Glücksforscher Gerhard Meyer Die Macht der Automaten

Gerhard Meyer nennt Zahlen, als wäre er ein Automat. Er beziffert auf Anhieb den Bruttospielertrag, den Spielhallen, wie es sie immer mehr an der Autobahn gibt, im Vorjahr erwirtschaftet haben – „4,7 Milliarden Euro“.
19.11.2015, 00:00
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Die Macht der Automaten
Von Christian Weth

Gerhard Meyer nennt Zahlen, als wäre er ein Automat. Er beziffert auf Anhieb den Bruttospielertrag, den Spielhallen, wie es sie immer mehr an der Autobahn gibt, im Vorjahr erwirtschaftet haben – „4,7 Milliarden Euro“. Und den der klassischen Spielbanken in Innenstädten – „508 Millionen Euro“.

Er sagt ad hoc, wie viele von ihnen bundesweit 2014 schließen mussten – „fünf“. Und wie viele neu dazugekommen sind – „eine“. Er weiß, ohne nachzuschauen, dass es in der Republik noch 44 Spielbanken gibt, die jedes Spiel bieten, und noch 23, in denen ausschließlich Automaten stehen. Seine Ziffern haben allerdings nichts mit Algorithmen zu tun, wie manche Spielgeräte, über die er schreibt. Sondern mit Studien und Befragungen. Manche nennen Meyer einen Glücksforscher, er selbst bezeichnet sich einfach als Diplom-Psychologe. Einer, der sich auf pathologisches Spielverhalten und Prävention spezialisiert hat.

Der Mann von der Bremer Uni kommt bei all seinen Zahlen zu dem Schluss, dass die Spielbanken – auch wenn sie weniger werden – nicht aussterben. Er spricht von einem Wandel: weg vom klassischen Casino mit Blackjack und Roulette hin zu Spielhallen, in denen die Automaten in der Überzahl sind oder ausschließlich Geräte stehen. Darum, sagt er, werden die Spielbetriebe an der Autobahn mehr und die Spielbanken in den Städten weniger. „Mit den Maschinen wird das Geld gemacht.“

Meyer, der immer wieder der Branche kritische Studien vorhält, freut sich nicht, wenn eine Spielbank schließt. Er sagt, dass es legales Glücksspiel geben muss und illegales viel gefährlicher ist, weil nicht kontrollierbar. Nur meint er, dass die klassischen Casinos mehr machen müssen, um Spieler davor zu schützen, die Kontrolle zu verlieren. Nach seinen Zahlen sind im vergangenen Jahr 27 674 Menschen vom Glücksspiel gesperrt worden. Allerdings weniger von den Spielbanken als vielmehr auf Initiative der Spieler selbst. Meyer: „Meistens veranlassen sie das, wenn sie bei einem Suchtberater waren.“

Dass sich Spielbanken logischerweise schwer tun, ihre eigene Kundschaft auszuschließen, lässt der Psychologe als Argument nicht gelten. Er sagt, dass sie nicht bloß von Verantwortung reden, sondern auch verantwortlich handeln müssen. Und einige, sagt er, machen das auch. In manchen Spielbanken hat Meyer das Personal eigens geschult. Nicht nur darin, wie mit krankhaften Spielern umzugehen ist, sondern vor allem, wie sie überhaupt zu erkennen sind.

Das hat er genauso untersucht wie die Frage, was Poker eigentlich ist – ein Glücks- oder ein Geschicklichkeitsspiel? Für Meyer ist es ersteres, weil der Spieler nur so verhalten oder forsch agiert, wie die Karten auf seiner Hand sind. Kürzlich war er in Las Vegas. Zum einen, um über die Poker-Studie zu referieren. Zum anderen, um das Finale der Poker-Weltmeisterschaft zu erleben. Als Beobachter.

Seit Neuestem beobachtet er noch etwas anderes: glücksspielende Jugendliche und wie das Internet sie beeinflusst. 2000 junge Menschen in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein sind dazu befragt worden. Und noch einmal so viele sollen im nächsten Jahr befragt werden. Dann will Meyer die Ergebnisse vorstellen. Ein Resultat hat er jetzt schon: „Die virtuellen Automaten lassen die Spieler in der Regel mehr gewinnen als verlieren – als Anreiz, um es später, wenn sie 18 sind, an einem echten Gerät zu versuchen.“

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