Schlichtbauten in Sebaldsbrück

Die letzten Mieter vom Sacksdamm

Die Schlichthaus-Bewohneram Sacksdamm sind verunsichert durch anstehende Kündigungen. Neue Wohnungen sind für sie noch nicht in Sicht. Der Wohnungskonzern Vonovia will die Schlichtbauten jedoch abreißen.
10.08.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von CHRISTIAN HASEMANN

Die Sonne scheint, aber es ist kühl für einen Sommervormittag. Tau glänzt im Gras der kleinen Vorgärten im Sacksdamm und der Alten Landwehr in Sebaldsbrück. Viele Gärten und Häuser lassen auf den ersten Blick erkennen, dass dort niemand mehr wohnt. Anders ist es bei den Helbers: Die neunköpfige Familie Helber ist eine von wenigen noch verbliebenen Mietparteien in den sogenannten Schlichthäusern, die der Wohnungskonzern Vonovia für ein Neubauprojekt abreißen will.

Schon im vergangenen Jahr waren die Pläne bekannt geworden. Seitdem gibt es Gespräche zwischen der Eigentümerin und den Mietern. Einigen Mietern konnte das Unternehmen inzwischen alternative Wohnungen anbieten, andere warten noch auf die passende Wohnung. Für Familie Helber war unter den bisherigen Angeboten des Konzerns allerdings noch nicht das Richtige, berichtet Simone Helber, die an diesem Vormittag in ihrem Vorgarten sitzt und Kaffee trinkt. „Das, was angeboten wurde, würde die Familie zerreißen.“ So sollten die ältesten Kinder jeweils in eigene Wohnungen ziehen. Das kommt für Simone Helber – jedenfalls solange die Kinder dies nicht selbst wollen – nicht infrage. „Ich bin verpflichtet, für die Kinder bis zum 25. Lebensjahr Unterhalt und Unterkunft zu gewähren.“ Mit dem Gehalt ihrer Ausbildungsplätze bekämen die Kinder schlicht nicht genügend Lohn. Simone Helber ist aber auch klar, dass die Wohnungssuche für ihre neunköpfige Familie sehr schwer ist. „Wir haben seit eineinhalb Wochen nichts mehr gehört, ich gehe davon aus, dass sie sich weiter kümmern, aber es ist natürlich schwer, etwas für uns zu finden.“ Mit „sie“ ist das Wohnungsunternehmen Vonovia gemeint, das für die Mieter der Schlichtwohnungen in Sebaldsbrück alternative Wohnungen nicht nur im eigenen Wohnungsbestand sucht. Seitens des Konzerns heißt es, dass für einen Großteil der Kunden inzwischen neue Wohnungen gefunden worden seien und dass das Unternehmen auch mit anderen Anbietern kooperiere, um die beste Lösung zu finden. Zum Jahresende möchte der Konzern mit den Bauvorbereitungen für die Neubausiedlung am Sacksdamm / Alte Landwehr beginnen. Inzwischen leben nur noch acht Mieter am Sacksdamm und der Alten Landwehr. „Im Grunde genommen warten alle auf ein richtiges Angebot“, sagt Simone Helber über die verbliebenen Nachbarn.

Zustand geht an die Substanz

Auch sie hält nicht an der Wohnung im Sacksdamm fest. Sie spricht zwar von neun Monaten Kündigungsfrist für die Wohnung. „Aber wir ziehen aus, wenn etwas Passendes gefunden ist.“ Keinesfalls würde sie sich hier anketten, wie sie sagt. „Das würde ich meinen Kindern nicht antun.“ Seit vier Monaten beobachte die Familie deswegen intensiv den Wohnungsmarkt. „Aber bisher haben wir nicht eine Wohnung gesehen und der Wohnungsmarkt ist leer.“ Ein Häuschen mit Garten oder eine Wohnung mit Keller müsste es sein. „Wir gucken ab sechs Zimmern.“ Möglichst im selben Stadtteil sollte die Wohnung sein. „Ich möchte gerne hier in der Nähe sein, wegen der Schule und den Vereinen, in denen meine Kinder sind.“

Der jetzige Zustand gehe der Familie an die Substanz. „Die Kinder liegen teilweise abends weinend im Bett, die wollen hier nicht weg und kriegen natürlich etwas mit“, sagt Simone Helber. Jeden Tag gehe sie mit Sorge zum Briefkasten und warte auf die Kündigung. Nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft hegt die Mutter Sorgen: „Mit einer neuen Wohnung wird es wirtschaftlich richtig schwer.“ Denn die verhältnismäßig günstigen Mieten der Schlichthäuser erreichen die angebotenen neuen Wohnungen nicht. Dazu heißt es aus der Konzernzentrale in Bochum: „Bei den Mietpreisen orientieren wir uns grundsätzlich an den ortsüblichen Konditionen.“ Weiter heißt es, dass sehr individuelle Lösungen notwendig seien, die im Dialog mit den Kunden gesucht und ausgestaltet würden. Hinter vorgehaltener Hand heißt es in der Alten Landwehr und im Sacksdamm, dass einige Mieter für einen raschen Auszug Geld bekommen hätten. Zu diesem Gerücht möchte sich der Konzern auf Nachfrage des Stadtteil-Kuriers nicht äußern.

Klar ist aber: Die Nachbarschaft zieht nach und nach aus und das Neubauprojekt Am Sacksdamm / Alte Landwehr rückt näher.

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