Buchbinderin

Die Letzte ihrer Art

Die Buchbinderin Sieglinde Hoidis trotzt dem Wandel der Zeit und wehrt sich gegen das Aussterben ihres Berufes. Sie betreibt die letzte meistergeführte Handbuchbinderei in Bremen.
21.04.2018, 18:34
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Die Letzte ihrer Art
Von Nico Schnurr
Die Letzte ihrer Art

"Wir sind ein kleines Kloster", sagt Sieglinde Hoidis über ihre Waller Werkstatt.

Dustin Weiss

Die Bücher sind bloß Beiwerk. Eine Nebensache, sagt Sieglinde Hoidis, 52, und deutet auf die aufgeschlagenen Seiten vor ihr. Handgezeichnete Flamingos, Fabelwesen, Drachen, ein Yoda, daneben ein paar Zeilen, die ihre ehemaligen Praktikanten, manche Schüler, manche Langzeitarbeitslose, ihr gewidmet haben. Ein, vielleicht zwei Sätze stehen da zum Bücherbinden. Dann folgen Besinnungsaufsätze, wie die Zeit bei Sieglinde Hoidis sie verändert hat.

„Wir sind ein kleines Kloster“, sagt Hoidis. Sie meint das wirklich so. Vor sechs Jahren war sie ausgebrannt, sie hatte eine Druckerei-Firma in Bremerhaven geleitet, mehr als 50 Mitarbeiter, irgendwann wurde ihr alles zu viel. Die Wochenenden genügten nicht mehr, um sich zu erholen, ständig gestresst, immer erschöpft. „Da habe ich gedacht: Ich verzichte jetzt auf 2000 Euro im Monat und gehe ein paar Schritte zurück.“

Letzte Handbuchbinderei in Bremen

Zurückversetzt fühlt man sich ihrer Buchbinderei in Walle tatsächlich: ins 19. Jahrhundert, mindestens. Buchpressen, Fadenheftmaschinen, nichts funktioniert digital, alles analog, mechanisch. Technik wie aus dem Museum. Auf einem Schrank thront eine Truhe, eine Innungslade von 1640, die älteste Deutschlands. Sieglinde Hoidis hat ernstgemacht mit dem Verlangsamen.

2013 übernahm sie die Buchbinderei Focken. Hoidis gehört zu einer aussterbenden Art. Sie führt die letzte Handbuchbinderei in Bremen. Eher zufällig kam sie in die Branche, Goldschmiedin oder Töpferin waren der eigentliche Plan, Hauptsache Handwerk, aber es fehlte an Lehrstellen. Also Buchbinderin, ein Beruf, von dem sie bis dato nie gehört hatte.

Für die maschinell unterstützten Arbeiten kommen teils sehr alte Geräte zum Einsatz.

Für die maschinell unterstützten Arbeiten kommen teils sehr alte Geräte zum Einsatz.

Foto: Dustin Weiss

Dabei war der in den 1980ern noch vergleichsweise verbreitet. Heute scheint Hoidis Handwerk vielen wie ein Anachronismus, aus der Zeit gefallen, gestrig. Hoidis hat dabei zusehen müssen, wie das traditionelle Buchbinden verschwand. Wie die Aufträge immer öfter an günstigere Betriebe nach Polen gingen. Wie Copyshop-Ketten in die Innenstädte zogen. Und wie E-Books und E-Paper dem Buch Konkurrenz machten.

Copyshop-Ketten sind schneller und günstiger

Früher kamen Kunden am Ende des Jahres zu ihr, weil sie die Monatsausgaben ihrer liebsten Magazine zu einem Nachschlagewerk binden lassen wollten. E-Paper-Dateien druckt heute niemand aus und lässt sie sich binden. „So sind die Zeiten.“ Die Zeiten sind so, dass Sieglinde Hoidis sie manchmal nicht mehr versteht. Nicht mal mehr auf die Studenten, früher die klassische Klientel, kann sie sich verlassen.

Die Copyshop-Ketten binden natürlich nicht besser als sie, aber sie sind schneller und günstiger. „Die ganzen Studenten sollen ruhig zu Staples und McPaper rennen, ich schicke sie da inzwischen sogar hin, weil ich keinen Nerv mehr auf die geringe Wertschätzung meiner Arbeit habe“, sagt Hoidis. „Wenn es nur darum geht: fertig in einer Viertelstunde und maximal 4,95 Euro, dann sind sie bei mir falsch.“

Alles analog: Das Kapitalband klebt Hoidis selbst an.

Alles analog: Das Kapitalband klebt Hoidis selbst an.

Foto: Dustin Weiss

Sieglinde Hoidis hat sich mit den Zumutungen der Gegenwart arrangiert. Aufhören kommt für sie nicht infrage. Sie will nicht einfach hinnehmen, dass ihr Beruf langsam ausstirbt. Hoidis glaubt, dass sie noch gebraucht wird. „Es geht um den Erhalt von Werten und Traditionen.“ Sie hat ihre Aufgabe darin gefunden, ihren Beruf nach außen zu tragen. „Ich will das anderen vorleben“, sagt sie.

Hilfe von Praktikanten

Schulklassen kommen sie besuchen, ab und an veranstaltet die Kunsthalle Führungen durch ihre Werkstatt. Am Welttag des Buches, am morgigen Montag, 23. April, lädt sie zum Tag der offenen Tür, und seit Kurzem bietet Hoidis auch Kurse an, in denen sie Anfängern das Buchbinden beibringt. Die Miete sichern ihr gerade noch Anwaltskanzleien und Bibliotheken, die ihre Bestände und Unterlagen binden lassen.

Für Restaurants macht sie die Speisekarten, für Familien stellt sie Chroniken zusammen. Es reicht, irgendwie. Sie kommt über die Runden, manchmal nur gerade so. Ihre einzige Angestellte musste sie entlassen. Hilfe bekommt sie jetzt etwa von Günter Müller, ihrem 81-jährigen Dauerpraktikanten, und anderen Praktikanten, die ein paar Wochen bleiben, bevor sie sich dann in ihrem Buch mit den Flamingos und Yoda verewigen.

Sieglinde Hoidis hat keine Angst, dass sie bald nicht mehr gebraucht wird. Dass ihr Handwerk überflüssig wird. „Das Buch wird niemals aussterben“, sagt sie. Hoidis hat keinen Fernseher mehr, kein Radio, kein Internet. „Ich musste mich diesem Gewusel entziehen.“ Sie glaubt, dass es immer mehr Menschen so geht. „Ein iPad hält vier Jahre, ein Buch mehrere Menschenleben.“ Irgendwann, sagt Sieglinde Hoidis, werden die Leute das schon einsehen.

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