Interview mit einem Curler „Die Leute wollen nicht immer Drama“

Peter Rickmers gehörte lange zu den besten deutschen Curlern. Im Interview spricht er über Fairness, Olympia und was Curling mit Raketenwissenschaft gemeinsam hat.
15.02.2020, 21:40
Lesedauer: 6 Min
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„Die Leute wollen nicht immer Drama“
Von Nico Schnurr
Herr Rickmers, gibt es einen Curling-Witz, über den Sie lachen können?

Peter Rickmers: Sehr viele sogar.

Dann mal los.

Also der mit dem Wischen kommt immer.

Und der geht wie?

Ich höre ständig: Deine Küche muss ziemlich sauber sein, du kannst doch so gut putzen. Weil ich beim Curling auf dem Eis ja auch wische, damit die Steine perfekt flitzen.

Und darüber können Sie lachen?

Naja, ich amüsiere mich weniger über den Witz, eher darüber, dass ich immer wieder denselben Spruch zu hören bekomme.

Das nervt Sie nicht?

Ich finde, man muss den Sport nicht mögen, aber man braucht ihn auch nicht ins Lächerliche zu ziehen. Da stehe ich aber drüber.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Sport ernst genommen wird?

Früher ist Curling überhaupt nicht ernst genommen worden. Heute sieht das zum Glück anders aus.

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Die „Zeit“ schreibt, Ihr Sport sei so „aufregend wie ein Schokopudding beim Abkühlen“.

Sehr gut.

Wollen Sie gar nicht widersprechen?

Doch, doch. Wenn man die Grundlagen verstanden hat, ist Curling total packend. Auch ein langsamer Sport kann spannend sein. Bei uns liegt die Action in der Ruhe.

Sind die Zeiten nicht zu hektisch für einen entschleunigten Sport?

Ein gewöhnliches Spiel dauert zweieinhalb Stunden, natürlich ist das etwas langwierig. Deswegen werden die Partien in Deutschland ja auch selten am Stück übertragen, meistens werden nur Abschnitte live gezeigt.

Tatsächlich sind die Einschaltquoten oft hoch, wenn Curling läuft.

Die Teams sind klein, vier Personen bloß. Die Kamera ist ganz nah dran, man kann die Gesichter der Sportler sehen, ihre Emotionen. Der Zuschauer ist direkt dabei, deswegen funktioniert Curling im Fernsehen. Vielleicht auch gerade, weil der Sport relativ ruhig ist und nicht so aggressiv daherkommt.

Curling gilt als sehr fairer Sport.

Wir kommen fast immer ohne Schiedsrichter aus. Es ist ein Gentlemen-Sport. Man kann schlecht schummeln und foulen auch nicht.

Und Rivalität?

Klar, die gibt es, aber nach dem Spiel lädt der Gewinner den Verlierer immer zu einem Drink ein.

Klingt nett.

Glauben Sie mir, Curling ist total nett.

Aber irgendwie auch harmlos, oder?

Die Leute wollen gar nicht immer Drama.

Und Sie?

Wenn ich mich auf dem Eis ärgere, reagiere ich mich beim Wischen ab. Da kann ich meine ganze Energie rausballern.

Wie wird man ein guter Wischer?

Ein guter Wischer braucht ein gutes Auge. Ich schruppe nicht stumpf herum, ich variiere den Druck, den ich auf den Besen ausübe. Als Wischer bin ich verantwortlich dafür, dass der Stein die richtige Länge hat, wie wir sagen. Ich muss wischen, dabei ruhig bleiben, Zappeln funktioniert nicht, und dann muss ich auch das Eis beobachten.

Sie beobachten das Eis?

Das gehört zu meinen Aufgaben. Wir spielen auf einem ungewöhnlichen Untergrund, das Eis ist nicht ganz flach. Auf der Oberfläche werden feine Wassertropfen versprüht, die schnell gefrieren. Sie machen das Eis sehr empfindlich, darauf muss ich achten.

Worauf?

Das Eis wandelt sich ständig, alles in der Halle hat einen Einfluss darauf, das Spiel selbst, die Scheinwerfer, die Anzahl der Menschen im Publikum. Wer nicht aufs Eis achtet, wird kein guter Curler.

Ist das anstrengend: Eis beobachten, gleichzeitig wischen?

Oh ja. Körperlich braucht es Kraft und Ausdauer, deswegen betreiben Curler viele Ausdauersportarten, sie gehen laufen oder fahren Drachenboot. Vor allem ist Curling aber eine Kopfsache.

Wieso?

Beim Curling geht es um die Strategie, ein bisschen wie beim Schach: Oft denkt man mehrere Züge voraus. Und man hat sehr viel Zeit zum Nachdenken. Bloß wer anfängt, über Fehler zu grübeln, wird neue Fehler machen. Es geht also darum, den Kopf unter Kontrolle zu kriegen. Klingt komisch, aber wenn ich einfach mache und nicht weiß, was ich tue, dann weiß ich, dass es gut läuft.

Und wie schalten Sie den Kopf aus?

Vor dem Spiel hilft Musik, „Firestarter“ von The Prodigy zum Beispiel, ein echter Klassiker in unserer Mannschaft.

Rave-Hymnen vor einer Curling-Partie. Hätte man auch nicht unbedingt erwartet.

Es geht nicht so sehr um den Song, eher um die Erinnerungen, die er hervorruft. Mit der Mannschaft im Wagen, auf dem Weg von der Halle zurück ins Hotel, hinter dir liegt ein erfolgreiches Spiel, und dann kommt dieser Song. Für mich funktioniert er wie eine Rückbesinnung, bevor ich komplett auf Durchzug schaltete. Wenn ich das Lied vor einem Spiel höre, denke ich kurz an die Turniere, die ich mit dem deutschen Team hatte.

Sie waren beispielsweise bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi.

Vielleicht nicht das beste Beispiel.

Weil es sportlich nicht so gut lief?

Wir waren 2014 das erste norddeutsche Team, das für Deutschland bei Olympia gestartet ist. Eine Riesensache für uns, wir sind da als Amateure mit normalen Jobs teilweise gegen richtige Profis angetreten. Natürlich hatten wir uns trotzdem mehr erhofft als nur einen Sieg aus neun Spielen. Die eigentliche Enttäuschung kam aber danach.

Was meinen Sie?

Ich meine das Verhalten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Die Verantwortlichen haben uns mit ihrer Attitüde vermittelt: Dabeisein ist eben doch nicht alles, es zählt nur Gold.

Kurz nach Sotschi hat der DOSB die Fördergelder für Curling gekürzt.

Wir haben erlebt, wie man wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wird. Als wir vorgestellt wurden, das erste komplett norddeutsche Curling-Team bei Olympia, haben sich die Politiker und Funktionäre auf die Fotos gedrängelt. Dann lief es sportlich nicht rund, und zack, waren alle weg. Nach dem Turnier taten dann alle so, als hätten sie schon immer gewusst, dass mit Curling nichts zu holen ist.

Sie ärgern sich ja richtig.

Wir haben uns damals wirklich ausgenutzt gefühlt. Wir sind nicht nach Sotschi gereist, um berühmt zu werden. Wir haben das gemacht, weil wir den Sport lieben und ihn nach vorne bringen wollten, raus aus der Nische, raus aus dieser Lachnummer-Ecke. Und dann werden direkt nach dem Turnier die Fördergelder eingekürzt. Das war ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte das Gefühl, niemand sieht, wie viel wir persönlich investiert haben, um überhaupt zu Olympia zu kommen.

Was haben Sie denn investiert?

Eine Menge Zeit und Geld natürlich. In den Jahren vor Olympia sind wir quer durch Europa gereist, von Turnier zu Turnier, anfangs immer auf eigene Kosten. Insgesamt haben wir uns zwei Jahre lang auf Olympia vorbereitet, davor haben wir schon eine ganze Weile auf hohem Niveau in ganz Europa gespielt. Das macht kaum eine Familie und kaum ein Arbeitgeber auf Dauer, deshalb bin ich sehr denkbar für die Unterstützung. Die Zeit ging wirklich an die Substanz.

Was war daran so anstrengend?

Ich habe ständig gedacht: Verdammt, ich mache nichts richtig. Ich bin auf der Arbeit nicht voll da, verpasse Termine, weil ich auf Turnieren bin. Beim Curling spiele ich nicht so, wie ich mir das wünsche, weil ich noch mehr trainieren müsste. Und die Familie sieht mich auch kaum. Ich habe mich völlig zerrissen gefühlt zwischen diesen Welten. Manchmal bin ich nach Hause gekommen, habe meine Tochter gesehen und war traurig. Ich habe gedacht: Wie groß bist du denn geworden? Da habe ich gemerkt: Ich verpasse total viel.

Bereuen Sie, bei Olympia gewesen zu sein?

Nein, das Erlebnis selbst entschädigt für viele Strapazen. Schön war auch, dass meine Familie in Sotschi dabei sein konnte. Trotzdem ist mir danach schnell klar geworden: Unter solchen Umständen, mit dieser Sportförderung, kann ich so einen Aufwand nicht noch noch mal betreiben. Ich spiele weiterhin Curling, aber nicht mehr auf diesem Level. Ich konzentriere mich jetzt auf die Familie. Und auf meinen Job.

Sie sind Raketenforscher.

Ich arbeite beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bremen. Wir versuchen, wiederverwendbare Raketen zu erforschen und benutzbar zu machen.

Gibt es Parallelen zwischen dem Beruf und Ihren Sport?

Mir hilft es im Job, dass ich beim Curling gelernt habe, mit Kritik umzugehen. Wir hatten nie einen richtigen Trainer, also mussten wir lernen, uns untereinander im Team sehr ehrlich die Meinung zu sagen, ohne dass sich jemand gleich angegriffen fühlt. Davon profitiere ich im Beruf. In der Luft- und Raumfahrt arbeitet man ständig in großen Teams zusammen, man ist auf die Meinung von anderen angewiesen.

Ist Curling auch eine Raketenwissenschaft?

Ob Curling so kompliziert ist? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist nicht alles beim Curling planbar. Man muss mit Unsicherheiten leben, es geht um Wahrscheinlichkeiten, das macht das Spiel aus. Das ist in der Wissenschaft ganz ähnlich. Und noch etwas: Als Forscher muss ich immer wieder um die Förderung von Projekten kämpfen. Für mich nichts Neues. Auch das kenne ich vom Curling.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Peter Rickmers (40) hat lange zu den besten deutschen Curlern gehört. Er nahm 2014 an den Olympischen Winterspielen in Sotschi teil. Rickmers gewann mehrfach die Deutsche Meisterschaft im Curling, er spielte bei Welt- und Europameisterschaften. Er lebt in Hamburg. Rickmers forscht als Raumfahrtingenieur am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bremen.

Info

Zur Sache

Curling

In Bremen gibt es keinen Curling-Club, bundesweit sind es insgesamt weniger als 20 Vereine. Peter Rickmers spielt beim Curling-Club Hamburg, einem der Spitzenvereine des Sports. Treibende Kraft hinter dem Verein ist John Jahr, dessen Großvater einer der Mitbegründer der Verlagsgruppe Gruner + Jahr ist.

Peter Rickmers stammt aus einer bekannten Hamburger Reederfamilie. Seine Eltern brachten ihn vor mehr als 30 Jahren zum Curling, mit neun Jahren stand er das erste Mal auf dem Eis. Seitdem ist er einer von etwa 800 Spielern, die den Sport aktiv in Deutschland betreiben.

Nicht überall fristet der Sport so ein Nischendasein. In Kanada etwa zählt Curling zu den Nationalsportarten, mehr als eine Million Kanadier betreiben den Sport. Die logische Folge: Das kanadische Nationalteam gewinnt regelmäßig Gold bei den Olympischen Winterspielen. Davon können die deutschen Curler meist nur träumen.

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