Bahnhofsvorstadt „Die Kunst ist, diese Musik nicht zu unterschätzen“

Universitätsmusikdirektorin Susanne Gläß erläutert das Werk von Johnny Parry, das in der Glocke aufgeführt wird.
19.01.2017, 00:00
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„Die Kunst ist, diese Musik nicht zu unterschätzen“
Von Monika Felsing

Frau Gläß, Sie haben ja durchaus ein ­Faible für die gesamte Bandbreite der Musik, der weit über die Klassik hinausgeht, das haben Sie mit Ihren spannenden Konzert-Programmen immer wieder bewiesen. Nun führen Sie mit Ihrem Orchester und Chor ein eher ­unbekanntes Stück auf: Johnny Parrys „An Anthology of All Things“. Wie ist es dazu ­gekommen?

Susanne Gläß: Im Theatersaal der Universität veranstalten wir jeden Dienstag halbstündige Mittagskonzerte. Jeweils einmal im Monat ist dort die Agentur „Songs & Whispers“ mit den von ihr vertretenen Musikern und Musikerinnen zu Gast, häufig sind das Singer/Songwriter. Schon 2009 ist in diesem Rahmen Johnny Parry mit seinem Trio im Theatersaal aufgetreten, und wir sind seitdem in Kontakt geblieben.

Worin liegt für Sie der besondere Reiz der Komposition, können Sie den Inhalt der rockigen „Anthology“ skizzieren und ein bisschen etwas über den Komponisten, den britischen Singer/Songwriter Johnny Parry erzählen?

Johnny Parry hat in seiner Jugend für „Radiohead“ und Grunge Musik geschwärmt, aber ist heute schon lange kein Rockmusiker mehr, nur im dritten Satz der „Anthology“ sind diese Wurzeln noch entfernt hörbar. Keines der existierenden musikalischen Labels passt wirklich auf ihn – das ist aber auch gerade die Qualität seiner Musik und seiner ganz persönlichen musikalischen Vision jenseits aller existierenden Kategorien. Er ist Autodidakt, spielt Klavier und singt Songs mit seiner extrem tiefen Stimme. Das sind Elemente des Singer/Songwriter-Genres. Er hat sich aber auch schon früh für klassische Musik interessiert, besonders für Vaughan Williams und Schostakowitsch und komponiert seit mehreren Jahren für sein mit klassischen Instrumenten besetztes „Johnny Parry Chamber Orchestra“.

Was zeichnet das Werk aus?

Neben seinen musikalischen Qualitäten sind es vor allem die Texte, die „An Anthology of All Things“ auszeichnen. Mit Unterstützung des Arts Council England hat Johnny Parry 2012 in seiner Heimatstadt Bedford im Großraum von London ein Community Project gestartet und 500 Menschen aller Generationen und Schichten gebeten, für das Projekt Texte beizusteuern. Ein extra für das Projekt gegründeter Chor in Bedford hat auch die Uraufführung gesungen –und besteht seitdem und singt auch bei der Bremer Aufführung mit. Die enge Verzahnung und die Gleichberechtigung von Text und Musik sind naturgemäß typisch für das Singer-Songwriter-Genre. Das von Johnny Parry auf der Basis der Text-Spenden, sogenannte donations, erstellte Libretto spiegelt in ungewöhnlich authentischer Weise wegen der Verwendung ausgewählter Text-Spenden einerseits die Lebensrealität des Publikums und überhöht sie andererseits durch die Art der Zusammenstellung und die Kombination mit der Musik künstlerisch zu allgemeiner Gültigkeit.

Was gefällt Ihnen persönlich denn ganz ­besonders an dem Komponisten Johnny ­Parry?

Mir gefallen vor allem Johnny Parrys Feinfühligkeit und Empathie im Umgang mit den Text-Spenden und seine Kreativität, dieses Alltagsmaterial in eine Kunst zu verwandeln, die trotz der großangelegten Steigerungen von fast brucknerischem Format mit ihrer Zartheit berührt. Seine Musik ist sehr reduziert und minimalistisch im Einsatz der Mittel, dasselbe gilt auch für die von ihm selbst zu einem Libretto zusammengestellten Text-Spenden. Die musikalische und die sprachliche Struktur bilden in ihrer Coolness und in ihrer lakonischen Knappheit einen Kontrast zu der emotionalen Thematik. Erfrischend ist dabei immer wieder Parrys Humor. Die Kunst ist, diese im Prinzip einfache Musik nicht zu unterschätzen und sie richtig gut zu spielen und zu singen.

Stimmt es, dass Parry eigens eine „Anthology“-Fassung für Ihr Orchester und Ihren Chor geschrieben hat? Wo lagen bei der Einstudierung die besonderen Herausforderungen?

Bei der Uraufführung 2012 hat Parry das Werk für großen Chor und sein eigenes „Johnny Parry Chamber Orchestra“ komponiert. Da ich das Werk gerne mit Orchester & Chor der Universität aufführen wollte, unser Orchester aber ein groß besetztes sinfonisches Orchester ist, hat Parry für das Orchester der Universität Bremen mit großzügiger Unterstützung durch die Karin-und-Uwe-Hollweg-Stiftung eine Fassung für Sinfonieorchester und Chor erstellt, denn der große orchestrale Klang entsprach sowieso seiner Grundintention.

Ein E-Mail-Interview von Sigrid Schuer.

Am Sonnabend, 21. Januar, halten Susanne Gläß und Studierende im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5, um 11 Uhr in der ­Reihe „Wissen um 11“ den Einführungsvortrag zu John Parrys „An Anthology of All Things“. Eintritt frei. Das Werk erlebt am Sonntag, 29. Januar um 20 Uhr in der Glocke, Domsheide 6-8, seine deutsche Erstaufführung. In dem Semester-Abschlusskonzert erklingt zudem Ralph Vaughan Williams‘ „Pastoral Symphony“. Die Konzertkarten kosten zehn bis 27 Euro und sind erhältlich bei Nordwest-Ticket, Telefon 36 36 36.

Zur Person

Susanne Gläß, Dirigentin, Geigerin und promovierte Musikwissenschaftlerin, ist seit 1996 Universitätsmusikdirektorin der Universität Bremen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Verbindung von musikwissenschaftlicher Lehre mit musikalischer Praxis durch die Gestaltung von Programmheften und Einführungsvorträgen zu den Konzerten der Universitätsmusik in musik- und kulturwissenschaftlichen Seminaren.
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