Aus Liebe zur Freiheit DAAD-Auszeichnung für Iranerin von der Uni Bremen

Sanaz Afzali kam 2018 aus Iran nach Bremen, jetzt erhielt sie den DAAD-Preis der deutschen Universitäten für ihre besonderen Leistungen. Es war der Wunsch nach Freiheit, der sie nach Deutschland brachte.
05.01.2021, 05:00
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DAAD-Auszeichnung für Iranerin von der Uni Bremen
Von Patricia Friedek

Wo und wann das Leben von Sanaz Sadat Afzali eine Wendung genommen hat, weiß sie selbst nicht so genau. Vielleicht an dem Punkt, an dem sie sich entschied, ihr Heimatland Iran zu verlassen, um in Deutschland ein freieres Leben zu führen. Oder als sie das erste Mal mit neun Jahren an einem Piano saß und lernte zu singen und zu komponieren. Es kann aber auch ein Moment im Mathematik- oder Computerunterricht in der Schule gewesen sein, in dem sie merkte, wie viel Spaß ihr diese Fächer bereiten.

Jetzt spricht man an der Universität Bremen von Afzali als „Vorbild für Frauen in der Wissenschaft“, von einer „Bereicherung für unsere Universität, unsere Stadt und unser Land“, wie es die Konrektorin für Internationalität und Diversität ausdrückte. Afzali hat den DAAD-Preis für hervorragende Leistungen internationaler Studierender verliehen bekommen – ein Preis, der einmal im Jahr an den deutschen Hochschulen vergeben wird.

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Der Grund: Sie erbrachte überdurchschnittlich gute Leistungen im Studium, zusätzlich gibt sie ihr Wissen an andere weiter, indem sie Nachhilfeunterricht in Musik oder Mathematik gibt. Außerdem singt sie im Unichor und spielt dort im Orchester; komponiert eigene Stücke, die meist auf persisch sind – eine Sprache, die sie neben kurdisch und englisch beherrscht. Noch ist sie dabei, besser deutsch zu lernen.

Die Familie blieb zurück

„Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich gefragt, ob ich hier wirklich das machen kann, was ich tun will, ob ich meinen Weg finden kann“, sagt Afzali, die 2018 in Bremen einen Master in Communication and Information Technology antrat. Wenn man die 27-Jährige fragt, warum sie sich entschied, nach Deutschland einzuwandern, antwortet sie: „Ich habe mich entschieden, den Iran zu verlassen.“ Sie habe viele Möglichkeiten gehabt, über die USA oder Kanada nachgedacht. Es waren die Gesetze und die Eintrittsbedingungen, die sie dagegen entscheiden ließen. Sie habe nach einem Land mit Vorschriften gesucht, die sie unterstützen kann. Zudem lebt Afzalis Bruder in Hannover, was ein Argument für sie war, nach Deutschland zu gehen.

Trotzdem bewarb sie sich an Universitäten mehrerer europäischer Länder, um sicherzugehen, dass sie auswandern kann. So sehr wollte sie weg. Und das, obwohl sie wusste, dass sie ihre Familie, ihre Freunde und ihren Freund im Iran zurücklassen wird. „Meine Familie hat meine Entscheidung sofort unterstützt und gesagt: Wenn du kannst, dann geh. Selbst als ich Zweifel hatte, ob ich meine Heimat vermissen würde, haben sie mich überzeugt“, erzählt die Studentin. Auch finanziell unterstützte ihr Vater sie bei ihren Plänen. Jetzt lebt sie im Studentenwohnheim und arbeitet als studentische Hilfskraft am Bremer Institut für Produktion und Logistik an der Universität, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

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Afzali sagt, es gibt viele Dinge, die sie liebt. Mathematik, das Programmieren, die Musik. Vor allem aber liebt sie die Freiheit. Sie möchte sich möglichst viele Optionen offen halten, das sei schon lange so gewesen. „Im Iran wollte ich Musik machen, aber ich durfte sie nicht so machen, wie ich wollte.“ Es sei zum Beispiel nicht erlaubt, als weibliche Solistin in der Öffentlichkeit zu singen. Deutschland gebe ihr die Möglichkeit, endlich die zahlreichen Dinge zu tun, die sie wirklich machen will.

Kein Mensch der großen Pläne

Sanaz Afzali ist kein Mensch der großen Pläne. „In meinem Leben passieren die Dinge einfach“, sagt sie. Einmal war sie an der Uni auf dem Weg zu ihrem Deutschkurs und sah eine Tür offen stehen, zu einem Raum, der wie ein Studio aussah. Sie klopfte aus Neugier an – es war ein Filmseminar, für das man zufällig jemanden suchte, der die Lieder für einen Film komponieren sollte. Wenig Zeit später hat Afzali die Stücke für die Filme aus dem Seminar geschrieben.

Doch auch schon bevor die 27-jährige nach Deutschland kam, war sie so etwas wie ein Tausendsassa. Im Iran absolvierte Afzali zwei Bachelor-Abschlüsse in Elektro- und Computertechnik und leitete das Musikzentrum der Universität. Am liebsten hätte sie Mathematik studiert, sagt sie, aber im Iran seien Studiengänge unterschiedlich viel wert. Mit einem Computertechnik-Studium könne man später mehr verdienen als mit einem Mathe-Studium. Außerdem habe sie sich schon früh für das Programmieren begeistert.

Iranische Community hilft

Es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen, wie ihr Leben im Iran war, denn sie fühle sich immer noch, als würden ihre Worte zensiert werden. Vieles möchte Afzali dennoch nicht sagen, zu groß ist die Angst, dass sie nicht mehr in ihr Heimatland einreisen darf. Häufig seien die Menschen zwiegespalten, was ihre Einstellung und ihr Verhalten im Land angehe. „Meine Oma hat immer gesagt, ich soll nicht singen, weil ein Nachbar das hören könnte. Aber immer wenn ich etwas durch das Singen erreiche, ist sie stolz.“ Das beschreibe die Mentalität vieler Menschen im Iran ziemlich gut.

Es war nicht leicht für Sanaz Afzali, hier Freunde zu finden. Mittlerweile habe sie ein paar, „die kann ich aber an einer Hand abzählen". Auf der einen Seite habe sie selbst Angst, etwas falsch zu machen. „Ich kenne manche Etiketten nicht. Ich musste erst lernen, dass man hier seine Freunde zur Begrüßung umarmt, statt ihnen die Hand zu geben“, sagt sie. Auf der anderen Seite hätten viele Deutsche Angst, ihr zu nahe zu treten oder etwas zu sagen, was sie als beleidigend empfindet. Unterstützung bei alltäglichen Hürden hat sie vor allem in der iranischen Community in Deutschland gefunden, die über eine Gruppe in der Nachrichtenapp Telegram kommuniziert.

Wenn es nach Sanaz Afzali ginge, würde sie gerne in Deutschland bleiben und hier einen Job als Programmiererin annehmen. Der DAAD-Preis ist für Afzali vor allem eine Motivation und ein Beweis dafür, dass sie vieles richtig gemacht hat. Er ist mit 1000 Euro dotiert; was sie mit dem Geld machen möchte, weiß sie noch nicht. Sie sagt: „Der Preis zeigt mir, dass ich erreichen kann, was ich will. Er gibt mir Hoffnung für all meine Träume, die ich noch habe.“

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