Waller Friedhof Die Lebenden und die Toten

Seit knapp 250 Jahren dient der Waller Friedhof nicht nur als letzte Ruhestätte, sondern auch als Ort der Ruhe für Lebende. Eine Reportage auf dem Friedhof, auf dem Gegenwart und Geschichte sich nah kommen.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Die Lebenden und die Toten
Von Lisa-Maria Röhling

Das Rauschen ist nicht aufdringlich. Aber es ist da. Wer das gusseiserne Eingangstor zum Waller Friedhof durchschreitet, hört es schon: Es untermalt das Krächzen der Raben, die sich in den kahlen Bäumen tummeln, das leise Klappern der Fahrräder, deren Fahrer den Friedhof als Abkürzung auf ihrem Weg zur Arbeit nutzen, das metallische Klingen der Rechen der Gärtner, die von Grabstein zu Grabstein gehen.

Das Rauschen gehört nicht hierher. Die Quelle ist schnell ausgemacht: Hinter hochgewachsenen Eichen und Buchen, hinter zahllosen Grabsteinen schieben sie sich dicht an dicht vorbei, Lastwagen um Lastwagen passiert die Bremerhavener Straße, die im Südwesten an den Friedhof grenzt. Dahinter erstreckt sich das Hafenindustriegebiet, in der Ferne ist das Emblem von Roland Mehl zu erkennen. Nur eine Mauer trennt den Friedhof Walle von der Straße. „Den Verkehr hört man trotzdem“, sagt Steffen Rathsmann vom Umweltbetrieb Bremen. Doch der Waller Friedhof ist auch sonst ein Ort der Gegensätze: ein Park mitten im Industriegebiet, eine letzte Ruhestätte, die auch für die Lebenden ein Ort der Ruhe sein soll. Gegenwart und Geschichte, ganz nah beieinander.

Das Tageslicht ist diesig und trüb und die feuchte Winterluft kriecht unangenehm in den hoch geschlossenen Kragen. Rathsmann, graue, kurze Haare, dunkel-blaue Jacke, freundlicher Blick, hat seinen Stockschirm vorsorglich unter den Arm geklemmt, während er über die Pfade des Friedhofes führt. „Jeden Tag werden hier Bestattungen durchgeführt“, sagt er. 2017 habe es 112 Erdbestattungen und 600 Urnenbeisetzungen gegeben. Auch heute ist unweit des Eingangs ein längliches Erdloch ausgehoben, 1,80 Meter tief. Darauf sind Metallstreben und zwei Schienen befestigt, auf denen ein Sarg abgestellt werden kann. Besinnliche Ruhe herrscht an diesem Vormittag allerdings nicht: Mitarbeiter des Umweltbetriebes Bremen fahren mit kleinen Lastenfahrzeugen über die breiten Teerwege auf dem 33 Hektar großen Areal, vorbei Grünflächen und Grabreihen, die an den Rändern mit kahlen Bäumen und akkurat geschnittenen Eiben gesäumt sind. Ihre Ladeflächen sind mit Rechen, Besen und Harken bepackt. Eine Friedhofsmitarbeiterin mit grauen Arbeitshandschuhen und grüner Cargohose kehrt Laub von einem Grab herunter. Am Eingang läuft ein Urnenträger vorbei, langer, schwarzer Talar, schwarzes Barett. Direkt hinter ihm passiert eine weitere Radfahrerin in roter Regenjacke ein Tor und tritt energisch in die Pedale.

So war es schon in der Planung vorgesehen: Auf dem Waller Friedhof sollten die Menschen nicht nur trauern, sondern auch flanieren können. Als der sogenannte Parkfriedhof zwischen 1872 und 1875 erbaut wurde, war das Gelände umgeben von Feldern und Bauernhöfen. Zunächst sollte der neue Beisetzungsort in Walle die innenstädtischen Friedhöfe entlasten, wo Platzmangel herrschte und auch die hygienischen Vorschriften kaum mehr eingehalten werden konnten. Rathsmann zeigt diesen ersten Bereich des Friedhofes auf einer Karte des Geländes: rechteckige Beisetzungsflächen, viermal vier von ihnen, nur an einer Stelle wird das Raster von zwei kreisförmigen Wegen gebrochen. Von dort erstrecken sich größere, neuere Flächen, vornehmlich mit Gräbern aus den 50er- und 60er-Jahren, als ein großer Teil der heutigen Friedhofsfläche erschlossen wurde. Sie sind oval und ausladend, weniger strukturiert, die angrenzenden Wege sind nicht mehr parallel und akkurat. Alle Flächen sind umgeben von Eichen, Buchen und Kastanien, ihre Stämme dick und knorrig, ihre Kronen kahl, aber trotzdem ausladend. Die meisten, sagt Rathsmann im Vorbeigehen, stammen aus der Entstehungszeit. Im Sommer, sagt er, säßen viele Menschen in der Mittagspause auf den Bänken, um ihr mitgebrachtes Butterbrot zu essen.

„Echte Steinmetzkunst, alles Handarbeit“, sagt Steffen Rathsmann und zeigt auf die Felderauszeichnung, ein Stein steht an der Ecke des Weges, ein verwittertes Quader mit einem verschnörkelten Buchstaben. Jede der Grabflächen hat eine solche Auszeichnung, zur Orientierung. Das ist nötig: Wie groß der Friedhof ist, merkt man erst, wenn man darüber geht. Rathsmann läuft mit schnellen Schritten an den Markierungssteinen vorbei und zeigt auf verschiedene Grabanlagen: Baumgräber, an denen 36 Grabstellen für 72 Urnen um einen Baum gruppiert sind. Urnengemeinschaftsanlagen, auf denen knapp 60 Urnen beigesetzt sind, die Namen der Toten sind neben der Grabstelle in flache, rot-graue Marmorsteinen graviert, die zu einer Stele gestapelt sind. Ein Modell, das immer mehr Familien nutzen, sagt Rathsmann. Denn Urnenbeisetzungen erfreuten sich ohnehin wachsender Beliebtheit, außerdem übernimmt die Grabpflege der Umweltbetrieb.

Neue Gräber gibt es noch heute überall auf dem Friedhof: Neben einem schwarzen Grabstein mit goldenen Lettern, auf denen die Namen einer Familie mit Todesdaten in den 1910er-Jahren eingraviert sind, liegt ein glänzender, grauer Marmorgrabstein, der den Namen einer Frau trägt, die 2010 starb. Üblicherweise betrage die sogenannte Ruhezeit für Särge 25 Jahre, für Urnengräber 20 Jahre. Mit Nachbestattungen, beispielsweise wenn eine weitere Urne dazu kommt, werden die Zeiten verlängert. Läuft bei einzelnen Gräbern die Ruhezeit ab, erklärt Rathsmann, bemüht sich die Friedhofsverwaltung, die Grabreihen wieder zu schließen. Dass auf dem Friedhof „botanische Vielfalt“ herrsche, sei aber genauso wichtig wie die Grabpflege. Als ein Eichhörnchen von einem der Bäume herunter hüpft und sich darunter auf die Suche nach Nüssen macht, fügt er hinzu: „Der Friedhof ist auch Lebensraum für Tiere.“

Das trübe Wetter hat sich in einen leichten Nieselregen verwandelt, unter den Schuhen knirschen die Steinchen des Friedhofspfades, in den kahlen Baumwipfeln krächzen Krähen. Typisch Friedhof. Über die verschlungenen Pfade des alten Friedhofsteils geht es in Richtung Südwesten, vorbei an frisch aufgetürmten Grabhügeln, umgekippten Grabsteinen mit verblasster Inschrift, unzähligen Quadern mit Buchstaben darauf. Das Rauschen wird lauter, die Dächer einzelner Lkw sind hinter der Friedhofsmauer zu erkennen, lautes Hupen dröhnt immer wieder herüber. Das Mausoleum, auf das Rathsmann zusteuert, ist schon aus der Ferne zu sehen: Vier kleine Türmchen im gotischen Stil flankieren den verwitterten Baldachin, unter dem sich die Grabstätte befindet. „Dieses Grab ist seit Anbeginn des Friedhofs Walle hier“, sagt Rathsmann. Das Mausoleum der Industriellenfamilie Nielsen, durch Gewürz- und Baumwollhandel zu Reichtum gekommen, ist heute denkmalgeschützt. Drumherum liegen neue und alte Grabstellen aus zwei Jahrhunderten.

Wer dem Mausoleum den Rücken zuwendet, sieht eine Allee aus großen, alten Linden. Ein Mann und eine Frau gehen an den Bäumen vorbei und steuern auf ein Grab zu. Kränze und Schleifen liegen auf einem länglichen Erdhügel, Regen und Nässe haben ihre Spuren bereits hinterlassen. Beide bleiben davor stehen, stecken gleichzeitig die Hände in die Jackentaschen, neigen die Köpfe. Ihr ruhiger Atem steigt in kleinen Dampfwolken in die kalte Luft. Nach ein paar Minuten zieht die Frau ein Taschentuch heraus und putzt sich die Nase. Ein Lastwagen hupt in der Ferne, ein Motor heult auf. Es rauscht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+