Interview mit Bremer Yoga-Lehrerin

„Die Leute gehen immer glücklicher, als sie gekommen sind“

Susan Schwedthelm ist Yoga-Lehrerin aus Bremen. Im Interview spricht die Leiterin des Yoga-Studios „Prana“ in der Neustadt worum es beim Yoga geht und was ihr spiritueller Name „Siri Shakti“ bedeutet.
29.03.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Simon Wilke
„Die Leute gehen immer glücklicher, als sie gekommen sind“

Susan Schwedthelm hat eine Ausbildung zur Kundalini-Yoga-Lehrerin abgeschlossen und unterrichtet neben Yoga auch Tanz und Pilates.

Simon Wilke

Frau Shakti, ist Yoga überhaupt ein Sport?

Siri Shakti: Ja, ein Teil von Yoga ist Sport. Aber ein anderer ganz großer Teil sind beispielsweise ethische Richtlinien, Meditation oder Atemübungen. Zur Erklärung: Es gibt die acht Arme des Patanjali, die das Yoga ausmachen. Und nur ein Arm, also ein Aspekt davon, ist die körperliche Betätigung. Aber das ist nicht das, was Yoga ausmacht, denn den Sport kann ich mir auch woanders holen.

Worum geht es dann?

Darum, sich selbst, seinen Körper und seinen Geist besser kennen zu lernen. Hilfsmittel für den Alltag außerhalb der Yogastunde zu haben. Kurze Übungen, um zum Beispiel besser mit stressigen Situationen umgehen zu können. Oder auch Selbstdisziplin. Sich eine Übung rauszusuchen und sich selbst zu verpflichten, sie jeden Tag zu machen, um auf dem eigenen spirituellen Weg weiterzukommen.

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Aber viele Menschen sehen in Yoga wohl vor allem eine Sportart, oder?

Sich vor allem auf die anderen Aspekte zu fokussieren, wäre hier im Westen wahrscheinlich auch nicht durchführbar. Die Menschen sitzen den ganzen Tag am Schreibtisch. Wenn du dann sagst, dass sie jetzt mal bitte eine Stunde meditieren sollen, werden sie ja kirre. Der Körper braucht davor Bewegung, um die Anspannung abzubauen und den Geist runterzufahren.

Und das braucht Disziplin?

Ja, weil wir stark von den Medien und unserer Umwelt abgelenkt werden. Wir sind wenig bei uns selbst. Es braucht Disziplin, zu lernen, sich selbst wahrzunehmen, weil das in unserer Gesellschaft nicht natürlich ist.

Das heißt im Umkehrschluss, dass Sie sich von all den Stressfaktoren losgesagt haben, die unsere Gesellschaft prägen?

Ja, so gut es geht. Ich nutze natürlich auch das Internet, aber ich habe kein Smartphone und bewege mich nicht in den sozialen Medien. Ich versuche mich da bewusst rauszuhalten, weil ich weiß, dass all das mein Unterbewusstsein beeinflusst. Stattdessen versuche ich einen Ausgleich zu schaffen, wenn ich mal vor dem Laptop saß. Dann mache ich im Anschluss Yoga oder meditiere.

Wenn nicht der sportliche Erfolg, was ist dann das Ziel von Yoga?

Im Grunde ist das Ziel die Erleuchtung, auch, wenn das sehr pathetisch klingt.

Erleuchtung im religiösen Sinn?

Auch, aber jeder, der es erlebt hat, beschreibt es anders. Zum Beispiel das Gefühl von immer währendem Richtig- und Gutsein. Man hat sehr viel Energie und fühlt sich ausgeglichen. Man steht ein Stück weit über den weltlichen Problemen.

Aber was ist, wenn man aufhört zu meditieren? Wird es dann wieder dunkel?

Ein erleuchteter Zustand kann über Jahre andauern, dein restliches Leben ausfüllen oder auch nur eine Sekunde vorhalten. Es gibt auch Berichte von Menschen, die einen solchen Moment als unendliche Wahrheit beschreiben – und das muss man ja auch erst mal aushalten. Andere machen über lange Jahre Yoga, und dieses Gefühl baut sich langsam auf.

Hatten Sie so einen Erleuchtungsmoment?

Ich glaube nicht.

Aber würden Sie es merken?

Ich würde es wahrscheinlich merken. Aber ich finde es besser, wenn man sich von dem Begriff Erleuchtung löst und wegkommt von der Vorstellung eines Yogi, der seit 20 Jahren in einer Höhle sitzt und meditiert. Manche meiner Schülerinnen und Schüler kamen mit diesem Gedanken zu mir. Bei uns ist das aber schlicht nicht möglich. Sich mit Spiritualität und Wahrnehmung zu beschäftigen, kann deshalb schon ein Weg zur Erleuchtung sein.

Hat Yoga denn einen direkten Einfluss auf Ihren Alltag?

Ich profitiere davon in allen Bereichen meines Lebens. Wir sind alle viel angespannt, durch Arbeit, Kinder, Medien – es gibt kaum eine reizarme Umgebung. Erst wenn man sich ins Bett legt, soll man sich plötzlich entspannen. Das funktioniert dann natürlich nicht. Schlafstörungen sind weit verbreitet. Beim Yoga kann man gezielt die Entspannung fördern und schläft dann beispielsweise besser. Aber das ist nur ein Aspekt von vielen.

Wie sind Sie zum Yoga gekommen?

Ich habe einen VHS-Kurs besucht, als ich 16 Jahre alt war. Ich habe den Probekurs belegt und bin dann bei dieser Lehrerin gleich elf Jahre lang geblieben. Seit fünf Jahren unterrichte ich nun Kundalini Yoga und habe heute ein eigenes Yogastudio.

Siri Shakti ist Ihr spiritueller Name. Woher kommt er?

Es gibt viele Traditionen, in denen spirituelle Namen vergeben werden. Es gibt Stellen, an die man sich mit dem Wunsch nach einem Namen meldet. Und die Person, die dort Ansprechpartner ist, ist darin ausgebildet, anhand einiger Daten einen Namen für dich zu finden.

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Nach welchen Kriterien?

Man muss Angaben zu sich selbst machen, aber auch nach Geburtsdatum und astrologische Daten.

Und was bedeutet Ihr Name?

Siri bedeutet „sehr groß“ und Shakri ist die „kreative, erschaffende, weibliche Energie“. Der Name ist eine Art Wegbegleiter, eine Gabe, die dich daran erinnert, wer du bist und was du kannst. Das ist natürlich bei jeder Person anders und bei Weitem nicht alle Yoga-Lehrerinnen haben solch einen spirituellen Namen.

Gibt es denn bei Yoga verschiedene Stufen, die man erreichen kann? Wie es beispielsweise beim Karate verschiedene Gürtel gibt?

Im Kundalini-Yoga gibt es Ausbildungen: Level-Eins, -Zwei und -Drei. Wer die Level-Eins-Ausbildung hat, darf offiziell unterrichten. Ich habe die jetzt gerade abgeschlossen. Die nächsten Level drehen sich dann weniger um die Lehrtätigkeit, als um die eigene Person.

Kundalini-Yoga? Ist das eine Yoga-Art?

Ja. Insgesamt gibt es wahnsinnig viele Yoga-Richtungen, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben. Mein Yoga, das Kundalini-Yoga, unterscheidet sich dadurch von vielen anderen Arten, dass es viel dynamischer ist. Wir halten nur wenige Positionen, sondern wir bewegen uns im Atemrhythmus in dieser Position. Das sorgt für Bewegung in den Organen. Außerdem singen wir Mantren...

...also bestimmte Wörter, die immer wiederholt werden und spirituelle Kraft entfalten sollen...

...um in einen Entspannungszustand zu kommen, in dem man an sein Unterbewusstsein herankommt. Es ist eine Art Trance. Und wir tragen oft weiße Kleidung dabei.

Ist das etwas für Jedermann und -frau?

Kundalini Yoga ist sehr intensiv. Es wird mit geschlossenen Augen praktiziert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das für manche Menschen schwierig sein kann. Nur mit sich selber zu sein heißt auch, sich selbst aushalten zu müssen. Das fällt vielen Menschen schwer. Für diese Menschen wäre ein anderer Kurs sicher besser. Es gibt ja noch viele andere großartige Yoga-Richtungen.

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Gibt es denn bei all diesen verschiedenen Richtungen ein großes Netzwerk von Menschen, die Yoga machen? Oder bleiben die Leute eher unter sich?

Es gibt Dachverbände, aber auch kleinere Gemeinschaften. Natürlich hat jede Lehrerin und jeder Lehrer seine eigenen Kurse. Aber in Bremen gibt es beispielsweise den Yogagarten in Findorff. Dort wird versucht, regelmäßig Treffen für Yoga-Lehrende in Bremen zu organisieren. Und das ist gerade auch für das Kundalini-Yoga total wichtig.

Wie bereiten Sie sich auf ihre Sitzungen vor?

Ich habe vor meinen Yoga-Stunden ein Ritual, bei dem ich versuche, von meinen eigenen Bedürfnissen Abstand zu nehmen und mich nur auf das Lehren zu fokussieren. Das ist für mich eine sehr tiefe spirituelle Erfahrung. Ich könnte nicht lehren, wenn ich in Gedanken bei meiner Familie bin oder nach der Lösung für ein akutes Problem suche. Aber natürlich ist es auch tagesformabhängig. Ich muss mir manchmal auch mehr Zeit nehmen, um letztendlich ganz klar bei meiner Arbeit zu sein.

Aber ist es kein Widerspruch, solche spirituellen Erfahrungen täglich zwingend abrufen zu müssen?

Natürlich gibt es viele Momente, die sehr herausfordernd sind. Wenn ich zum Beispiel vorher einen Streit hatte. Ich bin ja auch nur ein Mensch und sage meinem Kurs dann, dass ich einen schlechten Tag habe, was aber nur selten vorkommt. Wenn es aber so ist, fangen wir langsam an und dann komme ich eigentlich immer rein.

Gab es schon einmal besondere Momente in Ihrem Unterricht?

In jeder Stunde! Es passiert regelmäßig, dass danach jemand zu mir kommt, mich in den Arm nimmt und sagt: Das war genau das Richtige heute. Sei es, dass die Person einfach mal richtig Weinen konnte oder jemand mit körperlichen Beschwerden mir sagt, dass eine Übung, die ich gezeigt habe, geholfen hat. Die Leute gehen immer glücklicher aus der Stunde, als sie reingekommen sind. Wobei Yoga nicht immer nur schön ist.

Warum das?

Gefühle, die sich festgesetzt haben, können sich beim Yoga lösen. Das kann richtig hart sein, wenn man so mit sich und seinen Emotionen konfrontiert wird.

Das klingt, als bräuchte es dafür ein sehr sicheres Umfeld.

Auf jeden Fall! Deswegen habe ich kleine, aber dafür feste Gruppen. Zehnerkarten gibt es bei mir nicht.

Haben Sie ein Ziel, dass Sie durch Yoga noch erreichen wollen?

Eigentlich ist es schon ganz gut gerade. Aber natürlich möchte ich immer weiser werden, das Leben besser kennen lernen, ruhiger sein und anderen Menschen dabei helfen, sich selbst zu helfen. Je mehr Erfahrungen ich sammle, desto besser geht das.

Das Gespräch führte Simon Wilke.

Info

Zur Person

Susan Schwedthelm (31) ist Bremerin und leitet unter ihrem spirituellen Namen Siri Shakti seit 2018 das Yoga-Studio „Prana“ in der Neustadt. Den Menschen betrachtet sie als eine „Gesamtheit aus Körper, Geist und Seele“. Sie hat eine Ausbildung zur Kundalini-Yoga-Lehrerin abgeschlossen und unterrichtet neben Yoga auch Tanz und Pilates. Unter anderem leitete sie im Jahr 2017 ein Tanzprojekt für geflüchtete Frauen.

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Zur Sache

Philosophie und Bewegung

Für manche ist es bloß ein Weg, sich fit zu halten. Andere sehen im Yoga die Verbindung von körperlichen Übungen mit philosophischen Lehren. Die ersten Yoga-Meister, Yogis genannt, soll es schon 1500 Jahre vor Christi Geburt gegeben haben. Laut dem Berufsverband der Yogalehrenden haben im Jahr 2018 mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland aktiv Yoga praktiziert.

In Deutschland können viele unterschiedliche Yoga-Kurse über Volkshochschulen und andere öffentliche Bildungseinrichtungen gebucht werden. Sie werden aber auch in vielen privaten Yoga-Zentren und -Schulen angeboten. Die Kosten für entsprechende Kurse werden zum Teil von Krankenkassen übernommen, weil durch Muskelstärkung und Stressbewältigung die Gesundheit gefördert werden soll.

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