Historiker erforscht Verbindung des einstigen Berner Krankenhaus Kückens und der Nazi-Klinik Wehnen „Die meisten Ärzte wussten, was sie taten“

Die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg war während der Naziherrschaft die zentrale Tötungsklinik im Nordwesten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Oldenburger Historiker Ingo Harms konnte nachweisen, dass Hunderte Patienten aus Krankenhäusern in Wilhelmshaven und Bremen nach Wehnen verlegt wurden, wo sie bald darauf starben.
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Von Georg Jauken

Die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg war während der Naziherrschaft die zentrale Tötungsklinik im Nordwesten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Oldenburger Historiker Ingo Harms konnte nachweisen, dass Hunderte Patienten aus Krankenhäusern in Wilhelmshaven und Bremen nach Wehnen verlegt wurden, wo sie bald darauf starben. Zwischen 1933 und 1945 sollen dort mehr als 1500 Patienten getötet worden sein. Jetzt wollen die Forscher herausfinden, ob das „System Wehnen“ auch von den Ärzten und Krankenhäusern in der Provinz mitgetragen wurde.

Herr Harms, in Ihrer aktuellen Untersuchung geht es um die Frage, ob Patienten aus dem Krankenhaus Kückens bewusst und gezielt in die Todesklinik Wehnen verlegt wurden. Wie hat Ihre Beschäftigung mit den Krankenmorden in der Region angefangen?

Ingo Harms: Die Krankenmorde der Region untersuche ich seit 1994. Meine Dissertation über die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen ist 1996 auf den Markt gekommen.

Warum interessieren Sie sich jetzt unter anderem für das ehemalige Berner Krankenhaus Kückens?

Schon bei meiner Dissertation haben ich festgestellt, dass die ganze Region zum Einzugsgebiet der Tötungsanstalt Wehnen gehörte. Aus allen Krankenhäusern der Region wurden Patienten nach Wehnen verlegt. Im Einzelfall ist es interessant zu schauen, welche Absicht hinter der Verlegung stand.

Welche Absichten waren das?

Die Absicht kann gewesen sein, dass der Patient an einer landläufigen Form von Geisteskrankheit litt und er deshalb verlegt wurde. Es kann aber auch sein, dass man den Patienten einfach nur los werden wollte. Wenn man ihn los werden wollte, stellt sich die Frage, ob der Arzt Bescheid wusste, was dem Patienten in Wehnen zustoßen würde.

Wussten die Ärzte im Krankenhaus Kückens Bescheid?

Bisher gibt es nur Anhaltspunkte, aber noch keine belastbaren Indizien.

Was sind das für Anhaltspunkte?

Ein Anhaltspunkt ist, dass es in der Wesermarsch rassenhygienische Ärzte gab, die ein Interesse daran hatten, die Patienten unfruchtbar zu machen oder sie zu vernichten. Zu diesen Ärzten gehörte der Amtsarzt Dr. Bruno Fortmann, der in den 1930er und 1940er Jahren das Gesundheitsamt in Brake geleitet hat und deswegen zu den Verdächtigen gehört, Patienten auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen.

Und er wusste, was in Wehnen mit den Patienten passiert?

Bei Dr. Fortmann gehen wir davon aus, da er ein erklärter Rassenhygieniker war. Er war Mitglied im Freikorps „Brigade Erhardt“ und der SA und hat mit dem rassenpolitischen Amt zusammengearbeitet. Er hat sich auch dafür eingesetzt, dass im Nordenham ein Film mit dem Titel „Erbgesund“ gedreht wird. Dazu ist es aber nicht gekommen.

Wussten auch die Ärzte im Krankenhaus Kückens, dass ihre Patienten in der Heilanstalt Wehnen nicht lange überleben würden?

Ich gehe davon aus, dass die meisten Ärzte damals Bescheid wussten und genau wussten, was sie taten, wenn sie Patienten nach Wehnen überwiesen.

Warum glauben Sie das?

Weil es sich bei den Verlegungen um Patienten handelte, die den Kriterien der Euthanasie entsprachen: unheilbar, nicht arbeitsfähig, Pflegefall. Ärzte, die solche Patienten überwiesen haben, haben in der Regel mit Wehnen zusammengearbeitet. Sie wollten ihren Teil dazu beitragen, alles aus der Volksgemeinschaft auszuscheiden, was ihr schaden kann, wie man damals sagte.

Was für eine Art Klinik war das Krankenhaus Kückens? Und wieso gab es überhaupt ein Krankenhaus in Berne?

Es war ein kleines Krankenhaus, gegründet von Rudolf Kückens in Form einer Stiftung, um in der Region Krankenhausplätze für die örtliche Bevölkerung anbieten zu können. Kückens kam selbst aus Berne. Der erste Patient wurde 1890 aufgenommen.

Warum ist das Krankenhaus 1970 geschlossen worden?

Ich denke, dass es sich wirtschaftlich nicht mehr getragen hat.

Wie genau wollen Sie herausfinden, ob das Krankenhaus Kückens in die Krankenmorde verstrickt war?

Das ist schwierig, weil es nur wenige Betten gab und es keine Krankenakten mehr gibt. Allerdings sind die Aufnahmelisten lückenlos vorhanden. Das ist ein riesiger medizinhistorischer Schatz, den uns der heutige Besitzer des Altenpflegeheims Hans Schröder für die Untersuchung überlassen hat. Jetzt geht es darum, die Listen mit den noch vorhandenen Krankenakten aus Wehnen abzugleichen, um zu sehen, ob Namen von Patienten aus dem Krankenhaus Kückens in Wehnen auftauchen.

Was wissen Sie über medizinische Opfer, die aus anderen Krankenhäusern, Anstalten und Heimen in der Wesermarsch nach Wehnen verlegt wurden?

In Nordenham ist 1944 ein komplettes Krankenhaus aufgelöst worden. Das war das Pflegeheim Elllwürden. Die Patienten sind alle nach Wehnen gebracht worden und alle dort verstorben. In solchen Fällen ist es wichtig zu wissen, welcher Arzt die Verantwortung hatte. Dann kann man sehen, welche Absichten er hatte.

Und die Rolle der Krankenhäuser in Brake und Nordenham untersuchen Sie auch noch?

Auf jeden Fall. Das wäre das nächste oder übernächste Projekt. Das Ende ist nicht abzusehen.

Wie ist es um die Unterstützung Ihrer Arbeit durch die Krankenhäuser bestellt, deren Geschichte Sie erforschen?

Es gibt in den letzten Jahren zunehmend Vorbehalte gegen die Krankenmord-Forschung, da manches Krankenhaus nicht gerne mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Was ist der Grund?

Das liegt meiner Meinung nach an der Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. Dabei spielt auch das Image eines Krankenhauses eine Rolle. Wer ein solches Image falsch versteht glaubt, dass er die Vergangenheit nur verschweigen muss, damit sie nicht stattgefunden hat.

Was denken Sie, wann Ergebnisse zur Berner Krankenhaus-Geschichte vorliegen?

Es hängt von der Finanzierung ab, wann und ob überhaupt. Bei dem Projekt steht nicht die Nazi-Medizin im Vordergrund. Es soll eine Chronik der Gesundheits- und Sozialpolitik von Berne und Umgebung werden. Begonnen habe ich vor zwei Jahren, dann kam etwas anderes dazwischen. Dabei geht es auch um Drittmittel, so dass wir jetzt gleichzeitig am Material arbeiten und noch Finanzierungsanträge schreiben.

Das Interview führte Georg Jauken.

Zur Person

Ingo Harms (65) wurde in Oldenburg geboren, wo er später an der Universität Geschichte studierte. 1996 erwarb er seinen Doktortitel mit einer Dissertation über Rassenhygiene und „Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen im Dritten Reich und veröffentlichte seitdem zahlreiche Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik. Hatte sich Harms anfangs noch gegen einige Widerstände aus dem Landeskrankenhaus der Thematik angenommen, konnte dort 2004 die Alte Pathologie als Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen im Oldenburger Land eingeweiht werden. In der Forschungsstelle Geschichte der Gesundheits- und Sozialpolitik an der Universität Oldenburg widmet sich Harms der Vertiefung der Forschungen und der Aufarbeitung der Fälle. An der Universität Heidelberg beteiligt er sich an einem Projekt zur Erforschung der Psychiatrie nach 1945.

GJ

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