Flohmarkt für Frauen Die Mode der anderen

Schnäppchen aus zweiter Hand: Hunderte Frauen kaufen und verkaufen ihre Kleidung mehrmals im Jahr beim Bremer Second-Hand-Flohmarkt "Woman" in den Messehallen.
04.03.2018, 21:22
Lesedauer: 4 Min
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Die Mode der anderen
Von Sara Sundermann

Lederjacken und Glitzershirts, ein Ganzkörper-Jogginganzug im Stil der Neunziger, rote Schuhe und ja, sogar ein Hochzeitskleid wird hier weiterverkauft: Der Modeflohmarkt „Woman“ dürfte einer von Bremens größten Treffpunkten für Frauen sein, die auf Second-Hand-Mode stehen. Ein Revier für Retro-Fans und Schnäppchenjägerinnen, aber auch für diejenigen, die zeitlose Basics suchen und wenig Geld für Kleidung ausgeben können oder wollen.

Von Frauen für Frauen, das ist das Prinzip dieses Marktes: Rund 300 Frauen verkaufen ihre ausrangierten Stücke, etwa 2500 Besucherinnen kommen zum Kaufen. Dutzende von ihnen stehen schon Schlange, bevor sich die Türen der Messehalle an der Bürgerweide überhaupt geöffnet haben.

Wer hier seine ausrangierten Stücke verkauft, trägt dazu bei, dass weniger Kleidung in den Müll wandert oder ungenutzt im Schrank liegt. Zugleich sorgen Frauen bei der „Woman“ auch dafür, dass die Schränke sich wieder füllen. Die Deutschen kaufen sich im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr. Die Lebensdauer von Textilien hat sich verkürzt, neue Kollektionen kommen in immer kleineren Abständen auf den Markt.

Wird auch der Takt beim Kaufen schneller? „Ich glaube schon, vielleicht wird das auch durch Social Media unterstützt“, sagt Corinna Schulz, die ihre ausrangierte Kleidung auf der „Woman“ verkauft. „Wenn man auf Instagram ein Outfit sieht, wird man mit einem Klick dorthin weitergeleitet, wo man das kaufen kann.“ Die Eventmanagerin hat nach einem Umzug aussortiert und verkauft zum Beispiel ihr grünes Silvesterkleid: „Bevor ich die Sachen in die Altkleidersammlung gebe, verkaufe ich sie lieber hier, vieles ist einfach noch zu gut erhalten, um es weg zu werfen“, sagt die 32-Jährige. „Ich möchte meinen Kleiderbestand minimieren, und vielleicht hat jemand anderes noch was davon.“

Der Andrang beim Modeflohmarkt, der vor 17 Jahren mit einer Verkaufsfläche von 2000 Quadratmetern in einer kleinen Halle startete und sich heute auf 10 000 Quadratmeter ausgedehnt hat, zeigt die Lust auf neue Sachen. Auch viele junge Frauen sind gekommen. „Wir sind jedes Mal hier“, erzählen die Schwestern Greta und Jula Guder, die gemeinsam mit Freundin Lisa Schmalfuß angerückt sind. „Mädels brauchen alles.“ Sie haben schon drei große Taschen mit ergatterten Schnäppchen gefüllt, darin lugen ein Mantel, Turnschuhe und ein Dirndl hervor. „Es ist günstig, es gibt eine große Vielfalt von Sachen, man sieht viele Looks und viel Vintage“, sagt Jula Guder. „Es gibt besondere Stücke, nicht nur Sachen von der Stange“, sagt Lisa Schmalfuß, die gerade Sportkleidung anprobiert. Und viele Kleidungsstücke sind so gut wie neu, manches sogar noch gar nicht getragen, wie mehrere Verkäuferinnen offen erzählen.

Sichtbar wird: Die Kleiderschränke der meisten Frauen sind voll. Im Schnitt besitzen Frauen in Deutschland 118 Kleidungsstücke, Männer 73 Teile – Socken und Unterwäsche nicht eingerechnet. Zu diesen Ergebnissen kam Greenpeace 2015 im Rahmen einer repräsentativen Umfrage. Die Zahl der Klamotten nimmt mit der Bildung und dem Einkommen zu. Ein Großteil davon wird selten oder nie getragen (40 Prozent). Demnach liegen zwei Milliarden Kleidungsstücke kaum genutzt in deutschen Kleiderschränken. Jeder achte trägt seine Schuhe heute weniger als ein Jahr, laut Greenpeace wird ein Party-Top im Schnitt nur noch etwa 1,7 Mal angezogen.

Allerdings: Bei den Jüngeren wird Kleidertausch beliebter, ein Viertel der 18- bis 29-Jährigen hat bereits Kleider getauscht, auch das fand Greenpeace heraus. Bei den über 50-Jährigen trifft das nur auf jeden achten zu. Auch digital entstehen mehr Angebote für Austausch und Second-Hand. Apps wie zum Beispiel „Kleiderkreisel“ oder „Mädchenflohmarkt“ bieten Second-Hand-Mode an und bilden eine Plattform fürs Tauschen, Kaufen und Verkaufen. Neuartige Online-Boutiquen wie die Kleiderei aus Hamburg setzen sogar ganz auf Leihen statt Kaufen und bieten jeden Monat vier Kleidungsstücke zum Festpreis an.

„Eigentlich haben wir alle zu viel Klamotten – das ist Mode, und auch eine Frauensache“, sagt Claudia Siegel. Sie hat die „Woman“ vor 17 Jahren gegründet und veranstaltet sie bis heute. „Es freut mich aber, dass die Kleidung weitergetragen wird, und dass hier Frauen aller Gesellschaftsgruppen unterwegs sind.“

Entstanden sei die Idee durchs private Kleidertauschen in einer Runde von Freundinnen, erzählt Siegel, die heute den Rest des Jahres über mit dem Verkauf neuer, hochpreisiger Kleidung befasst ist: Sie leitet ein Modegeschäft auf Sylt. Der Modekreislauf, in dem alle gerne etwas Neues hätten, lässt sich auch auf dem Flohmarkt der „Woman“ beobachten. Siegel beschreibt, dass einige Verkäuferinnen sonntagmorgens extra früh anreisen und ihren Stand aufbauen: So könnten sie noch vor der offiziellen Öffnung der Messehalle selbst das Angebot der anderen abgrasen.

Der Modeflohmarkt „Woman“ findet mehrmals im Jahr statt, immer sonntags von 11 bis 16 Uhr in den Messehallen. Der nächste Termin ist am 10. Juni. Wer seine Kleidung verkaufen will, sollte sich früh anmelden. Die Standgebühren betragen mindestens 29 Euro, dafür bekommt man einen Tisch und einen Stuhl. Die Veranstalter stellen zudem Umkleiden und Spiegel. Der Eintritt kostet für Frauen drei Euro und ist für Männer in Begleitung von Frauen frei.

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