moschee wichtig – das stimme nicht, die Schule sei ihm sehr wichtig.

Noch etwas betont Becker: „Verhaltensstörungen reduzieren sich, wenn sich die Ängste bei allen Beteiligten reduzieren.“ Ein Lehrer, der sich mit einem schwierigen Schüler allein gelassen fühle, gehe mit Angst zur Arbeit – vor allem, wenn es schon mehrfach Gewaltausbrüche gab. Deshalb sei ein Helfersystem zur Unterstützung der Lehrer zentral. Auch die Schüler würden Ängste der Lehrer spüren und darauf reagieren.

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