Meeresforscher Tom Vierus stellt im Haus der Wissenschaft noch bis 16. November Fotos von Haien aus

Die Müllwerker der Meere

Altstadt. „Viele Menschen denken an Jäger, wenn es um Haie geht, allerdings sind sie auch Gejagte“, sagt Tom Vierus. Der Fotograf und Meeresbiologe hat im Begleitprogramm seiner Fotoausstellung „Faszination Haie“ in der Reihe „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft über die Bedeutung von Haien in den Ozeanen und deren Gefährdung durch den Menschen gesprochen.
06.11.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus
Die Müllwerker der Meere

Im Haus der Wissenschaft an der Sandstraße sind noch bis zum 16. November Haifotos von Tom Vierus ausgestellt.

Tom Vierus

Altstadt. „Viele Menschen denken an Jäger, wenn es um Haie geht, allerdings sind sie auch Gejagte“, sagt Tom Vierus. Der Fotograf und Meeresbiologe hat im Begleitprogramm seiner Fotoausstellung „Faszination Haie“ in der Reihe „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft über die Bedeutung von Haien in den Ozeanen und deren Gefährdung durch den Menschen gesprochen.

Dabei gibt es nicht den einen Hai, sondern viele verschiedene Vertreter dieser Tierart. Mit über 500 Arten sei es eine unglaublich diverse Tiergruppe, sagt Vierus. Und eine besondere dazu. „Haie sind älter als Dinosaurier, sie existieren seit über 400 Millionen Jahren. Im Gegensatz zu Dinosauriern gibt es Haie aber noch, das heißt, sie sind ein sehr wichtiger Bestandteil der Meere und haben sie zu dem gemacht, was sie heute sind.“

Außerdem haben Haie nicht nur fünf Sinne wie der Mensch, sondern sieben. „An der Schnauze der Haie befinden sich spezialisierte Zellen, die sogenannten ,Lorenzinischen Ampullen‘, mit denen sie elektromagnetische Felder wahrnehmen können“, erklärt Vierus. Wie alle anderen Fische haben Haie außerdem das sogenannte „Seitenlinienorgan“, das sich einmal über den gesamten Körper erstreckt. Damit sind Haie in der Lage, winzige Druckveränderungen im Wasser wahrzunehmen. „Wenn irgendwo ein Fisch schwimmt, kann der Hai das nicht nur sehen, sondern auch spüren.“

Haie sind mit nachwachsenden Zähnen ausgestattet. Wenn also ein Zahn abhandenkommen sollte, schiebt sich der nächste Zahn nach vorne – und das ein Leben lang. Zähnchen haben die Haie auch anstelle von Schuppen am Körper, das macht den Hai aerodynamischer und er kann mit weniger Energieaufwand schnell und weit schwimmen. „Das hat man sich beispielsweise im Flugzeugbau zunutze gemacht, Flugzeuge haben eine ähnliche Beschaffenheit der Außenhaut wie Haihaut“, sagt Tom Vierus. Haie bringen außerdem nur wenige Jungtiere zur Welt. Bei Tieren wird zwischen „K-Strategen“ und „R-Strategen“ unterschieden: Während R-Strategen viele Nachkommen produzieren, von denen nur ein kleiner Teil überlebt, „sind K-Strategen diejenigen Tiere, wozu auch die Menschen zählen, die sehr wenige Jungtiere mit sehr langen Lebensspannen haben, die sehr spät geschlechtsreif werden.“ Haie als K-Strategen pflanzen sich oftmals erst mit 20 Jahren fort.

„Haie haben eine wichtige Rolle im Meer“, sagt Tom Vierus. „Um das zu verstehen, müssen wir uns mal die Nahrungspyramide im Meer anschauen.“ Ganz unten befindet sich das Phytoplankton, kleine Pflanzen, die im Meer schwimmen. Die nächst höhere Stufe ist das Zooplankton, kleine Krebse, die sich vom Phytoplankton ernähren. Darüber stehen größere Fische, die die Krebse fressen, und dann ganz oben steht der Hai: „Von denen gibt es ganz wenige, das sind die Top-Räuber im Meer“, sagt Vierus. Wenn nun aber relativ viele von den Haien aus dem Ökosystem Meer entfernt werden, vermehren sich die Fische, die als Beute unter den Haien stehen, zu stark. „Dann gerät die ganze Pyramide aus der Balance. Haie helfen, das Gleichgewicht im Meer beizubehalten.“ Haie verhindern das Ausbreiten von Krankheiten, da sie vornehmlich alte und schwache Tiere fressen, halten so den Genpool aufrecht und das ganze Meer gesund – „wie die Müllabfuhr“.

Viele Haie haben fischreiche „Haikinderstuben“ nahe an der Küste. Dorthin schwimmen die Muttertiere, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Die Jungtiere haben dort einerseits viel zu fressen, und außerdem finden sie dort selbst Schutz vor größeren Räubern der Meere. „Die kleinen Haie wachsen dort auf, manche ein halbes Jahr, manche länger, bevor sie selbst ihre Reise in den großen Ozeanen wagen.“

Sechs bis zehn Menschen werden pro Jahr von Haien angegriffen, sagt Tom Vierus. „Im Vergleich dazu sterben jedes Jahr mehr Menschen durch herabfallende Kokosnüsse und durch umstürzende Getränkeautomaten.“ Und Menschen wiederum hätten 100 Millionen Haie getötet, was dazu geführt habe, dass mindestens 74 Arten vom Aussterben bedroht seien, merkte der junge Wissenschaftler an. Über die meisten Arten gebe es überhaupt keine Daten, um festzustellen, ob sie vom Aussterben bedroht seien. „Die Zahl ist eigentlich viel höher, nur von den 74 Arten wissen wir es ganz genau.“ Innerhalb von 30 Jahren sind die Bestände einiger Haiarten an der Ostküste Amerikas um 90 Prozent zurückgegangen. Verantwortlich dafür sind zum einen die Fischer, die mit kilometerlangen Langleinen fischen und zum Tod der Haie beitragen, zum anderen werden die Netze immer größer: „In manchen Netzen könnten bis zu elf Jumbojets Platz finden.“ Haifleisch werde in jedem Land der Welt gegessen: „Das sind die Schillerlocken, das ist der geräucherte Bauch vom Dornhai.“

Die Zerstörung von Lebensraum ist ein weiterer Punkt. Haie nutzen die Küstengebiete zur Aufzucht der Jungen, doch diese sind nicht nur durch Hotelneubauten bedroht: „Gerade in Südostasien sind die für Haie wichtigen Mangrovengebiete der Shrimp-Zucht gewichen, damit wir alle billig Shrimps essen können.“ Und auch das „Finning“, das Abschneiden der Flossen, ist üblich: Nach dem Abschneiden der Flossen wird der Körper einfach wieder ins Meer geworfen, bis zu 95 Prozent des Hais bleibt dadurch ungenutzt. Getrocknete Flossen können bis zu 1000 Dollar pro Kilogramm bringen, eine Haifischflossensuppe werde für ungefähr 100 Dollar verkauft, weiß Tom Vierus: „Das Verrückte ist, dass die Flossen eigentlich keinen Geschmack haben, man muss immer noch eine Brühe für den Geschmack dazugeben.“ Man gehe davon aus, dass von 100 Millionen getöteten Haien ungefähr 70 Millionen durch das Finning sterben. „Das Meer gehört uns allen und nicht nur denen.“

Haitauchen und Haitourismus nennt Tom Vierus als Alternative: „Viele Menschen sind extrem fasziniert von Haien und zahlen gerne Geld dafür, um mit Haien zu tauchen. Dieses Geld kommt der lokalen Bevölkerung und den Haien zugute.“ Außerdem trage das Haitauchen zur Aufklärung bei: „Jedem Menschen, der einmal mit Haien getaucht ist, kann man die Mär vom menschenfressenden Hai nicht mehr erzählen.“ Haitourismus führt auch zu Arbeitsplätzen für die lokale Bevölkerung. Auf den Fidschi-Inseln gebe es seit 2004 kommerzielle Tauchgänge, und noch keinen großen Unfall, sagt Vierus. Jedes Jahr kämen 50 000 Urlauber, 42 Millionen Dollar würden mit Tourismus umgesetzt. „Das ist ein riesiger Beitrag, den das Land mit dem Export von Haifleisch gar nicht erzielen könnte.“

Die Bahamas als Weltmarktführer im Haitourismus haben vor Jahren ihr Hoheitsgebiet zur haifischfreien Zone erklärt. „Die Bahamas setzen mittlerweile mehr als 220 Millionen Dollar mit Haitourismus um. Die Haie bleiben am Leben und werden geschützt, sie produzieren Geld, die lokale Bevölkerung hat etwas davon und natürlich auch die Leute, die diese Tauchstationen überhaupt erst eröffnen.“

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