Michael Behrmann über seine Motivation, sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einzusetzen

„Die Menschen vom Druck befreien“

Am vergangenen Wochenende sollte die BGE17-Tournee in Bremen gastieren und auch Sie dort einen Vortrag zum BGE, dem bedingungslosen Grundeinkommen, halten. Worum geht es?Michael Behrmann: Die BGE-Tournee läuft ja unter dem Titel: „Grundeinkommen - ein Gewinn für alle“. Die Tour ist von Unterstützern der Grundeinkommensidee initiiert worden, die sich jeweils in ihren Bereichen damit beschäftigt haben, dies nun aber auch gemeinsam öffentlich machen wollen.
15.05.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gerald Weßel
„Die Menschen vom Druck befreien“

Michael Behrmann wohnt in Findorff und ist Pastor und Krankenhausseelsorger im Klinikum Bremen-Ost in Osterholz.

Gerald Weßel

Am vergangenen Wochenende sollte die BGE17-Tournee in Bremen gastieren und auch Sie dort einen Vortrag zum BGE, dem bedingungslosen Grundeinkommen, halten. Worum geht es?

Michael Behrmann: Die BGE-Tournee läuft ja unter dem Titel: „Grundeinkommen - ein Gewinn für alle“. Die Tour ist von Unterstützern der Grundeinkommensidee initiiert worden, die sich jeweils in ihren Bereichen damit beschäftigt haben, dies nun aber auch gemeinsam öffentlich machen wollen. Die Tour reist durch die Bundesrepublik, und Bremen ist nun auch eine Station.

Bedingungsloses Grundeinkommen. Also heißt es bald „Geld für Nichtstun, Faulheit für alle“? Können sich die Bremerinnen und Bremer also irgendwann auf sehr viel Freizeit und viel Geld freuen?

Nein, an sehr viel Geld und sehr viel Freizeit zu denken, wäre ein Missverstehen der Grundidee. Es dreht sich ja um ein Grundeinkommen. Es geht um einen die Existenz und die Teilhabe sichernden bedingungslosen Betrag an Geld oder Sachleistungen. Doch die allermeisten Menschen würden auf diesem Niveau auch nicht dauerhaft leben wollen. Die Grundidee ist, dass man eine Freiheit erhält, sich Zumutungen nicht durch Existenzbedrohung beugen zu müssen. Es erzeugt einen Freiraum, in dem auch einmal „Nein“ gesagt werden kann. Diese Freiheit bietet die Gesellschaft Menschen aktuell nicht.

Es soll also der Zwang zur Arbeit genommen werden?

Empirische Untersuchungen zeigen, dass es keinen Zwang zur Arbeit braucht. Wir glauben nicht, dass der Mensch von Natur aus und generell faul ist. Er möchte vielmehr weitgehend selbst bestimmen, was er tut und was ihm selbst wichtig ist. Zu unterscheiden ist zudem zwischen Erwerbsarbeit und anderen Arbeiten, die unter Umstände sogar wichtiger sind als manche bezahlte Arbeit, denken Sie nur an Erziehungsarbeit oder Pflege, die werden häufig von Frauen freiwillig und ohne Erwerbslohn gemacht. Umfragen ergaben, dass Menschen selbst bei Erhalt eines Grundeinkommens weiter arbeiten würden. Da sagen 80 Prozent: 'Ja, ich arbeite weiter, wenn vielleicht auch in reduziertem Umfang'. Gleichzeitig meinen diese 80 Prozent aber, dass nur 20 Prozent ihrer Mitmenschen es auch so halten würden. Alle anderen würden aufhören zu arbeiten. Ein seltsames Misstrauen gegenüber den anderen à la: 'Ich bin fleißig, alle anderen nicht.' Merkwürdig, oder?

Gib es neben dem emanzipatorischen Grundeinkommen noch andere Modelle?

Ja, unsere Idee ist das Grundeinkommen als ein Mittel, um die Gesellschaft freier, demokratischer und gleichberechtigter zu machen. Daneben gibt es aber inzwischen auch beispielsweise neoliberale Befürworter. Sie sehen im Grundeinkommen eine Chance, die bestehenden Verhältnisse fortzusetzen und Herausforderungen wie den zu erwartenden Erwerbsarbeitsplatzverlusten durch die Digitalisierung zu bewältigen. Manche wollen sich der Idee bedienen, um den Staat noch schlanker zu machen und noch mehr in Bereichen der für die meisten Gesellschaftsmitglieder wichtigen Daseinsvorsorge zu kürzen. Ich spreche dabei gerne von feindlicher Übernahme der Idee.

Wie hoch müsste so ein emanzipatorisches Grundeinkommen sein?

Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Sachleistungen, wie zum Beispiel kostenloser ÖPNV oder reduzierte Energie- oder Telekommunikationskosten. Auch die Finanzierung der Krankenversicherung spielt da beispielsweise hinein. Der Gesamtwert an Leistungen müsste schon über 1000 Euro liegen, dürfte aber auch nicht zu hoch sein. Es müsste allerdings auch ein Mindestlohn in relevanter Höhe bestehen, damit das BGE nicht als Kombilohn missbraucht werden kann.

Aber wer würde dann die unliebsamen Arbeiten machen?

Das ist recht simpel: Die schwierigen, belastenden Berufe sind in unserer Gesellschaft ja zurzeit häufig unterbezahlt. Das wird sich dann verändern, weil manche sagen könnten: Das mache ich nur gegen bessere Bezahlung oder nur zu besseren Bedingungen. Es wird sich ein neues Gleichgewicht einpendeln.

Es wird sich also auch das Verständnis und die Wertigkeit von Arbeit verändern?

Ja, viele heute unterschätzte Arbeiten werden anders geschätzt werden: Ob dies nun die klassische Hausarbeit oder das Reinigen von Gebäuden ist. Die Sicht auf diese Berufe wird sich ändern, davon ist auszugehen. Zudem werden Menschen eher sinnvollere, sie mehr erfüllende Tätigkeiten suchen. Stupide, gefährliche Arbeiten werden eher automatisiert werden. Menschen können sich damit ausprobieren und zu einer gesünderen, umwelt- und ressourcenschonenderen Gesellschaft beitragen, ohne unter materielle Zwänge zu geraten. Es heißt dann nicht mehr: „Hauptsache Arbeit“, sondern: „Hauptsache leben in einer sinnvollen Rolle in deiner Welt!“

Ein Ziel dahinter ist also auch ein Systemwandel?

Ja, so kann man es sagen. Es macht sehr viel Sinn, ein Grundeinkommen mit anderen Maßnahmen zu kombinieren. Wir haben hier eine große Nähe zu Attac und dessen Slogan: „Eine andere Welt ist möglich!“ Zum Beispiel mit einer Finanztransaktionssteuer, die ein Grundeinkommen auch mitfinanzieren könnte. Ein weiteres Stichwort wäre hier Post-Wachstums-Gesellschaft. Das Grundeinkommen nimmt dabei eine wichtige Rolle ein, da Menschen unter Zwang nicht frei entscheiden können. Das Grundeinkommen ist kein Allheilmittel aber – davon sind inzwischen sehr viele überzeugt – es ist ein wichtiger Baustein für eine zukünftige Gesellschaft, die wir uns gerecht, demokratisch, friedlich und ökologisch wünschen.

Trotz aller Vorteile wäre solch eine Ent­wicklung ein enormer Schritt. Wie sehen Sie das?

Für uns steht das Leben der Menschen im Vordergrund und nicht ein abstrakter Wachstumsbegriff und der Nutzen des Menschen als Arbeitskraft. Nun ist das Schöne am Grundeinkommen, dass es bereits vor seiner Einführung beginnt zu wirken. Denn die Diskussion darüber sorgt bereits jetzt dafür, dass Leute die gegenwärtige gesellschaftliche Situation betrachten, Welt- und Menschenbilder hinterfragen. Dabei ist der Gedanke an ein BGE so außergewöhnlich nicht. Denn es gibt ja bereits bedingungslose Leistungen: Jedes Kind, gleichgültig wie arm oder reich, erhält Kindergeld. Das ist gut so. Es ist ein partielles BGE – leider noch nicht existenz- und teilhabesicher. In ausreichender Höhe gezahlt, würde es die Kinderarmut beenden. Und mittelfristig wird es in Deutschland auch Lösungen für die Altersarmut geben müssen, die in ähnlicher Richtung zum Beispiel in Holland schon hervorragend funktionieren.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Zur Person

Michael Behrmann ist Mitbegründer und Mitorganisator der Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen in der Bremischen Evangelischen Kirche (BGE.BEK), die kein offizielles Organ der Kirche ist. Behrmann wohnt in Findorff, er ist Pastor und Krankenhausseelsorger im Klinikum Bremen-Ost in Osterholz. Auch ist er bei Attac Bremen in der Arbeitsgruppe zum bedingungslosen Grundeinkommen „Genug für alle“ aktiv, die er vor einigen Jahren mitbegründete.
Die Initiative BGE.BEK gibt einen monatlichen Newsletter heraus, der unter der E-Mail-Adresse initiativebge.bek@nord-com.net" abonniert werden kann. Bezieher des Newsletters werden über Veranstaltungen und Entwicklungen zum Grundeinkommen informiert. Die bundesweite Veranstaltungsreihe "BGE-Tournee 2017" gastierte jetzt im Bremer Gewerkschaftshaus. Ende dieses Monats findet sie in Hannover statt.
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