Eine isländische Künstlerin und ein bosnischer Bildhauer zeigen ihre Werke im Brunnenhof des St.-Joseph-Stifts Die Kunst des Vogelflugs

Die Künstlerin Jónína Mjöll Thormodsdottir und der Bildhauer Mirsad Herenda beziehen sich in ihren Werken stark auf die eigenen Lebensumstände - mit einem überraschenden Ergebnis: Beide sind beim Thema Vogelflug gelandet. Eine Ausstellung im St.-Joseph-Stift zeigt bis zum 12. Januar Exponate der beiden Künstler.
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Von Sandy Bradtke

Die Künstlerin Jónína Mjöll Thormodsdottir und der Bildhauer Mirsad Herenda beziehen sich in ihren Werken stark auf die eigenen Lebensumstände - mit einem überraschenden Ergebnis: Beide sind beim Thema Vogelflug gelandet. Eine Ausstellung im St.-Joseph-Stift zeigt bis zum 12. Januar Exponate der beiden Künstler.

Schwachhausen. Vögel bevölkern den hellen Raum. Während Mirsad Herendas dreidimensionale Vogelgestalten aus Draht von der Decke hängen, hängen die Flugtiere von Jónína Mjöll Thormodsdottir eingerahmt an der Wand. Die Isländerin und der Bosnier studieren an der Hochschule für Künste (HfK) und arbeiten unabhängig voneinander. Dass beide das Thema "Vögel" aufgreifen, war Zufall. "Beide Künstler erzählen etwas über sich selbst, wenn sie sich mit diesem Thema beschäftigen", sagt Ralf Schneider von der HfK.

Thormodsdottir interessiert sich vor allem für die Zugvögel, die jedes Jahr vor dem arktischen Winter Island verlassen: Sie überqueren den Nordatlantik und ziehen sich in wärmere Gefilde zurück. "Wie die Zugvögel bin ich in zwei Ländern zuhause", sagt Thormodsdottir. Sie pendelt zwischen ihrem Geburtsland und Deutschland hin und her. Die Reise der Zugvögel stellt für die Künstlerin ein Symbol für das Verabschieden, den Aufbruch und das "Dazwischen-Sein" dar, erklärt sie.

Zurück zur Vulkaninsel

1989 kam Thormodsdottir zum ersten Mal die Bundesrepublik. 1997 erlangte sie ihr Diplom für Kunsttherapie und Kunstpädagogik an der Fachhochschule Ottersberg. Seit vier Jahren studiert die Künstlerin freie Kunst an der Bremer Hochschule für Künste. Ihre Arbeiten waren bereits in Bremen zu sehen, im Jahr 2007 auch in Island. Damals wie heute zieht es die 42-Jährige immer wieder auf die von Vulkanen geprägte Insel zurück. "Ein- bis zweimal im Jahr bin ich für eine längere Zeit in Island", sagt Thormodsdottir.

Dort sei Kunst sehr integriert in das Leben der Menschen: "Viele Isländer schreiben Gedichte und Geschichten". Dabei spielten der Glauben und das Leben in der Natur eine wichtige Rolle, erzählt Thormodsdottir: "Die Isländer fühlen sich der Natur sehr verbunden." Die enge Verbindung zur Natur findet sich auch in der Drucktechnik wieder, die Thormodsdottir für einen Teil ihrer Arbeiten benutzt. Neben Kohle und Bleistiftzeichnungen stellt die Künstlerin auch Lithografien her. Bei diesem sehr alten Flachdruckverfahren dient eine Steinzeichnung als Druckvorlage. "Diese Steinplatten sind recht groß und schwer, daher sind sie auch nicht so mobil", erklärt Ralf Schneider. Viele der in Schwarz und Weiß gehaltenen kleinen Drucke von Thormodsdottir, die in der Ausstellung zu sehen sind, wurden allerdings mit der Alugrafie, einem ähnlichen Druckverfahren wie der Lithografie, zu Papier gebracht. "Der Vorteil oder auch Nachteil der Alugrafie ist, dass man nichts mehr korrigieren oder verändern

kann", sagt Thormodsdottir: "Ein Kratzer oder Strich ist von einer Stelle nicht mehr wegzubekommen."

Mirsad Herenda übersetzt den Vogelflug in dreidimensionale Drahtobjekte. Ralf Schneider erinnert sich noch gut an die erste Begegnung mit einem von Herendas Werken: Eine Installation mit großen Vögeln, die tot vom Himmel stürzten. "Heute gibt es keine abstürzenden Vögel mehr. Sie sind wieder in ihrem Element und fliegen", sagt Schneider.

Der 45-jährige Mirsad Herenda erlebte den Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 als Soldat mit, bevor er in Sarajevo Bildhauerei studierte. Seit sieben Jahren lebt er nun in Bremen. Neben Ausstellungen in der Hansestadt wurden seine Arbeiten auch in verschiedenen anderen deutschen Städten, in Paris und in seiner Heimat Bosnien und Herzegowina gezeigt.

Die Werke sprengen die Vitrinen

Für Herenda war es eine Herausforderung, Plastiken für die Ausstellung im Brunnenhof zu finden, die in die Vitrinen passen, erzählt der Künstler: "Ich habe meine Arbeiten bisher noch nicht in einer Vitrine gezeigt." Seine Werke sind meistens zu groß. Die fliegenden Vögel hat er aus verzinktem Draht geformt. Am liebsten schweißt der Bildhauer aber Eisen und andere Metalle zusammen und erschafft auf diese Weise dreidimensionale Figuren. Herendas Menschen wirken oft leidend. Fünf Figuren einer Bronzeskulptur halten einander an den Händen, einer geht voraus. Sie scheinen bis zum Oberschenkel im Schlamm zu stecken, wollen sich aber fortbewegen. Ihre Körperhaltung verrät große Anstrengung. Im Gegensatz dazu muten die ziegenähnlichen Tiere in der Ausstellung fast fröhlich an. "Das sind Fantasietiere, die ich aus meiner Vorstellung erschaffen habe", erzählt Mirsad Herenda: "Die geistige Welt interessiert mich am Meisten."

Das Faszinierende am Arbeiten mit dem Schweißbrenner ist für den Künstler die Tatsache, dass er während des Arbeitens immer nur gerade den Punkt, den er gerade schweißt, sehen kann - aber nie das Gesamtwerk. "Erst wenn ich die Schweißbrille absetze, kann ich es im Gesamten betrachten", erklärt der Bildhauer.

Die Ausstellung "Ohne Titel - Án Titils - Bez Naziva" läuft noch bis zum 12. Januar in der Galerie Brunnenhof des Krankenhauses St.-Joseph-Stift, Schwachhauser Heerstraße 54, Eingang Schubertstraße. Die Exponate befinden sich in der unteren Eingangshalle, im Eingangsbereich der Augenambulanz und im Brunnenhof in der ersten Etage. Der Eintritt ist frei.

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