SPD-Regionalkonferenz in Bremen

Die Karawane der Kandidaten

Am Sonntagnachmittag ging die Vorstellungstour der Kandidaten für den SPD-Vorsitz im Bürgerzentrum Neue Vahr über die Bühne. Es war die mittlerweile 4. Regionalkonferenz.
08.09.2019, 08:46
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Die Karawane der Kandidaten
Von Jürgen Hinrichs
Die Karawane der Kandidaten

Auf der vierten SPD-Regionalkonferenz in Bremen haben sich am Nachmittag die sieben Duos und ein Einzelbewerber um den Parteivorsitz vorgestellt.

Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Gleich zu Beginn eine Punktlandung, und das muss man erst einmal hinkriegen, auf die Sekunde genau, whow! Gesine Schwan und Ralf Stegner haben sich offenbar eichen lassen, so präzise wie die beiden ticken. Fünf Minuten, mehr sind es nicht für das Kandidatenpaar, um sich vorzustellen und eine gute Figur zu machen. Die elektronische Uhr neben der Bühne misst die Zeit, und wehe, sie wird überschritten. Fünf Minuten, Schwan und Stegner schaffen das, auf den Punkt. Das Publikum staunt, kräftiger Applaus, der Auftritt: gelungen.

Am Sonntag hat der Tross von Bewerbern um den Bundesvorsitz der SPD Bremen erreicht. Siebenmal ein Duo von Mann und Frau und mit Karl-Heinz Brunner ein Einzelbewerber, der wegen Krankheit allerdings passen muss. Bremen ist die vierte von insgesamt 23 Stationen beim Kandidatencasting. Vorher waren Saarbrücken, Hannover und Bernburg in Sachsen-Anhalt dran. Ein bisschen üben konnten sie also schon, auch wenn jede der Regionalkonferenzen ihre eigene Prägung hat, in Bremen zum Beispiel dadurch, dass der Landesverband eher im linken Spektrum der Partei zu finden ist.

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Der Saal im Bürgerzentrum Neue Vahr ist proppenvoll, ganz hinten müssen die Leute stehen. 400 Anmeldungen hat es gegeben. Es ist warm, viele fächern sich Luft zu und benutzen den Flyer, der verteilt wurde. Die SPD listet die Kandidaten auf und schreibt kurz, wofür sie inhaltlich stehen. Ein Bewerberpaar, Simone Lange und Alexander Ahrens, beide Oberbürgermeister, ist schon nicht mehr dabei.

Beim Einzug der Matadore wird nur zaghaft geklatscht. Vielleicht ist das Skepsis – das Format der Veranstaltung ist umstritten, auch in der SPD. Viel zu viele, viel zu lange, wird kritisiert. Genauso kann es aber auch einfach norddeutsche Zurückhaltung sein: Erst mal sehen, was die liefern.

Gesine Schwan verlangt von ihrer Partei nichts weniger als eine geistige Erneuerung: "Der Geist", sagt sie, "macht lebendig." Die SPD habe den Ruf, grau und bürokratisch zu sein, beklagt die Professorin. So schlimm sei es zwar nicht, "wir müssen aber mehr diskutieren".

"Die Leute sollen wissen, was wir wollen"

Ins Gespräch kommen, erst einmal miteinander, in der Partei, dafür sind die Regionalkonferenzen gedacht. Den Geist, von dem Schwan spricht, dann aber vor allem nach außen tragen, zu den Menschen. Ein Credo, das Ralf Stegner am klarsten buchstabiert: "Schluss mit der Plastiksprache, mit dem Technokratendeutsch. Die Leute sollen wissen, was wir wollen."

Schwan, 76, und Stegner, 59, bringen von allen Bewerbern die meisten Jahre auf die Waage. Die jüngsten sind Christina Kampmann und Michael Roth. Sie sprechen das an, spielen die Karte aus, und setzen mit ihrer Kleidung noch eins drauf. Beide tragen blaue Kapuzenpullover, sogenannte Hoodies. Eine Abgeordnete, 39, und ein Staatsminister, 49, die frisch wirken wollen. "Wenn ihr uns wählt, geht ihr ein Wagnis ein", sagt Roth, "wir stehen für Aufbruch." Eine seine Forderungen: "Schaffen wir das Ehegattensplitting ab und ersetzen es durch ein Familiensplitting." Die Leute finden das gut, es gibt Beifall.

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Das Setting, wie man beim Casting sagt, ist folgendermaßen: Fünf Minuten Vorstellung, danach ruft die Moderatorin ausgesuchte politische Themen auf, zu denen die Kandidaten Stellung nehmen, schließlich die Fragen aus dem Publikum. Sascha Aulepp hatte Zweifel, ob das funktioniert. Jetzt nicht mehr, jetzt ist sie begeistert. "Ich habe die ersten drei Konferenzen verfolgt und war froh, wie lebendig das war, die vielen Fragen und Antworten", sagt die Bremer SPD-Chefin. Aulepp spricht zur Begrüßung, neben ihr Lars Klingbeil, Generalsekretär der SPD: "Ich bin froh, wie es bisher gelaufen ist", wendet sich Klingbeil ans Publikum, "wir brechen mit den Ritualen und stellen euch in den Mittelpunkt."

In der ersten Reihe sitzt Andreas Bovenschulte, der neue Bremer Bürgermeister. Gleich dahinter sein Vorgänger Carsten Sieling. Auch ein Grüner ist gekommen, Hermann Kuhn, Vorsitzender seiner Partei in Bremen: "Sonst kennt man in der Koalition immer nur die Papierlage, hier will ich in die Seele der SPD blicken."

Rot-Grün-Rot ist kein Schreckensgespenst mehr

Seit August regiert im kleinsten Bundesland Rot-Grün-Rot. Eine Konstellation, die kein Schreckgespenst mehr ist. Schon gar nicht für die Kandidaten auf dem Podium, sie blinken an diesem Tag eindeutig links, der eine mehr, der andere weniger: Umverteilung von reich zu arm, Lohngerechtigkeit, eine höhere Staatsquote, solche Themen. Sowieso und immer ist auch der Kampf gegen die AfD dabei. Und gegen den Klimawandel. Das sind ja wir, wird sich Grünen-Chef Kuhn denken, das sind unsere Inhalte.

Olaf Scholz ist Bundesfinanzminister und Vizekanzler in der Großen Koalition mit der CDU. Auch er bewirbt sich für den Vorsitz seiner Partei. Scholz tut das im Gespann mit Klara Geywitz, die 15 Jahre lang als SPD-Abgeordnete im Brandenburger Landtag saß. Es wird sehr ruhig im Saal, als der Minister das Mikrofon in die Hand nimmt. Scholz ist qua seiner Ämter ein politisches Schwergewicht, an ihm muss man erst einmal vorbeikommen. Er steckt aber auch in der Zwickmühle. Die Stimmung in seiner Partei, zumal in Bremen, ist nicht so, dass der Regierung in Berlin noch viel Kredit eingeräumt wird.

Soll die SPD trotz der desaströsen Umfrageergebnisse weitermachen? Scholz sagt nichts dazu. Er beschränkt sich mit seinen Worten auf die Inhalte, den Wert des Sozialstaats, den Wert der Arbeit, den Wert Europas. Mit Geywitz hat er jemanden aus dem Osten an seiner Seite, die sich für Frauenrechte stark macht und in Quoten das probate Mittel sieht.

Der Nachmittag bietet ein politisches Potpourri, nichts wird ausgelassen, alles aber auch nur angerissen. Es gibt Kandidaten, die trotz der Mühen der Moderatorin, für Gerechtigkeit zu sorgen, ein wenig zu kurz kommen. Andere können sich dagegen profilieren. "Dass die Reichen immer reicher werden, die Armen sich nichts aufbauen können und später mit schmaler Rente dastehen, das wissen wir alles", wettert Karl Lauterbach, "wir wissen aber auch, dass wir in der Großen Koalition gegen diese Entwicklung nicht ankommen." Laute Zustimmung. Lauterbach, der an diesem Tag ausnahmsweise mal keine Fliege trägt, geht mit einem V-Zeichen von der Bühne.

Einer auf dem Podium, der den Schneid hat, sich mit den Bremern anzulegen. Aus dem Publikum kommt die Frage, wie die Kandidaten es mit den Polizeikosten bei Hochsicherheitsspielen der Fußball-Bundesliga halten. Bremen will sie bekanntlich auf die Vereine umlegen. Boris Pistorius nicht. "Da bin ich ausnahmsweise mal anderer Meinung als ihr Innensenator", antwortet Niedersachsens Innenminister und erntet Unmut. Es sei nun mal Aufgabe des Staates, im öffentlichen Raum für Sicherheit zu sorgen, so Pistorius. Die Fußballvereine dürften nicht zur Melkkuh der Nation werden. "Und an wen werden die Rechnungen denn weitergereicht? In Bremen an Werder, bezahlen müssen dann die Fans, weil der Eintritt erhöht wird.

Pistorius, der mit Petra Köpping aus Sachsen antritt, werden von den Auguren neben Scholz die meisten Chancen eingeräumt, wenn rund 430 000 Mitglieder der SPD über den Bundesvorsitz abstimmen und ein Parteitag im Dezember den Beschluss fasst. Drei Monate also noch, bis endgültig feststeht, wer Deutschlands älteste Partei in die Zukunft führt. Sechs Wochen sind die Bewerber auf Tour, die nächste Station ist Friedberg in Hessen. In Bremen ist die Karawane der Kandidaten mit Applaus verabschiedet worden.

+++Dieser Text wurde um 21.58 Uhr aktualisiert+++

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