Lebensqualität im Bremer Viertel „Die kreativen Pioniere sind vertrieben“

Christian Spatscheck von der Hochschule Bremen über den Mythos Viertel, seine elitären Einwohner und warum Fußgänger und Radfahrer für die Lebensqualität in einem Stadtteil eine Rolle spielen.
02.11.2018, 18:50
Lesedauer: 4 Min
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Von Christiane Mester
Sie haben gemeinsam mit Studierenden der Hochschule Bremen die Lebensqualität im Bremer Viertel und in der Überseestadt untersucht. Welche Erkenntnis hat Sie dabei überrascht?

Christian Spatscheck: Das Bremer Viertel haben wir als klassisches Beispiel für einen anthropologischen Ort nach Marc Augé ausgewählt. Es ist ein gewachsener Stadtteil mit einer Geschichte, einem Mythos und einer hohen Bewohnerdichte. Im Vergleich dazu ist die Überseestadt als Neubau-Stadtteil ein sogenannter Nicht-Ort, der künstlich geschaffen wurde. Letztlich überrascht hat uns aber, wie viel dort schon da ist und dass einiges im Werden ist. Manche Befragten sagten, ‚es gefällt mir, dass es hier viel Platz gibt‘. Oder: ‚Ich mag die Luft und die Freiheit hier‘. Solche Stimmen hätten wir vorher nicht erwartet.

Auf einer Skala von eins bis zehn – wie schneiden die beiden Stadtteile ab?

Einen Score haben wir nicht ermittelt, da wir qualitativ gearbeitet haben. Unser Forschungsinteresse war die Aufenthalts- und Lebensqualität für junge Menschen und Familien in den beiden Stadtteilen. Diesbezüglich können wir sagen, dass das Viertel deutlich besser abschneidet. In der Überseestadt fehlt es vor allem an Nachbarschaft, an Treffpunkten im öffentlichen Raum und an gewachsenen Strukturen. Auch bewegen sich die meisten Leute dort mit dem Auto fort. Demgegenüber ist im Viertel der Fahrrad- und Fußgängeranteil sehr viel höher.

Welchen Unterschied macht das?

Wenn ich laufe oder mit dem Rad unterwegs bin, bekomme ich mehr mit von meiner Umgebung und bin in Verbindung mit den anderen Menschen um mich herum. Mit dem Auto fahre ich meist nur durch. Ich verweile nicht – aber genau das wäre ein Hinweis auf eine gewisse Aufenthaltsqualität an einem Ort. In der Überseestadt wird schon versucht, ein Angebot dafür zu schaffen, indem kleine Parks angelegt oder Sitzbänke aufgestellt werden. Da saß dann aber meist niemand. Das sind jedenfalls die Erkenntnisse unserer Beobachtungen und Befragungen vor Ort.

Sind die Ergebnisse der Lebensqualität-Studie repräsentativ?

Die Studie war ein Lehrforschungsprojekt im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit. Das bedeutet zum einen, dass aufgrund der begrenzten Kapazitäten, die Zahl der Befragten eher gering war. Zum anderen haben wir uns nicht vorgenommen, die beiden Stadtteile soziologisch erschöpfend zu beschreiben. Das Forschungsprojekt sollte den Studierenden eine Methode an die Hand geben, um evidenzbasierte Konzepte für die Soziale Arbeit im öffentlichen Raum zu entwickeln. Etwa, wenn es in der Jugend- oder Schulsozialarbeit darum geht, eine bestimmte Einrichtung zum Stadtteil hin zu öffnen. Um die Frage abschließend zu beantworten: Soziologisch betrachtet, sind die Ergebnisse nicht generalisierbar. Da würde man sagen, wir haben eine erste Pilotstudie gemacht und nun müssen wir die Stichprobe vergrößern und mehr Menschen befragen.

Sie haben die Stadtteile gegenübergestellt, haben Sie auch Gemeinsamkeiten entdeckt?

Ja, eine Gemeinsamkeit gibt es. Wir haben Informationen und Statistiken über beide Quartiere gesammelt und bei der Auswertung festgestellt, dass dort zu wohnen eher etwas für wohlhabende Leute ist. Die Preise sind sehr hoch. In der Überseestadt ist das bedingt durch die vielen Neubauten. Eine Chance auf soziale Durchmischung bieten einige erschwingliche Gewoba-Wohnungen. Der Anteil ist jedoch relativ gering. Das Bremer Viertel ist ja mittlerweile vor allem beim alternativen Bildungsbürgertum beliebt und das hat dort zu einer erheblichen Kostensteigerung geführt. Wer ein geringes Einkommen hat, kann es sich dort kaum noch leisten zu wohnen. Abgesehen von denen, die noch einen alten Mietvertrag haben.

Über Ihr Forschungsprojekt hinaus gedacht: Was bedeutet das für das Leben dort?

Das Bremer Viertel ist auf eine gewisse Weise elitär und nicht so divers oder offen wie es scheinen mag. Zum Ausgehen und Arbeiten ja, aber zum Leben und Wohnen ist es dann doch sehr selektiv. Bestimmte gesellschaftliche Gruppen sind in der Nachbarschaft kaum repräsentiert. Der Stadtteil ist gentrifiziert – Studierende wohnen zum Beispiel vermehrt in der Neustadt, in Walle oder im Umland bei ihren Eltern und pendeln ein. Orte an denen man selbst etwas entwickeln kann, schwinden. Zurück bleibt dann eine eher saturierte Mittelschicht, die Gefahr läuft, ihrer Jugend hinterher zu träumen. Denn was sie früher mal toll fanden, hat da eigentlich gar keinen Platz mehr, die kreativen Pioniere sind vertrieben. Und das ist dann eigentlich schon der Endpunkt. Die Bewohner sind nicht mehr die Studenten von damals, sondern ältere Akademiker. Das Viertel lebt schon eine ganze Weile vom Spirit vergangener Zeiten und schafft es irgendwie, seinen Mythos der 70er-Jahre aufrechtzuerhalten. Ohne Verjüngung würde das aber nicht weiter funktionieren.

Neue Hotspots müssen alte nicht unbedingt ersetzen. Lässt sich ein solcher Prozess aufhalten oder gar umkehren?

Es ist schwierig. Ein Wohnungsmarkt, der von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, läuft fast zwangsläufig auf diesen Verdrängungsprozess hinaus. Es muss wohnungspolitisch angepackt werden. Grundsätzlich funktioniert das mit der massiven Förderung von sozialem Wohnungsbau und genossenschaftlichen Initiativen, die nicht gewinnorientiert ausgerichtet sind, sowie einer Liegenschaftspolitik, die nicht ausschließlich das Ziel verfolgt, öffentlichen Grund zu Höchstpreisen zu verkaufen. Es wäre insgesamt neu zu überlegen, nach welchen Kriterien Wohnungen und Grundstücke überhaupt erworben werden können, etwa auch über Erbpacht. Bei der Entwicklung der Überseestadt war die Gelegenheit günstig, aber diese Chance hat man verpasst.

Das Gespräch führte Christiane Mester.

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Zur Person

Christian Spatscheck, Professor an der Hochschule Bremen, lehrt an der Fakultät Gesellschaftswissenschaften Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit. Er forscht zu sozialraumbezogenen Zugängen zur Stadtentwicklung.

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